Teil 11: Ein gut gehütetes Geheimnis

Aus Würfelchaos
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Manchmal war die beste Überlebensstrategie, einfach auszuharren. Mit der Umgebung zu verschmelzen, um nicht mehr gesehen zu werden, vergessen zu werden. Es konnte darüber entscheiden, ob man die nächste Morgendämmerung erlebte. Oder die Bedingungen irgendwann zu den eigenen Gunsten verändern.
So, wie sich hoffentlich bald die Tür zur Bibliothek öffnete.
Allmählich war sich Lia nicht mehr sicher, ob sie die richtige Strategie gewählt hatte. Besser als Khadris kopflose Flucht, natürlich – bei dem Gedanken daran spannte sich ihr Kiefer unwillkürlich ein wenig an. Aber war es auch sinnvoller als Heskans Entschluss, nach anderen Fährten zu suchen, mit dem er sich ebenfalls vor einiger Zeit verabschiedet hatte? Besonders, da doch die Zeit drängte. Doch sie wollte die Tür nicht mit Gewalt öffnen. Und ihr den Willen aufzuzwingen, sich zu bewegen, konnte Lia auch schlecht. Obwohl sie es schon lange genug versuchte.
Sie musste endlich aufgehen!
Wenn sie nur lange genug verharrte, würde sich etwas verändern. Sie spürte schon die Anwesenheit eines anderen Lebewesens. Ahnte ein Tappen leiser Pfoten, als sich die Präsenz verstärkte. Und kaum, da sie die Richtung des Geräuschs ausgemacht hatte, bog auch schon Celeste um die Ecke. Die rundliche Bibliothekskatze kam gemessen auf Lia zu und bedachte sie mit einem intensiven Blick, ehe sie ihren Vorderkörper zu einer Verbeugung neigte. Überrascht erwiderte Lia den Gruß mit einem Kopfnicken. Celeste verharrte einen kleinen Augenblick, fast schon erwartungsvoll, doch als nichts weiter passierte, wandte sie sich von Lia ab und erklomm springend die Fenster über mehrere Stockwerke, bis sie weiter oben in einem geöffneten Oberlicht verschwand. Blinzelnd sah Lia ihr nach. Das waren also ihre veränderten Bedingungen gewesen, aber nichts hatte sich zu ihren Gunsten getan. Oder sollte sie etwa auch dort hinauf? Sie war sich ziemlich sicher, dass sie erst durch den Spalt passte, wenn sie sich ein paar Knochen brach. Seufzend senkte sie den Blick wieder hinab auf die Tür – hoffend, dass Celeste ihr half, ehe sie sich wieder zur sehr darauf versteifte, das alte Holz niederzustarren. Und Karidos mit zu vielen Rosinen zu überreden versuchte, mitzumachen.
Wenig später hörte sie aus dem Inneren der Bibliothek ein leises Scharren und ein Türflügel schwang behäbig auf. Dahinter saß Celeste, aufrecht, mit zur Seite geneigtem Kopf und starrte Lia mit großen Augen an – ohne zu blinzeln. Peinlich berührt überlegte die Elfe, ob sie im Umgang mit Katzen etwas übersehen hatte.
„Äh, danke“, murmelte sie schließlich unbeholfen und streichelte Celeste kurz am Kopf, als sie eintrat. Sofort hatte sie das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war. Es verwunderte sie jedoch kaum: Es war noch nie vorgekommen, dass ihre Gefährten die Bibliothek als Ort zur Suche nach Informationen schneller aufgegeben hatten als sie. Dass sie damit als Einzige blieb, um Bücher zu Rate zu ziehen, war ungewöhnlich, wenn nicht Schlimmeres. Am liebsten hätte sie Meresto gefragt, doch von dem alten Bibliothekar war nichts zu hören. Vielleicht schlief er noch – es war schließlich immer noch recht früh. Sie würde ihn schon finden, zu seiner Zeit.
Entschlossen tauchte sie in die Höhlen zwischen den Regalen ein und suchte an den Büchern nach einem Anhaltspunkt. Den Buchrücken nach zu urteilen – denen, die sie überhaupt lesen konnte – schienen Stadtgeschichte und Mythologie allerdings an einer anderen Stelle zu stehen. Konzentriert huschte sie in die nächste Höhle, suchte mit den Augen die Regalreihen ab, fand aber wieder nur Titel, von denen manche zwar interessant klangen, ihr aber immer noch nicht halfen. So arbeitete sie sich vor, während sie zwar nicht sehen, aber fast schon hören konnte, wie sich die Sonne draußen am Himmel hinauf hangelte. Ihr förmlich davon lief.
Einige ergebnislose Höhlen später fand sie Meresto. Der Bibliothekar schlief nicht. Niemand schlief mit einer durchgeschnittenen Kehle.


Die Tür zum Wachposten ging leichter auf, als sie erwartet hatte und knallte laut gegen die Wand, während sie eine Spur zu schwungvoll in den Raum stolperte. Eine sehr deutliche Spur. Die anwesende Tieflingsfrau ließ sofort ihre Feder fallen und ihre Hand zum Schwertgriff schnellen, während sie aufsprang.
Hektisch bremste sie ab und riss beschwichtigend ihre Arme hoch – hoffte jedenfalls, dass es so wirkte. Suchte Platz für einige Worte zwischen ihren keuchenden Atemzügen, brachte allerdings nur ein pfeifendes Winseln zustande.
„Ganz ruhig“, die Wächterin ließ sofort von ihrer Waffe ab und machte ihrerseits eine besänftigende Geste. Schien genau zu wissen, was mit Personen zu tun war, die Hals über Kopf in ihre Wache platzten. Die geballte Professionalität schien ihren Herzschlag augenblicklich ein wenig zu beruhigen.
Sie zwang sich zu einem tiefen Atemzug. „Bib… lio...“, für mehr reichte es dennoch nicht. Angestrengt rief sie die Lektionen wach, mit denen sie ihren Körper besser unter Kontrolle halten konnte und bewusster atmete – dafür hatte sie das schließlich gelernt. „Die Bibliothek … hat heute Morgen nicht geöffnet. Vielleicht … bin ich die Einzige, die das kümmert...“ Womöglich kümmerte es auch ihre beiden Gefährten, aber ganz sicher war sie sich da nicht. „… aber da ist was ganz faul!“
Die Wächterin nickte ernst und blickte kurz auf einen Zeitmesser an der Wand. „Wann öffnet die denn sonst immer?“
Diese Reaktion war nicht überraschend – trotzdem traf es sie unerwartet. „Na ja … die Tür ging bisher immer auf ... wenn ich hinein wollte“, keuchte sie ein wenig ausweichend. „Aber heute … war es eben nicht so! Gestern Abend auch schon...“
„Ist dir sonst noch etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“, die Wächterin legte den Kopf schief. Einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie einen Kommentar über Celeste fallen lassen sollte – die war schließlich immer ungewöhnlich. Aber vermutlich war das dann normal. Ein wenig hilflos hob sie die Schultern: Wenn sie ehrlich war, hatte sie keine Ahnung, wie die Bibliothek vorhin ausgesehen hatte.
„Das klingt danach, als wäre es nichts Gravierendes, sonst hättest du es bemerkt“, meinte die Wächterin in beruhigendem Tonfall. „Vielleicht wurden die Mitarbeiter aus der Frühschicht nur aufgehalten.“
„Darauf will ich doch hinaus! Was sollte die aufhalten, wenn sich niemand mit der Bibliothek beschäftigt?“, ihre Stimme wurde schrill, während ihr Glauben in die Kompetenz der Schwarzdornen einen leichten Riss bekam. „Außerdem gibt‘s da keine verdammte Frühschicht!“
Der Wächterin schien nun ebenfalls aufzugehen, welche Blöße sie sich gegeben hatte. „Schon gut, beruhige dich. Wie lange hast du denn gewartet?“
Nicht so lange, wie sie unterwegs gewesen war, um einen Wachposten zu finden. Doch ihr schwirrender Kopf wusste nur noch, dass sie vor der Bibliothek gewartet hatte – und dass es unangenehm gewesen war, weil…
… weil sie schon wieder Streit gehabt hatten.
Und weil die Welt unterzugehen drohte.
„Dafür hatte ich keine Zeit! Ich habe nur gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist! Und dann ist es doch eure Aufgabe, nach dem Rechten zu sehen!“, ihre Stimme überschlug sich ein weiteres Mal, während die Hand der Wächterin langsam zurück zu ihrem Schwertgriff wanderte. Unruhig trippelte sie einen Schritt zurück und kämpfte ihre aufwallende Panik zurück. Ein leises Stimmchen unter all dem rauschenden Blut und pochenden Herzschlag in ihrem Kopf machte sie darauf aufmerksam, dass sie sich mit ihrem Benehmen womöglich noch hinter Gitter brachte. „I-ich fand es nur sicherer, erst jemanden zu informieren, bevor ich herumschnüffle und mich selbst verdächtig mache – f-falls wirklich mehr im Argen liegt“, fuhr sie deutlich gedämpfter fort. „U-und ich habe auch nicht den ganzen Tag Zeit, wirklich nicht.“
Die Panik kroch unerbittlich und lähmend an ihren Füßen empor. Sie wagte es gar nicht, hinzusehen. Dafür hielt sie auch – beinahe dankenswerterweise – der Blick der Wächterin zu sehr fest, in deren Gesicht eine Augenbraue nur allzu deutlich in die Höhe schnellte.
„Ich kann den Posten hier nicht unbeaufsichtigt lassen, aber ich werde nachsehen, sobald mein Kollege zurück ist“, meinte die Tieflingsfrau in einem Tonfall, der klar machte, dass sie nur klein beigab, weil sie der Diskussion überdrüssig war.
„G-gut, danke … und entschuldigt meinen … Ausbruch“, stammelte sie und rieb sich das schweißnasse Gesicht – mit einer nicht minder schweißnassen Hand. „Nur womöglich wird hier bald völliges Chaos ausbrechen und ich weiß einfach nicht, was ich tun soll, um es zu verhindern.“
Genau genommen hatte die Bibliothek mit diesem viel größeren Problem auch herzlich wenig zu tun. Warum verschwendete sie damit ihre Zeit?
Nun wanderte auch eine Spitze an der Oberlippe der Wächterin in die Höhe, auf der anderen Seite der immer noch erhobenen Augenbraue. „Hier wird bald das ... bitte was?“
Die Stimme in ihrem Hinterkopf wurde etwas deutlicher. Erklärte ihr, dass ihre letzte Aussage unheimlich dumm gewesen war. Plötzlich sah sie die Wächterin mit ganz anderen Augen. „Das ist noch viel dringender!“, platzte sie heraus. „Morgen wird etwas passieren, das womöglich ganz Treymin auf den Kopf stellt! Die Kontrolle über die Gebundenen wird aufgehoben und dann wird die ganze Stadt von Kriminellen überrannt!“
Eindringlich trat sie wieder einen Schritt auf die Wächterin zu. Die jedoch wich zurück. „Woher willst du denn das nun wissen?“
„Ich hab‘s gesehen! Ich war da, als die Weberin-“, ihr Kopf erinnerte sie daran, dass morgen nicht in der Vergangenheit lag. „Wenn … wenn euch die Sicherheit der Stadt lieb ist, solltet ihr mir helfen. Wir müssen dafür sorgen, dass alle Gebundenen zumindest erstmal für diesen Tag in Gewahrsam sind. Am besten holen wir auch die Priesterinnen dazu, damit sie uns helfen. Habt ihr einen guten Kontakt dorthin?“
„Moment – jetzt mal langsam!“, unterbrach die Wächterin barsch ihren Redefluss. Die Tieflingsfrau holte tief Luft. „Welche Beweise hast du dafür, dass das passieren wird?“
Langsam erkannte sie, warum es dumm gewesen war, auf dieses Thema zu stoßen. Die Panik kroch langsam weiter an ihr hinauf und schnürte auf dem Weg das Gefühl in ihren Beinen ab. Gegen ihren Willen beschleunigte sich ihr Atem wieder und das Surren in ihrem Kopf machte es unmöglich, auch nur einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen.
„Ich habe einen Angriff auf die Weberin gesehen“, sie redete wieder lauter als beabsichtigt. „Es gibt weitere Augenzeugen! Und wenn man genau darauf achtet, merkt man auch eine Störung in den magischen Strömen: Das ist-“
Sie schluckte hastig den Rest des Satzes herunter, als die Wächterin ihre Hand aus der Nähe ihrer Waffe zurückzog und stattdessen in die Hüfte stemmte. „So – weitere Augenzeugen. Und wo finde ich die?“
Darauf hatte sie keine Antwort – und das war wahrscheinlich besser so. Doch sie konnte förmlich sehen, wie die Tieflingsfrau ihre Strategie änderte.
„Lass uns zu deinen anderen Augenzeugen gehen, ja?“, meinte die Wächterin plötzlich mit sehr sanfter Stimme und legte eine Hand auf ihre Schulter.
„Aber eben habt ihr doch noch gesagt, dass ihr den Posten nicht verlassen könnt“, murmelte sie irritiert.
Die Wächterin festigte ihren Griff, während sie mit der anderen Hand abwinkte. „Dein Anliegen scheint mir dringend genug, dass ich da auch mal ein Auge zudrücken kann. Am besten gehen wir sofort los. Wo müssen wir denn hin?“
„Nach-“, verwirrt brach sie ab. Ihr fielen zu viele Orte ein – aber sie wusste nicht, welcher der Richtige war.
Die Wächterin bemerkte ihre Unsicherheit und nahm nun auch ihre zweite Hand zur Hilfe, um sie in einen vermeintlich wohlmeinenden Schwitzkasten zu nehmen. „Oje, du bist ja immer noch ganz aufgewühlt. Am besten bringe ich dich lieber erstmal nach Hause, damit du dich ausruhst. Ich kümmere mich um den Rest. Wo wohnst du denn?“
„In … Siaq“, kaum hatte sie es ausgesprochen, wunderte sie sich, wie sie so schnell dorthin kommen sollten. Das war schließlich ziemlich weit weg.
„Wohl eher im Sanatorium“, murmelte die Wächterin leise. Laut genug, dass sie jedes Wort verstand, während sie mit sanfter Gewalt zur Tür gedreht wurde.
In ihrem Kopf brach lautes Gelächter durch all das Chaos in ihrem Kopf, drückte es geradezu beiseite. Sanatorium? Hah, der ist gut! Endlich mal jemand, der ehrlich ist!
Plötzlich war die Stimme wieder glasklar zu hören und sie erinnerte sich daran, wem sie gehörte: Ihr selbst. Und so, wie sie sich aufgeführt hatte, war das mehr als naheliegend.
Schlagartig wurde ihr klar, was sie soeben versucht hatte: Jemanden in einem einfachen Wachposten davon zu überzeugen, alle Kräfte der Schwarzdornen zu aktivieren, um einen erheblichen Teil der Bevölkerung hinter Gitter zu bringen – auf Basis einer Vermutung? Wahrscheinlich gab es dafür gar nicht genügend sichere Räume … und Personal, um sich um diese Aufgabe zu kümmern … von dem bürokratischen Aufwand ganz abgesehen.
Fieberhaft überlegte sie, wie sie um Himmels Willen den Kopf wieder heil aus der Schlinge bekommen sollte – und nicht tatsächlich dort landete, wo die Wächterin sie wohl für am besten aufgehoben hielt. Ihr kam nur ein Weg in den Sinn, der wahrscheinlich funktionierte, auch, wenn sie sich damit noch mehr selbst erniedrigte.
Was ganz klar bedeutet, dass du es tun wirst.
Sie setzte ein Grinsen auf, dass in ihrer aktuellen Verfassung vermutlich völlig wahnsinnig wirkte – genau richtig.
„Nein, nicht Sanatorium“, selbst ihre Stimme spielte plötzlich erstaunlich gut mit – ein erschöpftes Fiepen. „Sanktuarium … m-meine … Enklave lebt im ... Sanktuarium.“
Die Wächterin sah sie einen Moment sehr schief, dann ziemlich genervt an. „Ach, du gehörst zu denen?“
Ganz bewusst entspannte sie ihren Körper und zog ihr Lächeln noch ein wenig breiter. Sie hatte keine Ahnung, ob es einen Ort gab, der sich Sanktuarium nannte. Ihr Gegenüber aber offenbar auch nicht.
„Ja, Schwester“, hauchte sie gespielt hilflos. „Bitte verzeihe mir … ich habe versucht, hinter die Dinge zu sehen und dabei eine große Dunkelheit gefunden. Aber du hast mich daran erinnert, dass mein Platz im Licht ist.“
In ihrem Hinterkopf erklang ein würgendes Geräusch. Neben ihr ein genervtes Seufzen.
„Alles klar, gern geschehen“, die Wächterin klang nicht danach. „Wenn du dich schnell aus dem Staub machst, vergesse ich, dass du dir irgendwelche verdorbenen Kräuter reingepfiffen und mich damit fast genauso verrückt gemacht hast. Dein Glück, dass ich mich mit der Zusammenkunft nicht anlege, wenn ich nicht unbedingt muss. Und jetzt zieh ab – die Sonne findest du draußen!“
Von der Tieflingsfrau gestoßen stolperte sie zurück auf die Straße. Ihre Beine fühlten sich schwer, ihre Füße wund an. Einen Moment blieb sie stehen und versuchte, ihre wirren Erinnerungen an eben zu ordnen. Das Ergebnis war grausames Beispiel für pure Kopflosigkeit.
Langsam machte Khadri ein paar stockende Schritte, ehe sie abrupt wieder stehen blieb. Wo war sie hier überhaupt?


Wie weit war er schon gekommen? Schwerfällig blickte Heskan auf, sein Nacken beteuerte eine klare Meinung zu der Haltung, die er zu lange innegehabt hatte.
Er hatte es für eine gute Idee gehalten, auf den Brücken der Stadt nach Hinweisen auf das Herz zu suchen. Er hielt es auch immer noch für eine gute Idee, schließlich war auf den Brücken die Geschichte der Stadt dokumentiert. Doch nun stand er auf einer der letzten davon – einer von jenen, die zur Trifecta hinaufführten, - doch das Geheimnis des Herzens kannten sie ebenfalls nicht. Oder sie hatten es für sich behalten. Überhaupt hatte er das Wort nur einmal erwähnt gefunden. Als eine Umschreibung für den Stadtkern. Von Geheimnissen keine Spur.
Nachdenklich musterte er den Turm, der sich vor ihm erhob. Darin trafen sich die wichtigsten Personen der Stadt. Bestimmt war darunter auch jemand, der mehr über das Herz wusste. Noch bestimmter hatte Heskan keine Chance, mit einer dieser Personen zu sprechen – dafür verstand selbst er den strengen Gesichtsausdruck der Wachen am Ende der Brücke gut genug.
Nachdenklich neigte er den Kopf erst zur einen Seite, in der Erinnerung, dass die Stadtwache ihm bisher immer sehr entgegenkommend erschienen war, dann zur anderen, weil der finstere Ausdruck der beiden vor ihm das nicht einfach so bestätigen wollte. Scheinbar wog sein Kopf heute jedoch auf beiden Seiten gleich viel: So konnte er nicht ausmachen, für welche Seite die Argumente schwerer ausfielen. Womöglich beeinflusste obendrein sein steifer Nacken das Ergebnis seiner Gegenüberstellung. Er zischelte verärgert – heute war offensichtlich nicht sein Tag.
Blieb ihm also nur ein Weg: Weitere Indizien zu sammeln, die das Gewicht für eine der beiden Seiten entschieden. Entschlossen reckte er sich und marschierte auf die beiden Wachen zu.
„Seid gegrüßt! Arbeitet in der Trifecta jemand, der sich mit den Geheimnissen der Stadt auskennt?“
Seiner Ansicht nach war die Frage völlig unverfänglich, doch die Wachen starrten ihn kurz mit dem Ausdruck an, mit dem ihn bei seiner Ankunft in der Stadt alle begrüßt hatten. Sie fingen sich zwar recht schnell wieder, doch ihr Ausdruck wurde nicht freundlicher.
„Und wenn es so wäre?“, fragte der eine brummig.
Heskan ließ seine Zunge schnalzen. „Nun, wäre es wohl möglich, mit so jemandem einen Termin für ein Gespräch zu bekommen?“
„Und wer soll das dann sein?“, die Wachen wirkten wenig überzeugt.
„Das weiß ich nicht. Deswegen frage ich doch“, wenigstens in einem sah Heskan sich nun bestätigt: Die Stadtwache war immer noch recht schwer von Begriff.
Einer der Wächter schnaubte. „Also soll ich zu jemandem in der Trifecta gehen, möglichst einflussreich?“ Heskan nickte begierig. „Und ihn oder sie fragen, ob sie mal einen Moment Zeit haben?“ Er nickte noch eifriger. „Um einer dahergelaufenen Echse ihre Geheimnisse zu erzählen?“ Das war vielleicht ein wenig pauschal, aber er war immer noch einverstanden. „Bist du völlig bescheuert!?“
Heskan stutzte – wie sollte er diese Frage objektiv beantworten?
„Pass mal auf, Kumpel“, der Wächter, der ihn zuvor schön gelöchert hatte, hob warnend einen Finger. „Ich darf meinen Posten hier verlassen und ein hohes Tier der Stadt aufsuchen, wenn ich von Leuten wie dir belästigt werde. Also scher‘ dich lieber weg, bevor ich mir noch überlege, dass du eine Gefahr für die ganze Stadt sein könntest!“
Er setzte dazu an, zu widersprechen – die Gefahr kam schließlich nicht von ihm, – besann sich dann aber eines Besseren. Er hätte gleich auf die Gehirnhälfte hören sollen, die ihm gesagt hatte, dass die beiden nicht gut auf ihn reagieren würden. Mit einem verärgerten Zischen wandte sich Heskan um und trottete die Brücke wieder herunter.
Welche Möglichkeiten blieben ihm damit noch? Das Einzige, was ihm einfiel, war, dass so früh am Morgen vielleicht noch nicht alle wichtigen Personen Treymins in der Trifecta waren, sondern noch ankamen. Wenn er die vorher abfing, konnte er vielleicht noch etwas herausfinden. Er konnte jedoch nur schwer ausmachen, welche Personen wichtig aussahen. Und diejenigen, die er ansprach, ignorierten ihn oder bedachten ihn mit Gesten, deren Bedeutung er gar nicht genauer studieren wollte. Im Nachhinein stellte sich ohnehin immer heraus, dass keine dieser Personen eine der Brücken zu dem Turm hinauf nahm.
Genau da erblickte er jemanden mit einem Gefolge, das nach persönlichen Leibwächtern aussah. Eine wichtige Person! Erregt hastete er los…
… kam jedoch nur ein paar Schritte weit, bevor er an seinem Kragen zurück gerissen wurde.
„War es Teil deiner Erziehung, dass dir mit Steinen auf den Kopf geschlagen wurde oder warst du schon immer so doof?“
Er war beinahe überrascht, jemanden in seiner Sprache reden zu hören. Dann fiel ihm auf, dass er die Stimme kannte, die da in sein Ohr zischte. Er kannte auch die Dragonborn, die neben ihm stand und ihn festhielt.
„Hör auf, dich wie der letzte Idiot aus den Bergen zu benehmen – selbst, wenn du es bist“, fauchte Sidhrula erbost. „Die Lage ist schon schlimm genug, ohne dass du jedem davon erzählst!“
Und mit diesen Worten begann sie, ihn immer noch am Kragen gepackt über den Sonnenplatz in Richtung der Neuen Oase zu schleifen. Zum ersten Mal ärgerte sich Heskan über sein neu gewonnenes Körperteil, denn Sidhrulas unerbittlicher Griff war ziemlich schmerzhaft.
„Moment – was hast du da gesagt!?“, entfuhr es Heskan, während der Schmerz augenblicklich in den Hintergrund rückte. „Weißt du etwas über das-!?“
„Nicht hier!“, knurrte sie und beschleunigte ihr Tempo. Wohl auch, weil Heskan ihr inzwischen sehr bereitwillig folgte. Er wollte sie darauf aufmerksam machen, dass sie auch gerne seinen Kragen loslassen konnte, doch genau in diesem Moment tat sie es selbst und packte ihn stattdessen am Unterarm. Er hatte keine Ahnung, warum, war sich aber sicher, dass sie es wohl wissen würde. Vermutlich hatte sie schon mehr Erfahrung mit den Reaktionen ihres Umfelds, wenn ein Dragonborn einen anderen durch eine Menschenstadt zerrte. Auf ein Badehaus zu, das für zusätzliche Dienste bekannt war, verstand sich.


Khadri spürte, wie etwas Hartes, Scharfkantiges ihren Rumpf rammte und den letzten Rest Luft aus ihren Lungen drückte. Einen kurzen Moment bestand ihr Blickfeld nur noch aus verschiedenen Obstsorten, ehe ihre Welt umherwirbelte und sie hart auf dem Pflaster aufschlug. Ihr Körper reagierte einen Moment zu spät und machte noch eine halbherzige Rolle als Auffangbewegung, schien dann aber auch zu merken, dass sie schon auf dem Boden lag. Schlagartig wich alle Kraft aus ihren Gliedern, kurz darauf die Hoffnung. Sie war doch so weit gekommen, hatte die Strecke von dem lächerlich weit entfernten Wachposten zum Sonnenplatz in der Hälfte der üblichen Zeit zurücklegen können – warum gab ihr Körper genau jetzt auf?
Oh Mann, hast du das gesehen!? Sie haben sich gekriegt!
Sie hatte es gesehen: Sidhrula und Heskan, wie sie Händchen haltend – wenn man das bei ihren Klauen so nennen konnte – in der Oase verschwanden. Deswegen hatte sie nicht gesehen, was ein Teil ihres Kopfes langsam als einen Obstkarren zusammensetzte, über den sie dann gestolpert und dank ihres Sprinttempos geflogen war. Ein viel größerer Teil versuchte in der gleichen Zeit, den Eindruck zweier scheinbar turtelnder Dragonborn zu verarbeiten – besonders dieser beiden, zu denen das überhaupt nicht passen wollte.
„Alles in Ordnung?“
Khadri fluchte innerlich, als ihr aufging, dass sie auf dem Sonnenplatz alles andere als alleine war und wer damit ihren unfreiwilligen Segelflug hatte sehen können. Und dass sie den Blicken immer noch ausgesetzt war. Der Gedanke gab ihr genug Kraft, um sich wieder auf die Beine zu kämpfen. Allerdings bei Weitem nicht schnell genug, denn nach nur wenigen Bewegungen packte sie jemand am Oberarm und versuchte, sie hochzuziehen, rutschte jedoch an Khadris schweißnasser Haut ab, sodass die Halb-Elfe schmerzhaft mit einem Knie auf das Pflaster prallte. In ihren keuchenden Atem mischte sich ein Winseln, doch sie gab sich einen Ruck und stemmte sich auf die Füße. Langsam hob sie den Blick, um zu sehen, wer ihr da zu helfen versuchte. Eine kräftige Frau, allem Anschein nach die Besitzerin des Wagens.
„‘tschuldigung“, nuschelte Khadri und hustete. Sie hatte noch mehr sagen wollen, doch das machten weder ihr pumpender Atem noch ihre trockene Kehle mit. Außerdem musste sie sich darauf konzentrieren, dass ihre zitternden Beine nicht unter ihr wegsackten.
„Hast du mich absichtlich so überfallen?“, die Händlerin musterte sie kritisch. Khadri schüttelte den Kopf und bereute es sofort: Die Welt schüttelte sich offenbar weiter, selbst, als sie damit aufgehört hatte. Beschwichtigend hob sie eine zitternde Hand und suchte nach der Oase, um zumindest zu zeigen, wo sie ursprünglich hingewollt hatte.
Die Frau stemmte die Hände in die massiven Hüften. „Na, scheint auch niemand hinter dir her zu sein. Was sollte das also?“
„… Zeit...“, brachte Khadri mühsam hervor.
„Dann hoffe ich mal, dass es wenigstens etwas gebracht hat“, meinte die Händlerin abschätzend. „Du siehst jedenfalls ziemlich mitgenommen aus. Am besten gehst du mal in das Badehaus dort drüben und lässt dich untersuchen. Sie haben dort eine Mitarbeiterin, die sich ein wenig mit sowas auskennt. Du solltest ihr nur sagen, dass du es nicht als Spiel meinst.“
Unwillkürlich verzog sich Khadris Mundwinkel ein wenig. Als ob sie das nicht selbst wüsste.
Die hat ja keine Ahnung. Viel besser ist doch, wenn wir sagen, dass wir es genau so meinen.
Sie unterdrückte den Drang, die Augen zu verdrehen und nickte stattdessen ergeben. Sie wollte zu einer weiteren Entschuldigung ansetzen, doch die Händlerin scheuchte sie nur wortlos fort. Keinen Atemzug später bot sie der gaffenden Menge lautstark ihre Äpfel feil. Betreten schweigend zwang Khadri ihre kraftlosen Beine, hinter dem Marktwagen hervorzustraucheln und auf das Badehaus zu. Wunderte sich, wie sie es bei aller Erschöpfung trotzdem schaffte, hauptsächlich Verlegenheit zu spüren. Hatte sie irgendwann auch nur zu glauben gewagt, sie sei stärker oder ausdauernder geworden – die Blößen, die sie sich gab, wuchsen offenbar mit. Ihr Körper konnte nicht einmal mehr Flüssigkeit für Schweiß erübrigen und so brannte ihr Gesicht wie Kathkaleshs Rücken, als sie sich in die Oase schleppte.
Du meinst wohl eher: Wie seine Hinterlassenschaften.
Natürlich. Die Stimme in ihrem Kopf war mal wieder keine Hilfe.
Gern geschehen. Soll ich dich lieber loben? Toll, du bist nicht mehr eine Stunde lang wie ein völlig kopfloser Irrer durch die Gegend gerannt, sondern nur noch eine halbe – und dieses Mal sogar mit einem Ziel. Gleich in zwei Dingen gebessert! Aber lass mich raten: An dein Ziel muss ich dich jetzt erinnern?
Khadri erinnerte sich auch so: Sidhrula – sie hatte dringend mit der Dragonborn sprechen wollen. Denn wenn sie sich noch eine Person vorstellen konnte, die sich mit Legenden und Geheimnissen der Stadt auskannte, dann sie. Hoffentlich hatte Heskan sie noch nicht allzu weit verschleppt. Vielleicht – hoffentlich – erwies sich einmal Almas Neugier von Nutzen und ihre Kollegin hatte die beiden aufgehalten.
Ihre Sorge erwies sich als unbegründet: Als sie in die Oase taumelte, sah sie sofort, dass sich Heskan offenbar selbst im Weg stand.
„Ist es hier schon zurückgezogen genug? Wenn nicht, kenne ich noch einen geheimen Ort im Keller“, ließ er deutlich vernehmen, nur wenige Meter von der Eingangstür entfernt. Khadri schnitt eine angewiderte Grimasse, während es in ihrem Kopf lauthals lachte.
Ist er nicht ein erstklassiger Verführer?
In ihren Augen war er das genaue Gegenteil und nach Sidhrulas Gesichtsausdruck zu schließen ging es ihr da wenig anders – doch soweit Khadri sich erinnerte, war die Dragonborn auch nicht sonderlich wählerisch. So unangenehm ihr das war – Khadri fühlte sich verpflichtet, einzuschreiten. Allein schon, um die Vorstellung zu verhindern, was die beiden miteinander anstellen würden. Sie wollte nach Sidhrula rufen, doch ihr atemlos gekeuchtes „Sssss….“ verklang ungehört. Ihre Kehle war viel zu trocken. Innerlich fluchend konzentrierte sie sich wieder auf die protestierenden Muskeln in ihren Beinen. Sie musste die beiden unbedingt erreichen, musste verhindern, dass-
„Ich überlasse gerne dir die Wahl des Ortes, aber ich habe nicht den ganzen Tag Zeit“, schnappte Heskan nun allmählich etwas ungehalten. „Wir müssen dringend reden! Was weißt du?“
Khadri knickte beinahe ein, als ihr Fuß am Boden hängen blieb, weil sie ihn nicht weit genug gehoben hatte. Reden?!
„Das hättest du wohl gerne“, brummte Sidhrula stoisch und warf einen beiläufigen Blick zur Seite, als sie Khadri bemerkte. Die versuchte hektisch, einen Finger zu heben, doch bis sie das geschafft hatte, sah die Dragonborn bereits wieder weg. Wenn Heskan tatsächlich nur mit Sidhrula reden wollte – Khadri hatte den untrüglichen Verdacht, dass es um das Gleiche ging, weshalb sie mit Sidhrula reden wollte, – dann musste sie unbedingt dabei sein! Beinahe wünschte sie sich das Maß an Aufmerksamkeit zurück, dass ihr eben noch auf dem Sonnenplatz zuteil geworden war. Doch wie sollte sie die bekommen, wenn sie so geflissentlich ignoriert wurde?
Heskans Kragen stellte sich auf, seine Artgenossin legte den Kopf schief. „Also, wohin-“
„Ihr geht nirgendwo hin!“
Drei Köpfe wandten sich überrascht zur Treppe um. Am oberen Absatz war Traugh erschienen, in Begleitung eines großen, stämmigen Mannes mit nachtschwarzer Haut. Khadri hatte das vage Gefühl, sein Gesicht schon einmal gesehen zu haben.
Der Halb-Ork wirkte todernst, als er die Stufen hinabstieg und sie musterte. „Wo ist Lia?“
Khadris Herz setzte für einen Schlag aus. War etwas passiert?
Heskans Kragen flatterte ein wenig. „Als ich sie zuletzt gesehen habe, hat sie vor der Bibliothek gewartet. Vielleicht hat sie aber inzwischen einen Weg hineingefunden.“
Khadri rang sich ein Schulterzucken ab – das war auch ihr Stand über Lias Verbleib.
Traughs Miene verfinsterte sich weiter. „Sidhrula, zurück an die Arbeit! Ihr beide: Mitkommen!“
Damit marschierte er an ihnen vorbei, mit einem strengen Blick, der keinen Widerspruch duldete, gefolgt von dem Fremden, der ihnen einen beinahe fragenden Blick zuwarf.
„Wir reden später, ja?“, rief Heskan halblaut zu seiner Artgenossin herüber, während er hinter den anderen beiden her eilte.
Sidhrula schnaubte leise, sodass nur Khadri es hören konnte: „Das denkst aber nur du!“
Und damit trollte sie sich.
Du hättest übrigens irgendwem eine telepathische Nachricht schicken können, um auf dich aufmerksam zu machen.
Die Halb-Elfe spürte, wie eines ihrer Augenlider zu zucken begann. Warum kam dieser Vorschlag erst jetzt?
Du hast ja nicht gefragt. Aber jetzt solltest du sehen, dass du nicht den Anschluss verlierst.
Sie knurrte heiser. Immerhin wusste sie sehr sicher, wohin die anderen unterwegs waren. Dann konnte sie den Moment auch noch nutzen, um etwas zu trinken.


Die Härchen auf ihren Armen und in ihrem Nacken stellten sich auf und ließen Lia alarmiert innehalten. Jemand war hier. Jemand, der nicht auffallen wollte. Und der wusste, wie ihm das gelang. Selbst die geschärften Sinne der Elfe konnten nur ganz schwach die Anwesenheit der anderen Person spüren. Heimlichtuerei – ihre Instinkte gingen sofort auf höchste Bereitschaft. Womöglich war Merestos Mörder zurückgekehrt – oder die ganze Zeit noch hier gewesen.
Reglos ließ sie nur ihre Augen wandern, um sich über ihre eigene Lage zu vergewissern. Sie befand sich immer noch in den Höhlen der Bibliothek. Ihre einzige Fluchtmöglichkeit führte zum Hauptgang zurück – und damit unweigerlich in die Arme des Eindringlings. Überhaupt war sie zu weit vom Ausgang entfernt – ihre Chancen, auf dieser Strecke unbemerkt zu bleiben, waren äußerst gering. Wenn sie den anderen Besucher der Bibliothek nicht vorher ausschaltete. Für eine Falle war ihre Ausgangslage ohnehin besser – sah man davon ab, dass ihr das Terrain kein Stück vertraut war. Doch sie entdeckte sofort die Stellen, wo sie möglichen Lärmquellen ausweichen musste: Wackelige Bücherstapel, knarzende Bodendielen, gar einige lose herumflatternde Blätter Papier. Ihr stach sofort ins Auge, dass sie nicht die ganze Strecke auf dem Boden zurücklegen konnte. Sie brauchte also möglichst viel Bewegungsfreiheit.
Geräuschlos hängte sie die Sehne ihres Bogens aus: Der war ihr hier ohnehin keine Hilfe und damit konnte sie auch verhindern, dass sie irgendwo hängen blieb. Dafür spannte sie eine weitere Sehne an ihrem Köcher fest, welche die Pfeile daran hinderte, lose herum zu fallen und zu klappern. Zurrte alle Ausrüstung an ihrem Gürtel fester, bis sie sicher sein konnte, kein Geräusch mehr zu verursachen. Forderte Karidos auf, solange in einem der Regale auf sie zu warten, aber leise. Zuletzt zog sie eines ihrer Schwerter und klemmte es zwischen ihre Zähne. Es später extra zu ziehen würde womöglich zu lange dauern.
Der andere hatte sich in der Zwischenzeit weiter den Gang hinaufbewegt, sodass sie sich nun von hinten anschleichen konnte. Genauso lautlos, wie sie es geplant hatte, setzte sie sich in Bewegung, schlich um Regale herum und kletterte schließlich an ihnen hinauf, als der Weg über den Boden keine Option mehr war. Zwischen mehreren Stützbalken an der Decke eingeklemmt gelangte sie auf den Hauptgang zwischen den Höhlen aus Bücherregalen. Die Gestalt vor ihr spähte gerade in einen anderen Bereich der labyrinthischen Gänge – dahin, wo die Leiche des Bibliothekars lag. Es war eine kleine, schmächtige Gestalt, dunkel gekleidet. Spinnengleich hangelte sich Lia weiter an der Decke entlang, ließ sich erst direkt hinter ihm fallen, packte im gleichen Moment ihr Schwert und drückte es dem Eindringling an die Kehle.
„Who … whoa … nun mal langsam!“
Sie kannte diese Stimme. Bei näherer Betrachtung kannte sie auch das schwarze Haar mit der weißen Strähne. Irritiert ließ Lia ihr Schwert wieder sinken. „Was in aller Natur machst du hier?“
„Ich untersuche einen Mordfall“, Silent rieb sich übertrieben den Hals. „Aber nicht meinen eigenen, wenn‘s geht, bitte.“
„Woher weißt du-“, ehe sie die Frage beenden konnte, kam Lia wieder in den Sinn, dass es in der Bibliothek auch eine Katze gab, die wahrscheinlich Bericht erstattet hatte.
„Celeste hat mir natürlich sofort davon berichtet“, antwortete Silent dennoch glatt. „Und was verschafft mir die Ehre deiner Gesellschaft?“
Lia hob ein wenig hilflos die Hände. „Ich wollte schauen, ob ich hier etwas über das … das Objekt herausfinden kann, das wir suchen. Und dabei bin ich zufällig-“ Sie gestikulierte in die Richtung, wo sie Meresto gefunden hatte. Silent wich einen Schritt zurück.
„Ist außer dir noch jemand hier?“, fragte er skeptisch. Lia hielt kurz inne, dann schüttelte sie den Kopf. Nicht, dass sie wüsste.
Der Don hob abwehrend die Hände. „Gut – von mir geht nämlich keine Gefahr für dich aus. Wärst du also bitte so freundlich und würdest dieses Ding wegstecken, bevor du mich erschlägst?“
Erst war ihr nicht klar, was er meinte. Blickte auf ihre Hände. Schob schließlich beschämt ihr Schwert in seine Scheide. Warum hatte sie nicht bemerkt, dass sie damit herumgefuchtelt und Silent womöglich wirklich in ernsthafte Gefahr gebracht hatte? Ein ungutes Gefühl beschlich sie: Dass sie durch den Zeitdruck, der auf ihr lastete, und der erneuten Streiterei mit Khadri nicht ganz bei sich war. Oder umgekehrt, näher bei dem Tier in ihrem Inneren als sonst.
„Da hinten also?“, holte Silent sie in die Gegenwart zurück. Lia nickte verkrampft. Inneres Tier hin oder her – sie hatten einen Mordfall zu klären. Mit einem leisen Pfiff machte sie Karidos klar, dass keine Gefahr bestand und er zu ihr aufschließen konnte. Bedächtig führte sie den Don zu der Leiche des Bibliothekars. Am Tatort schien sich in der letzten Stunde nichts geändert zu haben. Immerhin.
Silent marschierte mehrmals um den Leichnam herum, beugte sich leise schnüffelnd dicht über ihn, inspizierte die umliegenden Regale und sah schließlich Lia an. „Und, was denkst du?“
„Ihm wurde die Kehle durchgeschnitten“, stellte sie fest und merkte im gleichen Augenblick, wie wenig geistreich das klang.
„Guter Anfang – und weiter?“, bestärkte er sie jedoch übertrieben bescheiden.
Lia überlegte fieberhaft. „Es ist schon ein wenig seltsam: Warum-“
„Die Frage ist, mit welchem Motiv Meresto umgebracht wurde“, unterbrach Silent sie wie vom Geistesblitz getroffen. „Dann können wir wahrscheinlich auch besser Rückschlüsse darauf ziehen, wer so ein Motiv haben und die Tat begehen könnte.“
Genau diesen Gedanken hatte sie auch äußern wollen, doch sie ließ ihm die Lorbeeren. „Das wundert mich auch: Was gibt es für einen Grund, einen alten, stummen Bibliothekar zu ermorden? Der Mann hat niemandem etwas getan – konnte er doch überhaupt nicht!“
„Dann gab es also sicher etwas anderes als Taten, womit er für jemanden eine Gefahr dargestellt haben muss“, nahm er den Faden wieder auf. „Nur … was?“
Schweigen senkte sich über sie, während Lia wieder versuchte, ihre Gedanken in eine Bahn zu bringen, auf der sie etwas herausfand. In der Natur galt da schließlich ein einfaches Gesetz: Man starb, weil man zu schwach war oder einen Nachteil hatte, um sich gegen einen Feind zu behaupten – und wenn dieser Feind nur die Zeit war. Mehr musste man da nicht hinterfragen. Doch in der Zivilisation galten andere Regeln. Dort fragte man nach Gründen, als Ersatz für das große, ganze Gesetz, das es hier nicht mehr gab.
Mit angestrengt schief gelegtem Kopf betrachtete Lia den alten Bibliothekar. Sie war sich nicht einmal sicher, ob er zu Lebzeiten überhaupt noch für irgendjemandem von Nutzen gewesen war – uralt, langsam und stumm, von niemandem mehr beachtet. Da klang es fast schon unmöglich, dass er zu einer Gefahr werden konnte. Ihres Wissens nach war Khadri die einzige Person gewesen, die in den letzten Jahren häufiger Kontakt mit Meresto gehabt hatte – zumindest behauptete sie, sonst nie jemanden in der Bibliothek anzutreffen. Und selbst sie hatte nicht viel mit ihm anfangen können – am ehesten hatte sie es noch um all das Wissen bedauert, das in dem Körper des Bibliothekars eingeschlossen sein musste. Wissen, das es sonst an keinem Ort mehr gab: Über Geheimnisse der Stadt, vielleicht auch solches Wissen, von dem niemand sonst erfahren durfte. Ein Grund, um ihn-
In ihrer plötzlichen Erkenntnis ruckte ihr Kopf zu Silent, der, kaum, dass er ihrer Aufmerksamkeit gewahr wurde, aufgeregt einen Finger hob.
„Ich wette, er wusste was, das nicht bekannt werden sollte!“, platzte er heraus. „Etwas anderes kann es bei ihm eigentlich gar nicht sein. Aber entschuldige: Was wolltest du sagen?“
Ziemlich genau das.
„Schon gut“, murmelte Lia und versuchte, das Zucken des Tieres in ihrem Inneren zu ignorieren. Am besten sagte sie gar nichts mehr. Der Don blickte sie jedoch mit großen, erwartungsvollen Augen an, als suchte er regelrecht die Gelegenheit, ihr wieder ins Wort zu fallen. Als wüsste er längst des Rätsels Lösung und wollte ihr in einem Anflug von Großmut dazu verhelfen, selbst darauf zu kommen … nur um sich dann wieder als der Klügere herauszuputzen.
„Nein, bitte, lass mich nicht im Dunkeln“, forderte Silent sie erneut auf.
Erschöpft atmete Lia tief durch. „Es ergibt immer noch nicht recht Sinn, aber ich komme nicht darauf-“
„Ach, ich verstehe das Problem“, mit selbstzufriedener Miene ließ Silent die Brust schwellen. „Es gab wohl etwas, das er wusste und was sonst niemand erfahren sollte. Aber eigentlich war er damit keine Gefahr, weil er es niemandem mitteilen konnte. Der Grund, ihn deswegen umzubringen, ist also relativ nichtig: Selbst die Bibliothekarin der Katzenmafia wurde nicht recht aus ihm schlau. Niemand konnte sich auch nur mit ihm unterhalten.“
Er setzte einen betont tragischen Ausdruck auf, als der die Schultern hob.
„Aber ich habe schon mit ihm geredet“, meinte Lia leise. Sie glaubte nicht, dass es eine allzu große Bedeutung hatte – schließlich hatte sie nicht herausfinden können, was Meresto so Gefährliches wissen konnte.
„Ah, ja, verstehe!“, Silent nickte gewichtig, dann entglitten ihm seine Züge und er blickte sie an. „Häh?“
Sie legte verunsichert den Kopf schief. „Er konnte schon noch sprechen, er hatte nur keine Stimme. Aber ich konnte von seinen Lippen lesen, was er sagen wollte.“
Der Don glotzte sie mit großen Augen an. „Warum bin ich nie auf diese Idee gekommen?“
Lia konnte nicht verhindern, dass einer ihrer Mundwinkel schadenfroh nach oben zuckte. Endlich hatte sie ihn, selbst, wenn der Moment nur kurz währte.
„Er hat mir allerdings nichts Besonderes verraten“, meinte sie beschwichtigend.
„Aber er hätte es gekonnt. Dann ging es womöglich sogar um etwas, das du nicht erfahren solltest“, Silent rieb sich nachdenklich am Kinn. „Wer weiß davon, dass du das kannst?“
„Heskan war dabei“, sagte sie nachdenklich. Sie war sich jedoch nicht sicher, ob er überhaupt verstanden hatte, was da vor sich ging. Außerdem hätte er viel eher über sie Wissen sammeln wollen als die Quelle versiegen zu lassen. Sonst hatte sie es niemandem verraten, nicht einmal Khadri.
Plötzlich fielen ihr die Geschehnisse am Maul der Welt wieder ein. „Und … oh nein…!“
„Der Usurpator?“, schloss Silent mit einem leisen Fauchen in der Stimme.
„Er muss es wissen! Wir sind ja noch einmal an ihn geraten, nachdem ich mit Meresto gesprochen habe“, entfuhr es ihr traurig. Sie fühlte sich auf einmal ungemein schuldig.
„Womit er es aus deinen Erinnerungen herausziehen konnte“, der Don nickte vorsichtig, schien aber genauso ihr Gesicht zu bemerken. „Mach dir nichts draus – du kannst nichts dafür!“
„Mehr waren es auch wirklich nicht“, beteuerte sie dennoch.
„Schon gut, ich-“, Silent hielt jäh inne, seine Augen huschten in die Richtung, wo sich hinter mehreren Regalwänden der Eingang befand. Augenblicklich erstarrte Lia ebenfalls. In der Stille hörte sie es: Jemand hatte die Bibliothek betreten und gab sich dabei auch wenig Mühe, leise zu sein. Die Zahl der Personen war schwer zu schätzen, doch vom Gewicht ihrer Schritte mussten es nur solche sein, die nichts so leicht umwerfen konnte. Schon gar nicht eine Elfe und ein Tibbit.
Silent musste den gleichen Gedanken gehabt haben, denn er bedeutete ihr, still zu sein. Geräuschlos huschte er an die nächste Regalwand und presste sich flach mit dem Rücken daran. In dieser Haltung pirschte er seitwärts zum nächsten Durchgang, machte eine Rolle daran vorbei und zog sich auf der anderen Seite wieder hoch, um sich erneut an dem Regal entlang zu drücken. Lia hatte keine Ahnung, was das sollte: Die Eindringlinge waren mit absoluter Sicherheit noch viel zu weit, um sie überhaupt bemerkt zu haben. Doch warum auch immer – bei Silent sah das sehr sinnvoll aus. Auch die wilden Gesten, die er mit einem strengen Blick in ihre Richtung folgen ließ. Wahrscheinlich seine Anweisungen, was sie zu tun hatte. Sie verstand jedoch keine einzige davon und hob daher nur ratlos die Schultern. Genervt schürzte Silent die Lippen und machte sich auf den umständlichen Rückweg zu ihr, mitsamt Rolle und Entlangpirschen an den Regalen.
„Postier dich an der anderen Seite vom Durchgang“, flüsterte er ihr zu. „Wenn sie hier hereinkommen, überraschen wir sie mit einem Angriff von beiden Seiten.“
Sagte es und pirschte und rollte zurück an seinen Platz. Lia schüttelte leicht den Kopf und überwand die Distanz zu ihrem vorgesehenen Posten mit wenigen Schritten. Silent blickte sie geradezu empört an, dass sie sich nicht um mehr Heimlichkeit bemühte. Ihr selbst genügte es vollkommen, dass sie dabei kein Geräusch gemacht hatte. Zumal er sich gar nicht hätte bewegen müssen, um ihr das zu sagen.
Ein wenig genervt spähte sie in den Gang hinaus, um einschätzen zu können, was da auf sie zukam. Drei Personen, alle ungewöhnlich groß und massig. Zwei davon erkannte sie sofort. Beruhigt atmete sie auf und schickte sich an, aus ihrer Deckung hervorzutreten. Kaum tat sie den ersten Schritt aus den Regalen heraus, merkte sie, wie in ihrem Augenwinkel eine schwarze Katze zwischen den Büchern verschwand. Was für eine hervorragende Unterstützung.
Gemessen trat sie der Gruppe entgegen: Traugh und Heskan, begleitet von einem Menschen, der ihr unbekannt war, es von der Größe aber erstaunlich gut mit dem Halb-Ork und dem Dragonborn aufnahm. Hinter ihnen konnte sie erkennen, wie eine deutlich kleinere, zierliche Gestalt durch den Eingang stolperte.
„Damit wären wir vollzählig“, brummte Traugh und nickte Lia zur Begrüßung grimmig zu, nachdem er einen Blick über seine Schulter geworfen hatte.
„Ist dieser Ort hier sicher?“, fragte der dunkelhäutige Unbekannte mit einem sehr breiten, schweren Akzent. Lia nickte zögernd. Außer ihnen und Silent war immer noch niemand hier. Und Meresto – nun, vor dem waren sie wohl sicher.
„Dann setzen wir uns doch für einen Moment“, fuhr der Mann fort und wandte sich in Richtung der Treppe um, die nach oben zu den Arbeitsplätzen führte. Als Lia sich anschickte, ihm zu folgen, kreuzte sich ihr Blick ungewollt mit dem Khadris. Die Halb-Elfe sah abgekämpft aus, ihr beschleunigter Atem und ihr Schweißgeruch trugen dazu bei. Trotzdem lag in ihren Augen ein Ausdruck von Sorge.
Alles in Ordnung?, schienen sie stumm zu fragen. Doch Lia brach den Blickkontakt ab, ehe ihr eigener Gesichtsausdruck eine Antwort verriet. Sie wollte es sich nicht fragen und doch konnte sie es nicht verhindern: Sich zu wundern, wie viel Khadri dabei heuchelte. Sie wollte auch nicht wissen, was die Halb-Elfe getrieben hatte, dass sie so aussah – obwohl die Frage sie bereits auf der Zunge kitzelte. Als Lia begann, die Treppen emporzusteigen, hörte sie hinter sich ein leises, schmerzerfülltes Wimmern.
Als sie alle saßen – Heskan unbequem eingekeilt in dem schmalen Platz zwischen Tisch und dem Bücherregal in seinem Rücken, Khadri wie achtlos auf den Stuhl geworfen, – wandte sich Traugh an den Unbekannten. „Da hast du alle drei auf einem Fleck. Sind es immer noch diejenigen, die du gesucht hast?“
Der Blick der anderen beiden verriet Lia, dass sie offenbar genauso viel wussten wie sie selbst: Nichts. Sie war sich nicht sicher, ob sie das beruhigend finden sollte.
Der Unbekannte musterte sie kritisch, nickte dann aber langsam. „Kann ich ihnen vertrauen?“
„Das musst du für dich entscheiden“, Traugh hob unverbindlich die Schultern, rückte aber etwas näher an den Mann heran. „Aber du schuldest mir noch was“, flüsterte er so leise, dass neben dem Angesprochenen nur Lia es verstehen konnte. Dann lauter: „Ich muss zurück an die Arbeit – die erledigt sich leider nicht von alleine. Viel Erfolg.“
Damit trottete er wieder von dannen, als ob er nur kurz eine Besorgung gemacht hätte. Ein wenig empört spitzte Lia die Lippen. Was sollte sie denn davon halten? Wurden sie allen Ernstes zusammengetrommelt, damit jemand offen sein Misstrauen über sie bekundete?
„Bitte verzeiht dieses Durcheinander“, wandte sich der Mann nun an sie. „Ich hoffe natürlich, dass wir offen miteinander reden können. Dazu sollten wir wohl auch einander kennenlernen – und da ich euch so überstürzt einberufen habe, liegt der Anfang wohl auch bei mir: Mein Name ist Watari Chira.“
Khadri zuckte sichtlich zusammen und richtete sich mühsam etwas gerader auf: „H-Hochwürden!?“
Dann lief sie dunkel an und wandte den Blick ab. Lia kannte sie inzwischen gut genug, um zu erkennen, dass ihr etwas peinlich war – wahrscheinlich ihr Zustand vor jemandem, der wichtig zu sein schien. Lia konnte sich allerdings nicht erklären, was genau ihn besonders machen sollte.
„Ihr seid ein Priester?“, fragte Heskan und verschaffte ihr damit ein wenig Klarheit.
„Der Hohepriester der Kirche von Lutra, ja“, gab Chira zu. „Aber das macht mich auch nicht zu viel mehr als einem einfachen Mann. Und mit wem habe ich die Ehre, bitte?“
„Ihr ruft uns zusammen, ohne das zu wissen? Aber Ihr habt genau uns und niemand anderen gesucht?“, Heskan legte den Kopf schief. „Wie habt Ihr das gemacht?“
„Das möchte ich euch erklären – bitte“, er sah noch einmal fragend in die Runde. Lia ließ einen Blick über ihre Gefährten huschen: Der eine wartete nun gespannt auf des Rätsels Lösung, die andere fand vor allem ihre Unterlippe interessant.
„Das sind Heskan und Khadri“, resigniert deutete sie auf die beiden. „Und mein Name ist Lia.“
In einer beiläufigen Geste schob sie Karidos tiefer in ihren Nacken, als er begann, an einer Seite ihres Halses zu scharren. Er hatte schon genug Rosinen bekommen.
„Heskan, Khadri, Lia – es ist mir eine Ehre“, er sprach ihre Namen sehr bedächtig. „Wie ich dazu komme, euch zu suchen: Ich habe gespürt, dass die Welt seit ein paar Tagen im Ungleichgewicht ist. Zur gleichen Zeit schickte mir Lutra eine Vision von euren Gesichtern. Namen hat er mir keine gegeben. Ich bin froh, euch gefunden zu haben – wisst ihr vielleicht mehr Zusammenhänge?“
Khadri ließ ihre Lippe in Ruhe, riss aber stattdessen die Augen auf. Sie tauschten einen verunsicherten Blick. Stumm fragte sich Lia, ob die anderen beiden mehr Erfolg gehabt hatten als sie. Heskan zuckte zur Antwort leicht mit den Schultern. Khadri senkte den Blick und machte dann eine leicht nickende Bewegung in Richtung des Priesters. Sie hatten offenbar alle keinen Erfolg gehabt und die Halb-Elfe schien zu meinen, dass es wohl kaum schaden würde. Lia hoffte nur inständig, dass nicht sie den Teil des Erklärens übernehmen musste.
„Wir waren am Maul der Welt … und sind Zeugen … einer Katastrophe geworden, die morgen … wieder eintreten könnte“, begann Khadri stockend. „Diese Dissonanz … kommt davon, dass die Weberin angegriffen wurde.“
Heskan nahm den Faden auf. „Sie hat uns aufgetragen, das Herz von Treymin zu finden und sie dorthin zu bringen. Von dort aus könnte sie Schlimmeres verhindern, meinte sie.“
Chira legte seine dunkle Stirn in Falten. „Sie? Meint Ihr … Quendranzana Lolth?“
Noch im selben Moment, in dem sich Lia fragte, wer das sein sollte, sah sie Khadri leicht den Kopf schütteln.
„Die Weberin“, beharrte Heskan irritiert.
„Die Herrin der Spinnen selbst?“, Chira machte große Augen, als er allgemeines, wenn auch zaghaftes Nicken erntete.
„Ihr Körper wurde zerstört und ihr Bewusstsein befindet sich gerade im Körper einer ihrer Dienerinnen. Der bekommt das allerdings … na ja, nicht so gut“, Khadri flüsterte beinahe, immer noch den Blick des Priesters meidend.
„Aber sie ist zuhause und in guten Pfo- ... Händen!“, schaltete sich Lia ein und bereute es fast sofort.
„Wir kümmern uns solange um die Suche nach dem Herz, aber es ist ziemlich gut versteckt“, schloss Heskan und lenkte seinen Blick wie die anderen auch auf die Tischplatte. Vermutlich verwundert, was daran so interessant sein sollte. Lia wunderte sich, ob sie noch mehr erklären mussten, und war damit scheinbar nicht die Einzige.
„Ihr habt … direkten Kontakt mit einer Göttin gehabt?“, wunderte sich der Priester noch einmal.
„Passiert“, nuschelte Khadri, begleitet von einem etwas ratlosen Nicken der anderen. Was sollten sie dazu noch sagen?
„Aber wer wagt es, sie anzugreifen?“, fragte er.
„Es gibt da jemanden...“, setzte Lia an.
„Er, der die Götter stürzen will“, intonierte Heskan.
Khadri hob erstmals den Blick und sah Chira direkt an. „Nehmt das als eine Warnung mit – er wird sicher auch vor Lutra nicht Halt machen. Die Weberin ist schon die zweite … nach Lerune.“
„Aber das ist auch schon unter den Göttern im Unlauf“, der Dragonborn nickte selbstzufrieden, als habe er persönlich die Nachricht in die Götterwelt getragen.
Chiras Gesicht verlor tatsächlich ein wenig an Farbe. „Euer Wissen – kein Wunder, dass der Meister der Seen mir eure Gesichter gezeigt hat. Ihr sprecht hier von etwas, dass das Gefüge der Welt in seinen Grundfesten erschüttern kann.“
Das darauf folgende Schweigen war Bestätigung genug.
„Ich will versuchen, euch zu helfen“, der Priester stand auf und zog ein Buch aus den Regalen. Nachdenklich klappte er es auf, schaute eine Weile hinein und kramte dann nachdenklich eine Feder aus einer Tasche seiner weiten Gewänder. Nach kurzem Zögern begann er, in das Buch zu schreiben. „Ihr müsst jedoch wissen, dass das Wissen um das Herz von Treymin eines der am besten gehüteten Geheimnisse der Stadt ist. Es ist selbst mir nicht erlaubt, darüber zu sprechen.“
Schwungvoll setzte er die Feder ab und riss die Seite aus dem Buch heraus.
„Wenn ihr die Suche fortsetzen wollt, wünsche ich euch viel Erfolg dabei“, scheinbar nachlässig ließ er das Blatt fallen, doch Khadri schnappte es sofort aus der Luft. „Wenn ihr einen Rat aus den Reihen der Kirche Lutras sucht, werde ich dennoch mein Bestes tun, euch beizustehen. Meine Türen sind für euch offen.“
Er verbeugte sich leicht. „Gehabt euch wohl.“
Mit offenem Mund starrte Lia ihm nach, als er plötzlich recht eilig, aber dennoch würdevoll die Treppe herabstieg.
„Das soll alles-“, begann sie, ihm hinterher zu rufen, doch Khadri brachte sie abrupt zum Schweigen, indem sie das Blatt vor ihr auf den Tisch knallte. Überrascht von der heftigen Reaktion begegnete Lias Blick dem der Halb-Elfe. Diesem reuevollen, verzweifelten Blick, der sie selbst fast zermürbte und gleichzeitig mit einem wilden, animalischen Zorn füllte.
Wenn sie nicht einmal mehr einander ansehen konnten – wie sollten sie da nur weitermachen?


Als Lia den Blick abwandte, war es für Khadri, als würde ein Dolch aus ihrer Brust gezogen. Erstochen, um auszubluten. Aus ihrer Hülle quoll das hervor, was sie längst verschlossen gehofft hatte. Sie wusste, dass sie sich irgendeiner Sache schuldig gemacht hatte, mindestens einer – welche auch immer Lia als Verletzung gesehen hatte. Doch Khadri fehlte die Kraft, noch Haltung zu bewahren. War die Buchseite nur ein Vorwand gewesen, um auf den Tisch zu hauen?
Um Fassung bemüht senkte sie den Blick auf das Blatt, das Chira ihnen überlassen hatte. Über den eng gesetzten, kaum lesbaren Druck zogen sich einige gezeichnete Linien, die sie nach einer Weile als eine gezeichnete Straßenecke erkannte. Darunter standen nur wenige Worte:


Heute Abend, bei Einbruch der Dämmerung.
Zerstört diese Botschaft.


Eilig suchte sie in der Karte nach Punkten, die sie zuordnen konnte – und erkannte welche.
„Das finde ich, kein Problem“, murmelte sie bemüht tonlos, doch sie konnte das Zittern in ihrer Stimme nicht unterdrücken. Sie spürte, dass Lia es bemerkte und fühlte sich noch elender. Schaute deswegen bewusst in Heskans Richtung, als sie aufsah. Der erwiderte ihren Blick ein wenig fragend, dann ließ er seine Hand auf das Blatt herabsausen, bremste jedoch ein kurzes Stück darüber wieder ab. Mit einem leisen Knall zerfiel das Papier zu Staub. Die Haare auf Khadris Armen stellten sich in Reaktion auf die Magie kurz auf.
„Die Sonne geht spät unter – wir haben noch etwa neun Stunden“, bemerkte Lia mit einem Blick zu den entfernt zwischen den Regalen hervorlugenden Lichtflecken der Fenster. „Was sollen wir bis dahin machen?“
„Hat denn jemand von euch schon etwas herausfinden können?“, kam die Gegenfrage von Heskan. Erschrocken versuchte Khadri, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihre Vorstellung einer Antwort ihr die Kehle zuschnürte.
Memme!
In ihrem verschwommenen Augenwinkel hob Lia ein wenig die Schultern. „Leider nicht – und du?“
„Die Wachen an der Trifecta nehmen ihre Aufgabe offenbar sehr ernst – sie haben mich nicht hereingelassen“, nachdenklich strich Heskan seinen inzwischen übergroßen Echsenkragen glatt. „Und Sidhrula weiß etwas, da bin ich mir sicher. Aber sie hat es mir auch noch nicht verraten.“
Khadri spürte bereits die Augen der anderen auf sich ruhen, in Erwartung einer Antwort.
„Ich wollte auch Sidhrula fragen, aber dann kam Traugh...“, begann sie fahrig. „E-es hat aber sicher auch nicht viel Sinn gehabt … so, wie wir im Dunkeln getappt sind. Wahrscheinlich bringt es auch nicht viel, wenn wir so weitermachen.“
„Du meinst also, wir sollen den restlichen Tag mit Nichtstun verbringen?“, fragte Lia skeptisch.
„N-nein!“, widersprach sie hastig und wagte noch einen vorsichtigen Blick in Lias Richtung. Lange hielt sie es jedoch nicht aus. „Wir könnten zum Beispiel zu Eleszhara gehen und nach ihr sehen. Herausfinden, ob sie in der Lage ist, heute Abend mitzukommen.“
Sie bemerkte undeutlich ein zustimmendes Nicken, stierte aber lieber weiter auf die Tischplatte. Langsam zog sie mit einem Finger die Linien der Maserung nach. „Ich weiß nicht, ob wir auch Silent informieren sollten. Vielleicht hat er ja mehr Erfolg gehabt als wir. Vorausgesetzt, er ist wirklich auf unserer Seite und hat sich auch-“
„Natürlich bin ich auf eurer Seite!“, ertönte plötzlich eine empörte Stimme dicht neben ihrem Ohr und ließ sie erschrocken aufkreischen. Sie wirbelte herum und entdeckte neben sich niemand anderen als den Don der Katzenmafia, der sich – wie auch immer – mit gemütlich verschränkten Armen zwischen den Büchern aus der Regalreihe hinter ihr baumeln ließ.
Er blickte sie mit einer Mischung aus Langeweile und Überheblichkeit an. „Du schreist wie ein Mädchen.“
Das ist Absicht, verdammt! Wann kapieren die‘s endlich?!
Khadri war für einen Moment in der Überlegung gefangen, wer ihr das schon einmal an den Kopf geworfen hatte. Dann klebte die Empörung über sein Verhalten schlagartig alle Wunden in ihrer Fassade zu.
„Oh, bitte, dann erhelle uns doch mit deinen Erkenntnissen“, säuselte sie ihm entgegen.
Silent zog eine Schnute. „Ich hatte schon erwähnt, dass ich ein viel beschäftigter Mann bin. Ich konnte tatsächlich nicht all meine Verpflichtungen abschütteln – also hatte ich bis jetzt noch keine Zeit, etwas über dieses Ding herauszufinden.“
Khadri schnaubte leise. Eine großartige Hilfe war der.
Na ja, wenigstens hast du Jammerlappen dich jetzt wieder im Griff.
„Jetzt entspannt euch mal ein bisschen“, der Tibbit blickte zwischen ihnen umher. „Wenn ich etwas erfahre, dass euch etwas angeht, lasse ich euch das sofort wissen. Ich denke aber, es ist wohl auch besser, wenn ich alleine weitermache – sonst werde ich wohl zu sehr von euren Methoden abgelenkt.“
Sein Blick blieb für einen Moment auf Khadri und Heskan hängen. Die Halb-Elfe presste die Lippen zusammen: Was für eine beschönigende Beschreibung dafür, dass man ihnen offenbar nicht zusehen konnte. Bevor sie jedoch noch etwas erwidern konnte, war er spurlos verschwunden. Das einzig Tröstliche daran war, dass die anderen beiden genauso verdattert waren wie sie.
Nicht etwa, dass er dich jetzt nicht mehr ärgert, nicht wahr? Denn jetzt musst du deine Eier wieder vor den anderen verstecken.
Sie konnte trotzdem nicht vermeiden…
„Was sollte das jetzt?“, wunderte sich Lia.
… sich genau diese Frage auch zu stellen. Ihnen vorhalten, welche Versager sie waren? Resigniert schüttelte Khadri leicht den Kopf.
„Die Idee, Eleszhara zu informieren, ist aber nicht verkehrt“, nahm der Dragonborn den Faden wieder auf.
Lia nickte. „Ja, wir sollten ohnehin nicht mehr allzu lange hierbleiben. Hier könnte es bald gefährlich werden.“
„Wie meinst du das?“, fragte Khadri verunsichert und spürte augenblicklich, wie aus ihrer eben noch so sicheren Fassade ein Eisklumpen zu werden drohte.
„Meresto wurde ermordet“, meinte Lia eine Spur zu beiläufig. „Seine Leiche liegt noch unten...“
„WAS!?“, entfuhr es Khadri entsetzt, ehe in ihr alles taub zu werden drohte.
Lia machte nun doch ein betretenes Gesicht. „Ich weiß, ich hätte eher die Stadtwache benachrichtigen sollen. Aber mir war klar, dass er nicht wegläuft und da-“
Schmerzerfüllt kniff Khadri das Gesicht zusammen. Sie gaben sich wirklich nicht viel – warum konnte sie nicht einfach erleichtert darüber sein?
Weil ihr euch alle schämen solltet mit eurer verqueren Logik. Deswegen!
Immerhin: Das tat sie schon.
„Dann gehen wir wirklich lieber“, brummte Heskan. „Und sagen den Schwarzdornen-“
„Nicht nötig“, ging Khadri eilig dazwischen. Alles, nur das nicht! „Die wissen Bescheid … im Prinzip.“
„Wie?“, Lia sah verwundert zu ihr herüber.
Plötzlich waren die Zeichnungen des Holzes wieder ungemein spannend. „Ich war heute Morgen auf einem Wachposten und habe … gemeldet, dass in der Bibliothek etwas nicht stimmt. Wenn sie mir geglaubt haben, sollte sicher bald jemand vorbeikommen.“
„Wenn sie dir geglaubt haben“, echote die Elfe und ihre Stimme nahm schlagartig einen warnenden Unterton an. „Khadri … was hast du getan?“
Sich aufgeführt wie ein ausgebrochener Irrer auf Drogen.
Sie biss sich auf die Unterlippe. „S-sagen wir mal, dass das Gespräch nicht ganz … in meinem Sinne verlaufen ist.“
Nun konnte sie nicht verhindern, dass Lias Blick ihren Kopf förmlich dazu zwang, sich zu drehen und ihr ins Gesicht zu sehen. In diese unheimlich tiefschwarzen Augen, im Widerstreit war eines wütend aufgerissen, während sich das andere misstrauisch verengt hatte. Unwillkürlich zog sich Khadris Brust enger zusammen und ihr Atem beschleunigte sich.
„A-aber ich bin heil herausgekommen, siehst du?“, stammelte sie hastig und hob in einer unschuldig abwehrenden Geste die Hände.
„Legst du dich jetzt auch noch mit den Schwarzdornen an!?“, fauchte Lia beinahe außer sich.
„N-nein, ich-“, sie wusste nicht, wie sie sich weiter verteidigen sollte. Genau in diesem Moment platzte jedoch Heskan buchstäblich der Kragen und er zischte sie beide warnend an.
„So kommen wir nicht weiter“, drohte er und sah streng zwischen ihnen hin und her. Geknickt starrte Khadri wieder auf die Tischplatte. Das Muster konnte ihr jedoch nichts Neues mehr bieten und sie hasste es dafür. Auf der anderen Seite hörte sie Lia tief durchatmen.
„Du hast Recht, wir verlieren Zeit“, gab sie zu. „Gehen wir lieber: Seid ihr bereit?“
„Aber sowas von bereit!“, entgegnete Heskan, nun sehr zufrieden. Khadri konnte mehr als deutlich erkennen, wie er die Anstecknadel der Kehm‘schen Bande an seinem Umhang zurechtrückte. „Schließlich haben wir schon andere Herausforderungen gemeinsam bezwungen und können uns mit dem Ergebnis schmücken!“
Niederschmetternd.
Khadri konnte gar nicht verhindern, dass wieder alle Kraft aus ihrem Körper entwich und sie so schlaff zusammensackte, dass sie mit dem Gesicht auf die Tischplatte sank.
Jetzt reiß dich zusammen! Er hat es bestimmt nicht so gemeint.
Sah er tatsächlich diese Nadel als eine Errungenschaft an? Sicher, im Vergleich zu ihrem sonstigen Scheitern schnitt das wohl gut ab. Und Khadri wollte, durfte es nicht persönlich nehmen – und doch: Heskan hatte sie damit ausgeschlossen.
„Gehen wir endlich“, murmelte Lia und Khadri hörte, wie die beiden mehr schlecht als recht ihr Stühle in dem engen Raum verschoben. Hinter ihren Augen brannte es. Sonst hatte Lia selbst unter den widrigsten Umständen noch die Frage übrig gehabt, ob sie in Ordnung war. Wie weit hatte sie sich nur ins Abseits befördert? Konnte sie von dort aus überhaupt noch etwas bewirken?
Schlappschwanz.
Ein plötzlicher Schwall Energie durchfloss sie. Natürlich konnte sie – und wenn es nur darum ging, sich nicht mehr von ihrer inneren Stimme beleidigen zu lassen. Entschlossen raffte sie sich auf und kämpfte sich ebenfalls von ihrem Platz herunter.
Gern geschehen.
Behutsam, aber dennoch so schnell sie konnte, trippelte Khadri auf wunden Füßen die Treppe herab. Zögerte unten kurz darüber, ob sie nach Meresto sehen sollte – irgendwie Abschied nehmen. Das gehörte sich doch so, oder? Bevor es womöglich niemand tat, weil es niemanden sonst kümmerte. Doch der Gedanke an den Leichnam war irgendwie abschreckend.
Als ob du noch nie zuvor einen gesehen hättest, spottete die Stimme.
Außerdem wollte sie nicht schon wieder den Anschluss an die anderen verlieren. Oder am Ende noch von den Schwarzdornen aufgeknöpft werden, die sie als mögliche Täterin in die Zange nahmen. Besser, sie näherte sich dem Tatort gar nicht erst.
Feigling.
Verärgert schnaubend eilte sie nach draußen und schaffte es gerade noch, sich am Eingang an Heskans Fersen zu heften. Die anderen beiden schienen es zu ihrem Glück nicht eilig zu haben, sodass sie endlich ihre Lungen und ihre Füße schonen konnte. Der Dragonborn schien sich an ihrer Gegenwart auch nicht zu stören – das gab ihr ein wenig Hoffnung. Vielleicht konnte sie doch auch noch etwas tun, um wieder einen besseren Stand bei Lia zu bekommen.
Grübelnd sah sie die Straße herab – und erschrak fürchterlich. Kaum hatten sie sich ein paar Schritte von der Bibliothek entfernt, entdeckte sie Tieflings-Wächterin, die sie gut eine Stunde zuvor davon überzeugt hatte, eine durchgedrehte Sonnenelfe zu sein. Und so, wie Khadri immer auffiel, würde die Wächterin sie garantiert wiedererkennen. Eine Begegnung, die ihr alles andere als lieb war. Tarnen, sie musste sich tarnen!
Ich bin ausnahmsweise deiner Meinung, du warst heute schon beschämend genug. Packen wir‘s an.
Wie beiläufig trat sie hinter Heskans Rücken und ließ dem Verwandlungs-Zauber freien Lauf. Das Erstbeste – alles – war ihr Recht, Hauptsache, sie sah anders aus. Noch während die Magie durch ihren Körper floss, kam sie auf der anderen Seite ihres Gefährten wieder hervor. Prüfend blickte sie auf ihre Hände: Feingliedrig, die Haut für sie ungewohnt hell. Das reichte ihr, um sich von ihrem Gelingen zu überzeugen. Bewusst setzte sie einen Blick auf, als habe sie ganz klar ein Ziel vor Augen, zu dem sie unterwegs war. Heskan schenkte ihr nur einen Seitenblick, schien sich dann aber wieder seinen eigenen Gedanken zu widmen. Die Wächterin beachtete sie überhaupt nicht, was Khadri erleichtert aufatmen ließ. Dennoch beschloss sie, die Verwandlung aufrecht zu halten – bevor sie wieder Aufmerksamkeit auf sich zog, weil sie auf offener Straße ihre Gestalt veränderte. Wenn sie tatsächlich zu Eleszhara gingen, war der Weg nicht so weit, dass es etwas ausmachte.
„Findest du das etwa lustig!?“
Abrupt blieb sie stehen und konnte gerade noch verhindern, dass sie Lia anrempelte. Die hatte sich zu ihnen umgedreht und sich nun vor Khadri aufgebaut. Ihr Gesicht brannte regelrecht vor Wut.
„Ich weiß, dass ich gerade komisch aussehe“, die Elfe klang nun nicht nur zornig, sondern auch ehrlich verletzt. „Aber das gibt dir noch lange nicht das Recht, mich aufzuziehen!“
„Ich … ähm … was?“, stotterte Khadri überrumpelt, während sie innerlich zum gefühlt dutzendsten Mal an diesem Tag erstarrte. Sie verstand nicht, was sie nun schon wieder ausgefressen hatte – und das machte es umso schlimmer. Konnte sie denn überhaupt nichts anderes mehr tun, als Lia zu verletzen, selbst, wenn sie nur einen Fuß vor den anderen setzte?
Guck mal zur Seite…
Hektisch atmend folgte sie der Aufforderung ihrer inneren Stimme und wagte einen Blick zum nächsten Haus, zum nächsten Fenster. Ihr beinahe starres Herz rutschte ihr schlagartig in die Hose. Aus der reflektierenden Scheibe heraus blickte ihr niemand anderes als Lia – oder eher eine Karikatur von ihr. Zwar mit ihrem normalen Gesicht, dafür … als Mann.
Die erstbeste Person, an die sie gedacht hatte…
Noch während sich diese Erkenntnis in ihr Bewusstsein hämmerte, schlug sich ihr Spiegelbild überdeutlich mit der flachen Hand gegen die Stirn und verbarg schließlich kopfschüttelnd das Gesicht dahinter.
„Oh nein...“, rutschte es ihr flüsternd heraus, ehe sie sich hastig wieder Lia zuwandte.
„Das war keine Absicht. Ich habe nur vorhin die Wächterin von heute Morgen gesehen, der ich … … na ja, einen Grund geliefert habe, dass ich jetzt lieber unerkannt bleiben wollte. Und ich habe einfach nicht nachgedacht“, sprudelte sie los und hoffte, dass ihre Stimme noch bis zum Schluss durchhielt. „Ich wollte dich damit überhaupt nicht ärgern – das wäre das Letzte, was ich im Sinn habe! Es … tut mir Leid. Wirklich.“
Lias finsterer Blick löste sich erst allmählich von ihr, als sie noch das letzte Wort hervor gekrächzt hatte. Gerade, als es wirklich wichtig wurde, hatten Khadris Stimmbänder kapituliert.
Mit einem hochmütig pikierten Ausdruck wirbelte die Elfe herum und setzte ihren Weg fort, ohne sie weiter zu beachten. Und ließ Khadri einfach stehen, elender denn je. Sich still fragend, wie schlimm es noch werden konnte.


Er war sich allmählich sicher, dass seine beiden Gefährtinnen ihn noch mehr als ein paar Schuppen kosten würden. Heskan verstand einfach nicht, warum Lia plötzlich an einer Ecke angehalten und Khadri schon wieder angefahren hatte. Warum waren sie heute überhaupt so feindselig gegeneinander?
Gerade eben hatte es sich wohl um Khadris Aussehen gedreht. Allein das war Heskan schon schleierhaft. Die Fast-Elfe sah schließlich so aus wie immer. Doch sie war auch noch darauf eingegangen, als habe es tatsächlich eine Veränderung gegeben.Angestrengt starrte Heskan ihr hinterher, als sie sich schleppend wieder in Bewegung setzte. Suchte mit höchster Konzentration nach der Veränderung.
Haut, ohne Schuppen, wie immer – alles Andere wäre ja auch zu schön. Haupthaar, irgendwie blond – er bildete sich ein, es länger in Erinnerung zu haben, aber es war noch vorhanden, das zählte. Vielleicht war sie etwas größer als vorher – aber das war ja nichts Neues. Dann, mit einem schlagartigen Schrecken, sah er es: Der Fuchsschwanz war verschwunden!
Von plötzlicher Panik ergriffen tastete er nach seinem Kragen – und war ungemein erleichtert, als er merkte, dass der noch da war. Da der sich im Moment nicht gerührt hatte, war er sich nicht mehr sicher gewesen. Dafür war Heskan wohl viel zu gelassen, denn-
- das war es! Angesichts seiner Erkenntnis stellte sich sein Kragen sofort ein Stück auf: Sie konnten diese neu gewonnen Körperteile nicht direkt kontrollieren, doch sie zeigten emotionale Reaktionen von sich aus. Khadris Schweif war da nicht anders gewesen, das hatte er schon beobachten können. Und für Lia war es natürlich eine Erleichterung gewesen, die Stimmung der Fast-Elfe zu lesen, weil sie das aus der Körpersprache von Tieren kannte. Und wenn es um Khadri ging, konnte er sich vorstellen, dass jede Hilfe brauchbar war.
Froh, dass er das Problem durchschaut hatte, überlegte Heskan, wie er am besten zwischen den beiden vermittelte. Es nervte ihn, wenn sie stritten. Und es war ihm schon vorher gelungen, ihre Konflikte zu lösen. Jetzt war seine Stunde gekommen.
„Khadri“, begann er langsam, weil ihm genau in diesem Moment auffiel, dass er sich wahrscheinlich die schwierigere Person zuerst ausgesucht hatte. Aber sie war nun einmal näher bei ihm. Er beschloss, dennoch direkt auf den Punkt zu kommen: „Hat Lias Problem mit deinem Schwanz zu tun?“
Khadri blieb abrupt stehen und sah mit einer Miene zu ihm auf, die ihm bekannt vorkam – entweder „typische Begrüßung von Ungeschuppten an einen Dragonborn“ oder „blankes Entsetzen.“ Er glaubte nicht ganz, dass Khadri ihn zur Eröffnung des Gesprächs erst grüßte, dennoch verhinderte die ungewohnte Lautstärke in ihrer Augenfarbe ein eindeutiges Urteil. Er hatte sie nicht so schreiend grün in Erinnerung.
„Wahrscheinlich“, knurrte sie, als sie mit der Begrüßung fertig war. Dann ging sie in Schmollhaltung und stapfte weiter. Verdattert beeilte sich Heskan, nicht den Anschluss zu verlieren. Diese Reaktion fand er nicht ganz fair: Sie hätte ihm wenigstens dankbar sein können, dass er ihr helfen wollte. Auf der anderen Seite kannte er Khadri inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie immer erst schmollte, bevor sie einsichtig wurde.
Entschlossen brachte er sich neben ihr wieder in Stellung. „Dann musst du ihr erklären, dass sie dir unbegründet die Schuld dafür gibt. Du hast schließlich keinen Einfluss darauf, wie dein Schwanz sich verhält, gerade in ihrer Gegenwart. Das gilt dann sicherlich auch dafür, wann er überhaupt sichtbar ist und-“
„Heskan“, fuhr ihm Khadri bedrohlich leise ins Wort. „HALT‘S MAUL!!“
Täuschte er sich oder klang ihre Stimme etwas tiefer als sonst?


Als Lia die Klingel an Eleszharas Anwesen betätigte, erklang ein erschrockenes und schmerzerfülltes Miauen. Das war neu. Kopfschüttelnd versuchte sie, nicht allzu sehr darüber nachzudenken. Eleszhara wirkte erschöpft, als sie ihnen öffnete: Geschwollene, rot geäderte Augen, blass. Unter normalen Umständen hätte Lia vermutet, dass sie letzte Nacht zu viel Kaffee getrunken hatte.
„Hallo“, hauchte die Drider und blickte müde verdutzt in die Runde. „Ich bin vielleicht verkatert, aber deswegen muss ich doch nicht gleich Leute doppelt- ach, du bist‘s, Khadri. Was hatte es denn mit dem Aufzug eben auf sich?“
Lia presste die Lippen zusammen. Dass nun auch Ella noch einen Kommentar über Khadris gedankenlose Beleidigung an ihr verlieren musste. Es mochte Khadri zwar durchaus zu Gesicht gestanden haben – dennoch war es eine peinigende Erinnerung daran, wie sie selbst gerade nicht aussah. Bemüht, sich nicht mehr davon ärgern zu lassen, atmete sie durch. Fokussierte sich auf die Person, die jetzt wichtiger war.
„Ella, wie geht‘s dir?“, fragte sie sanft.
Die Drider wippte ein wenig auf ihren acht Beinen und rang sich ein schiefes Lächeln ab. „Ging mir schon besser … aber auch schon schlechter.“
„Dürfen wir hereinkommen? Wir haben etwas Wichtiges zu besprechen.“
Ella nickte und geleitete sie nach innen.
„Verkatert“, murmelte sie abwesend. „Ich bin doch nicht verkatert … hier sind zu viele Katzen.“
Dann schnurrte sie leise, als sie ihr Wohnzimmer betrat und sich auf eine Ansammlung von Kissen sinken ließ. Als die Elfe den Blick schweifen ließ, erkannte sie an den Wänden einige absonderliche Geräte, deren Bedeutung sie nicht immer durchblicken konnte. Sie konnte sich jedoch vage erinnern, dass ein Teil davon zum Einsatz gekommen war, als sie eine Nacht hier verbracht hatte. Für einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie Khadri damit aufziehen sollte, in der Erinnerung zu schwelgen. Doch als sie sah, wie die Halb-Elfe sich auf ein Kissen setzte, die Beine an den Körper zog, Arme und Schweif darum schlang und stumm jeden Blickkontakt vermied, beschloss Lia, dass das vorerst der Strafe genug war.
„Bedient euch, wenn ihr was wollt“, Ella machte eine fahrige Bewegung in Richtung ihrer Küche. „Und entschuldigt, wenn ich heute keine gute Gastgeberin bin. Also, was gibt‘s?“
Lia war für einen Moment davon abgelenkt, wie Heskan tatsächlich einige Schritte in Richtung des anderen Raums machte, es sich dann mit einem Blick auf die herumhängenden Geräte anders überlegte.
„Wir wollten dich fragen, ob du dich so weit erholt hast“, sie rang nach Worten, um die Botschaft so zu verschlüsseln, dass ein Außenstehender nichts Verdächtiges heraushören würde. „um heute Abend … mit uns auszugehen.“
Ella legte verdutzt den Kopf schief. „Aber dafür ist doch gar keine Zeit. Das Herz-“
Der Rest ihres Satzes ging in einem leisen Schnurren unter, als Lia ihr hektisch einen Finger auf die Lippen legte, um sie zum Schweigen zu bringen.
„Ja, dein Herz, wir wissen, dass es gerade etwas schlecht darum steht. Aber glaube mir, das tut dem gut“, versicherte sie der Drider eilig. „Also mach dich schön hübsch, ja?“
Eleszharas Blick sagte ihr, dass sie verstanden hatte. Ihre Lippen formten lautlos einige Worte: Du trägst ganz schön dick auf.
„Wir … holen dich dann ab“, schloss Lia nicht mehr ganz so enthusiastisch. Andere hatten eindeutig mehr Talent darin, etwas vorzutäuschen. Ella sah jedoch fast ein wenig belustigt aus und allein das war es ihr schon wert.
„Können wir sonst noch etwas für dich tun?“, sie wollte das Gespräch noch nicht versanden lassen, viel mehr fiel ihr jedoch auch nicht ein.
„Im Moment nicht, danke. Ich komme gut … mit meinen Haustieren zurecht“, Ella zwinkerte ihr zu. „Wenn ihr euch noch auf heute Abend vorbereiten wollt, werde ich euch nicht aufhalten.“
Lia nickte und strich der Drider zum Abschied kurz über die Schulter. Es tat ihr Leid, dass sie nicht mehr tun konnten. Außerdem verschaffte ihr Khadris gequälter Seitenblick eine finstere Genugtuung. Mit ihrer ganzen Heimlichtuerei, die an zu vielen Stellen auf Verhältnisse mit anderen Personen hindeuteten, hatte es die Halb-Elfe einfach nicht anders verdient.
Anders als Heskan folgte Khadri ihr in einem gebührenden Abstand nach draußen. Vergrößerte die Distanz noch, als Lia sich auf den Rückweg zur Oase machte. Und war irgendwann ganz verschwunden. Lia beschloss, sich darum keine Gedanken zu machen. Hauptsache, sie kreuzte bis zum Abend wieder auf. Am liebsten hätte Lia die Halb-Elfe am anderen Ende der Welt gewusst – und zwar so, dass sie nichts mehr miteinander zu tun haben mussten und sie diesen seltsamen Tanz umeinander herum endlich beenden konnten. Doch sie fürchtete, dass das so schnell nicht passieren würde. Die Sache, in der sie steckten, war zu groß. Sie mussten sich zusammenraufen, irgendwie…
Außerdem konnte Khadri einfach nicht aufhören, ihr etwas zu bedeuten.
Missmutig stieß Lia die Tür zur Neuen Oase auf und hielt inne. Die Grübelei erschöpfte sie nur. Am besten konzentrierte sie sich wieder auf die Dinge, die vor ihr lagen. Ein Bad, dann noch eine Runde trancen klang nach guten Ideen. Vielleicht würde ihnen am Abend wirklich schon der direkte Weg zum Herz gewiesen – da war es sicher sinnvoll, ausgeruht zu sein. Mit einem müden Gruß zu Traugh am Empfang erklomm sie die Treppe zu den kleinen Bädern in der ersten Etage. Sie hatte noch nie richtig ausgenutzt, dass sie den Luxus hatte, in einem Badehaus zu wohnen. Gleich hinter der ersten Tür fand sie ein freies Bad, schloss die Tür hinter sich und begann, sich aus ihrer Rüstung zu schälen. Hörte noch, wie Heskan die Stufen zu dem darüber liegenden Stockwerk zum Knarren brachte. Von diesem Geräusch begleitet entledigte sie sich auch ihrer Kleidung, wusch den gröbsten Schmutz von ihrem Körper und ließ sich dann in das Becken sinken. Die Wärme des Wassers mit geschlossenen Augen in sich eindringen.
Wie ein Aufbäumen rüttelte es etwas in ihr wach. Erschrocken riss Lia die Augen auf. Sah, wie um ihren Körper herum grünes Licht durch das Wasser waberte. Rohe, ungezähmte Energie. Ein aufgeregtes Schnattern hinter ihr, dass sich hektisch entfernte. Eilig versuchte sie, die Kraft zu bändigen, bevor etwas Schlimmeres passierte. Griff mit ihren inneren Fühlern für die Natur danach…
Die Lichtschlieren glommen in einem hellen Blitz auf, als sie sich schlagartig in ihren Körper zurückzogen. In ihr brüllte es auf, überrollte sie förmlich. Und betäubte sie für einen Moment.
Keuchend starrte Lia auf ihre Hände. Immer noch Hände. Spürte ihren rasenden Herzschlag. Und eine unbändige Wut, die sich endgültig ihren Weg an die Oberfläche gebahnt hatte. Das Bedürfnis, diese Wut zu beseitigen.
Entschlossen stemmte sie sich wieder aus dem Becken hervor. Ihre Nase verriet ihr, dass sie nicht warten musste. Der Grund für ihren Zorn hatte gerade das Gebäude betreten.


Nur noch für einen Moment ins Labor und dann sehen, ob sie nicht doch noch ein paar Dinge mit Lia klären konnte? Khadri sah den ersten Teil des Plans förmlich vor ihren Augen verpuffen, weil der zweite mit unerwarteter Präsenz vor ihr aufgetaucht war, kaum dass sie die Oase betreten hatte. Lia, ohne Rehohren, makellos wie immer – und ausgesprochen nackt.
Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte sie der Anblick wahrscheinlich freuen können, wäre womöglich sogar eine Ankündigung für etwas Wunderbares. Doch so, wie die Dinge standen – so, wie Lias Augen erfüllt von einer urtümlichen Kraft grün zu glühen schienen, machte es Khadri regelrecht Angst. Das war nicht die Lia, die sie kannte. Es war etwas viel Wilderes, Animalisches, das Khadri mit seiner bloßen Aura umschloss und nicht mehr freigab. Ihr den kalten Schweiß auf die Stirn trieb, nur durch seine Anwesenheit.
„Mitkommen!“, befahl ihr Lia streng und machte Khadri sofort klar, dass Widerstand keine Option war. Die Halb-Elfe tat wie geheißen und folgte Lia in einen Raum, der ihr scheinbar passend erschien: Das große Gemeinschaftsbad im Erdgeschoss, das, wie Khadri mit einem flüchtigen Blick feststellte, derzeit nicht besucht war. Sollte sie das gut oder schlecht finden?
Einige Schritte in den Raum hinein blieb Lia stehen und drehte sich zu ihr um. Nagelte sie mit ihrem durchdringenden Blick an Ort und Stelle fest. Ein kurzer, absurder Gedanke machte Khadri eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen klar: Offenbar waren sie beide manchmal nicht sie selbst. Die Erkenntnis war ihr überhaupt keine Hilfe. Doch sie konnte spüren, dass ein kleiner Teil von Lia immer noch da war – ein Teil, der sie nicht verletzen wollte. Wenn sie sich nicht noch einen Fehltritt erlaubte. Khadri hatte allerdings auch keine Ahnung, was die Elfe von ihr wollte.
„Rede“, gab Lia ihr die Antwort.
Khadri spürte ihren rasenden Herzschlag bis in ihren Hals hinauf. Das sollte machbar sein, nur…
„W-womit soll ich denn anfangen?“, sie hatte das Gefühl, es mühsam aus ihren Stimmbändern herauszusaugen. Es gab so viel, dass sie sagen könnte … sagen musste. So viel davon, was ein Fehler sein könnte. Und der wilde Blick machte ihr klar, dass sie bei dem kleinsten von ihnen wahrscheinlich gar nichts mehr würde sagen können. Weil Lia ihr dann die Kehle zerfetzen würde.
Wie es aussah, war sie auch nicht mehr weit davon entfernt. Offenbar war die Frage eben schon nah an der Grenze gewesen.
„Na gut, gib mir nur einen Moment … i-ich muss mich nur...“, brachte sie atemlos hervor. Ein wenig sammeln. Um die Geduld ihres Gegenübers schien es jedoch nicht so bestellt, als ob dafür Zeit sei. Tonlos fletschte Lia kurz die Zähne.
Khadri wollte beschwichtigend die Hände heben – sie gehorchten ihr nicht. Vollkommen erstarrt, dem Raubtier ausgeliefert. Sie, ihr trommelnder Herzschlag und ein ungewohnt beklommenes Schweigen in ihrem Kopf. „Sch-schon gut – ich rede ja! Ich glaube dir, dass ich dir allen Grund gegeben habe, sauer auf mich zu sein. Ich überlege nur, was alles...“
Unruhig biss sie sich auf die Unterlippe und versuchte, die Gründe dafür zu finden, dass sie sich nun so gegenüber standen. „D-dass ich mich vorhin in dich verwandelt habe, war ein Versehen – das habe ich dir gesagt. Ich habe das erste Bild genommen, das mir in den Sinn gekommen ist … da siehst du, was mir durch den Kopf geht. Aber bitte zwing mich nicht, zu erzählen, warum ich … das ist einfach nur peinlich...“
Lias Blick blieb unverändert durchdringend. Immerhin konnte Khadri keine Aggression entdecken, aber auch keine Milderung.
„Was noch? Alma heute Morgen?“, allmählich tropften ein paar Ideen in ihren leer gefegten Kopf. „Keine Ahnung, was sie von mir will. Ihre Neugier stillen, vermute ich? So ist sie eben...“
Lias Augen verengten sich ein wenig.
„Wir haben nichts miteinander!“, zu ihrer eigenen Überraschung gehorchten Khadris Hände plötzlich und sie riss sie in einer abwehrenden Geste nach oben. „Ich habe nichts mit … irgendwem, falls du das denkst!“ Jäh tauchte ein verschwommenes Bild aus ihren Erinnerungen auf, eines, das sie nur am Rande selbst mitbekommen hatte. „Auch nicht mit Ella! Auf dem Boot vor zwei Tagen … ja, ich habe eine Nacht mit ihr … g-gekuschelt! Aber doch nur, weil ich respektiert habe, dass du deine Ruhe haben wolltest – und Ella hat mich gebeten, bei ihr zu bleiben. Das konnte ich doch nicht a-ausschlagen!“
Das Zittern in ihrer Stimme wurde heftiger, beinahe schon ein Schluchzen. Es half einfach nicht – Lias Augen verengten sich nur weiter. Dennoch zwang sich Khadri für einen Augenblick zum Schweigen – für einen stockenden Atemzug. Irgendetwas sagte ihr, dass sie nur noch eine einzige Chance hatte.
„Oder war es mein Benehmen auf der Rückreise?“, flüsterte sie mit zugeschnürter Kehle. Doch sie sah es: Ein winziges Blitzen in Lias Augen, dass ihr stumm befahl, auf diesem Weg weiterzugehen.
„Verstehe“, ihre Lippen bebten, als sie nach der Kontrolle über ihre Hände suchte. Bemüht, nur nicht den Blickkontakt abzubrechen. „Lass es mich dir zeigen.“


Lauernd sah sie zu, wie Khadri eine zitternde Hand zu einem Beutel an ihrer Schärpe hob, ihn fahrig öffnete und die Finger hinein senkte. Selbst über den Geruch ihrer Angst konnte sie noch erkennen, dass ein großer Teil des Beutelinhalts nach Magie duftete. Den anderen Teil zog die Halb-Elfe in ihrer geballten Faust hervor. Löste schließlich die verkrampften Finger und zeigte ihr eine Hand voll Holzperlen sowie einen Anhänger in Form eines Blatts.
Das Tier wollte aufbrüllen – so viel Wut wegen ein bisschen Holz. Doch ehe es hervorbrach, stieg ihr der Duft der Perlen in die Nase. Ein Duft nach Zuhause – und nach Khadri.
„Ich habe im Mittwald ein paar Stücke Holz gesammelt und die hier geschnitzt … für ein Schmuckstück … f-für … für dich“, Khadris Hand zitterte nun so heftig, dass sie sie wieder zur Faust ballte. Damit nichts herausfiel. Ihre Stimme war kurz davor, zu kippen. „Es sollte eine Überraschung werden. Ist nur noch nicht fertig.“
Das Tier entspannte sich ein wenig, blieb aber wachsam. Khadri griff mit ihrer anderen Hand in eine Hosentasche und zog eine Lederschnur hervor. „Die fehlt noch … hab ich eben erst besorgen können.“
Lia wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sie starrte die Halb-Elfe weiter an, nicht mehr böse, doch das Tier war immer noch zu stark. Immer noch wild. Sie sah, wie es an den Rändern von Khadris Augen feucht schimmerte. Roch die Wahrheit … verzweifelte Ehrlichkeit.
„Das war alles, was ich gemacht habe … heimlich“, hauchte sie und steckte die Teile der geplatzten Überraschung vorsichtig wieder weg. Strich mit einem Finger an ihren Augenlidern entlang, ohne den Blickkontakt abzubrechen. „Tut mir Leid, wenn ich damit dein Misstrauen geweckt habe … ich wollte nur...“
Schwer atmend setzte sie erneut an. „Mag ja sein, dass ich oft ganz gut darin bin … irgendwas zu sagen. Wenn es sein muss. Aber manchmal … gerade, wenn es … um mich geht … dann kann ich einfach nicht! Und ich schaffe es oft auch nicht, m-mich zu benehmen … ich weiß das. D-deswegen wollte ich dir mit einer … mit dieser Geste zeigen … wie viel du mir bedeutest!“
Das Tier zuckte, wich ein wenig zurück. Machte Platz für einen ungemein gerührten Herzschlag, der in Lias ganzem Körper vibrierte. Als er verklang, vernahm sie ein unterdrücktes Schluchzen von Khadri. Sah eine einzelne Träne über ihre Wange rollen.
„Ich weiß, dass ich ehrlicher sein sollte … und mich bessern muss … in so vielen Dingen – ich will es auch!“, presste sie mit erstickter Stimme hervor. „Aber ich stolpere noch durchs Leben, als würde ich auf einem schmalen Pfad an einem Abgrund entlang laufen. Und b-bis mein Schritt sicherer wird … brauche ich jemanden, der mich festhält. Lia – ich brauche dich!“
Noch eine Träne. Khadri faltete ihre Hände in einer flehenden Geste, zu kaum mehr als einem Flüstern in der Lage. „Bitte sag es mir: Was muss ich tun, damit du mich nicht loslässt?“
Lia roch Salz, Regentage. Hörte immer mehr ihrer eigenen Herzschläge. Und das Tier bemächtigte sich ihrer wieder voll und ganz. Wischte ihre Gedanken beiseite und drängte sie nach vorne.
Sie stürmte auf Khadri zu, deren Augen sich ängstlich weiteten, riss sie an sich – und küsste sie.


Die Berührung der Lippen kam so unerwartet, dass Khadri glaubte, davon geblendet zu werden. Oder war da wirklich ein Lichtblitz, der nun auf ihren Mund übersprang und sich von dort aus kribbelnd in ihrem Körper ausbreitete? Lias Kuss war wild, kräftig und gleichzeitig so sanft. Gab ihr allein über die Berührung das Gefühl, angenommen und geborgen zu sein. Dass alles richtig war.
Zu perfekt…
Mit einem Mal wurde sie von Panik überrollt wie von einer schwarzen Flutwelle. Perfekt und richtig waren noch nie gut gegangen. Nach Luft schnappend löste sie den Kontakt, riss die Augen weit auf und sah sich um. Konnte nichts erkennen und fürchtete, zu ertrinken-
Nicht jetzt, du Vollidiot! BEHERRSCH DICH!
Die Stimme in ihrem Inneren brüllte förmlich über die Brandung hinweg, stemmte sich gegen sie.
„Khadri?“
Nicht die Stimme, die sie erwartet hatte. Lias Stimme. Leise, selbst ein wenig unsicher.
Ihre Sicht klärte sich wieder. Sie stand noch, immer noch in Lias Armen. Niemand war gekommen, um ihr in den Rücken zu fallen. Sie waren immer noch allein. Sie – und Lia, aus deren Augen das wilde Glühen verschwunden war. Nur noch grün, nur noch besorgt. Wieder ganz normal.
„Oh, nein!“, keuchte Khadri, während ihre Knie nachgaben, ihr ganzer Körper seiner Kräfte beraubt. Sie war schon erschöpft gewesen, als sie angekommen war. Sich dann noch Lia zu stellen, völlig unvorbereitet, die plötzliche Panik niederkämpfen…
… und den Kuss versauen! Schäm dich!
„Khadri … bei der Natur! Es tut mir so Leid!“, Lia klang ebenfalls atemlos, aber hielt sie fest in ihrer Umarmung. Verhinderte, dass sie fiel. Ließ zu, dass Khadri haltlos schluchzend an ihre Schulter sank. Strich ihr tröstend über den Rücken.
„N-nein, mir tut es Leid! Ich hätte … hätte-“, stammelte sie. Ja – was eigentlich? Wahrscheinlich alles und nichts.
„Beruhig dich. Wir haben beide Fehler gemacht – schon wieder“, beschwichtigte Lia sie ein wenig traurig, aber zärtlich. „Du hast nichts gesagt, aber ich habe auch nicht gefragt. So können wir einen Streit ja gar nicht verhindern.“
Innerlich fluchte Khadri über sich selbst und diese fürchterlichen Ängste, die sie immer wieder hemmten.
„Bitte, Khadri, versprich mir, dass du gleich den Mund aufmachst, bevor ich dich wieder auf diese Art zwingen muss“, Lia wiegte sie sanft, doch Khadri entging nicht, dass auch ihre Stimme kratzig klang. „Ich verspreche dir auch, dass ich mich genauso schneller melde, wenn mir etwas auf der Seele brennt.“
Ungläubig verzweifelt atmete Khadri auf. Sie hatte so viel falsch gemacht – sie würde daran zerbrechen, wenn Lia sie aufgab, aber sie konnte es wenigstens nachvollziehen. Aber sie tat es einfach nicht.
Die Halb-Elfe schniefte leise. „Ich habe dich überhaupt nicht verdient.“
So ein Quatsch!
„So ein Quatsch!“, echote Lia überraschend die Stimme und veranlasste Khadri dazu, den Kopf ein wenig zu heben. Die Elfe schob sie sachte ein wenig von sich und legte einen Finger unter ihr Kinn, um ihren Kopf zu heben und sie anzusehen. „Khadri, ich liebe dich viel zu sehr, um dir so ein Missverständnis nicht zu verzeihen. Aber wir müssen wirklich mehr miteinander reden, damit ich dich besser verstehen kann. Und damit es nie wieder so weit kommt. Also, versprich es mir – bitte!“
„N-natürlich! Ich verspreche dir, dass ich offener mit dir rede. Und dass ich versuchen werde, dich gleich darauf anzusprechen, wenn ich merke, dass etwas nicht … nicht passt“, brachte sie etwas unbeholfen hervor, während sie eine kraftlose Hand auf ihre Brust legte. Hatte Lia da eben wirklich gesagt, dass sie-?
Die Elfe unterbrach verlegen den Blickkontakt. „Und noch etwas: Ich will, dass wir beide glücklich sind. Aber für mich ist das alles neu – wenn ich also … wenn ich … in manchen Dingen unsicher bin...“
„Schon gut, wir machen beide neue Erfahrungen“, Khadri schaffte ein müdes Lächeln.
Und jetzt küss sie endlich wieder, verdammt! Sonst kriegst du das ja nie ausgebügelt.
Lia erwiderte das Lächeln, plötzlich ein wenig schüchtern.
Küss sie!
Sie kam Khadri wieder ein wenig näher...
KÜSS SIE! JETZT!
… und schloss sie wieder in eine Umarmung, sodass ihre Köpfe auf der Schulter der anderen ruhten. Khadri schnitt eine Grimasse.
DU PFEIFE!
„Am besten ruhen wir uns aber erst ein bisschen aus. Du siehst sehr müde aus“, murmelte die Elfe an ihr Ohr.
Und Lia sieht immer noch sehr nackt aus. In deinen Armen…
Kaum, dass diese Erkenntnis bei Khadri einsank, reagierte ihr Körper entsprechend. Sie spürte das Blut in ihr Gesicht steigen, als Lia einen Schritt zurücktrat und überrascht auf ihre brennenden Lenden blickte, was es natürlich alles andere als besser machte.
Das hast du jetzt auch gar nicht anders verdient.
Immerhin schaute sie nicht angewidert. Khadri gab sich einen Ruck: In ihrem Kopf hatte sie es sich so ausgemalt, Lia zu einem romantischen Bad einzuladen, sie währenddessen mit dem Geschenk zu überraschen und endlich sich selbst zu überwinden, indem sie endlich Lia küsste. Die Überraschung war geplatzt, der Kuss hatte sich irgendwie erledigt, fast. Aber sie war immer noch in einem Bad, obendrein noch verschwitzt von ihren Sprints am Morgen und dem, was ihre Nerven durchgemacht hatten. Außerdem hatte sie Lia etwas versprochen – warum setzte sie es nicht gleich um?
„Mir ist nur gerade aufgefallen, dass … dass ich viel mehr anhabe als du“, sie setzte einen unschuldigen Blick auf. „Und wenn wir gerade hier sind-“
Weiter kam sie nicht – der Funke in Lias Augen sagte mehr als genug. Mit einem Satz war sie wieder bei Khadri und hatte ihr, ehe sie sich versah, schon die Hälfte ihrer Klamotten vom Leib geschält. Sie kämpfte einen Moment lang mit der Hose, die sich nicht über den Fuchsschwanz stülpen lassen wollte, fauchte leise und riss sie einfach entzwei.
Keine Sorge, das reparieren wir nachher – jetzt wird gefeiert!
Nachdenklich hielt Khadri inne. Es war das erste Mal, dass Lia sie so sah, ohne magischen Einfluss von ihrer Seite. Sie wusste auch nicht recht, warum es ihr so ein Bedürfnis war, doch sie trat zwei Schritte von Lia zurück: „Darf ich dir den echten Khadri vorstellen?“
Die Elfe sah sie einen Moment mit schief gelegtem Kopf an, eine Augenbraue angehoben, dann nickte sie fast schon beiläufig und überwand die Distanz zwischen ihnen wieder. Schloss Khadri wieder in eine Umarmung – und riss sie mit sich zur Seite.
Für eine Schrecksekunde blieb Khadri beinahe das Herz stehen. Dann ihr Atem, als sie unerwartet auf Wasser prallte und darin eintauchte. Für einen Augenblick kämpfte sie mit wieder hochkochender Panik, dann fand sie sich keuchend in Lias Armen wieder, bis zur Brust eingetaucht in das warme Wasser des Beckens.
„Mach das nie wieder!“, quiekte sie schrill, als sie genug Atem dafür hatte.
Lia strich ihr lächelnd das Haar aus der Stirn. „Entschuldige – war zu verlockend.“
Was für ein wildes Biest! Die Stimme fauchte spielerisch, unangemessen belustigt.
„Du weiß doch, was passiert ist, als...“, Khadri fuchtelte wild mit den Händen, um die Erinnerung an den kalten, dunklen Fluss am Maul der Welt zu vertreiben.
„Schon gut, kommt nicht wieder vor“, Lias Hand wanderte weiter an ihrem Kopf entlang und löste ihr Zopfband. „Mit einer Ausnahme: Wenn es meine einzige Möglichkeit ist, dein Leben zu retten.“
„Einverstanden“, brummte Khadri missmutig. Ihre Stimmung hatte dennoch einen gewaltigen Dämpfer erhalten.
Stell dich nicht so an – das ist eine Chance, hier noch so viel Romantik wie möglich herauszuholen.
Sie schnaubte, während ihr Haar herabfiel und frei um sie herum zu wabern begann. Wie flüssige Sonnenstrahlen. Einer Eingebung folgend zupfte sie den Anhänger aus ihrem linken Ohr und warf ihn zu ihren Kleidern am Beckenrand. Sie wollte nicht, dass das Holz allzu viel Schaden durch Nässe nahm, wenn sie es vermeiden konnte. Dann rückte sie näher an Lia heran. Die Stimme hatte ja recht: Eines musste sie nochmal versuchen, und dieses Mal richtig.
„Was ist?“, die Elfe spitzte fragend die Lippen, als Khadri sie einen Moment zu lange unentschlossen ansah.
„Eigentlich wollte ich vorhin nicht abbrechen mit … nicht so“, verstört schüttelte sie den Kopf. „Es ist nur so, dass mir küssen … ziemlich … Angst macht. Ich denke immer, dann passiert etwas Schlimmes. Albern, ich weiß.“
Lia erwiderte ihren Blick mit verständnisvoller Wärme, sagte jedoch nichts.
„Eigentlich würde ich es gerne mit einer besseren Erfahrung überschreiben“, fuhr sie fort und hob zögerlich die Schultern. „Darf ich … es nochmal versuchen?“
Die Mundwinkel der Elfe zuckten nach oben. „Da fragst du noch? Jetzt redest du mir fast schon ein bisschen zu viel.“
Dabei hatte sie längst noch nicht alles dazu gesagt. Doch es musste vorerst wohl auch reichen – sonst würde es nie etwas werden mit dem Kuss.
Das holst du aber noch nach – Lia hat ein Recht darauf, alles zu wissen.
Sie atmete noch einmal tief durch, verbannte die Stimme in eine Ecke ihres Hinterkopfs. Legte eine Hand an Lias Nacken und legte ihre Lippen auf die ihrer Freundin, erst vorsichtig, dann entschlossener. Erfühlte die Form, den süßen Geschmack, ließ es auf sich wirken. Bemerkte die dunkle Angst, die in ihrer Brust lauerte und ließ ihr nur den Platz, den sie bereits beanspruchte. Löste sich dann ein wenig atemlos von Lia, riss die Augen auf. Gab dem Impuls nach, sich doch noch einmal umzusehen. Sie waren immer noch allein und Lia lächelte sie immer noch an, allerdings mit einem fragenden Ausdruck in ihren Augen. Khadri lauschte in sich hinein und spürte mit mit einem erleichterten Seufzen, wie die Angst davor – endlich! - verflog.
„Geschafft!“, flüsterte sie und konnte nicht verhindern, dass sich ein breites Grinsen auf ihr Gesicht stahl. Überschwänglich zog sie Lia an sich und küsste sie wieder, intensiv und ausgiebig. Und von ihrem Hinterkopf ausgehend ging ihre Welt in einem Feuerwerk unter.


„Warum nicht?“
Als Mitinhaber des Badehauses war Heskan davon ausgegangen, jeden Raum betreten zu dürfen – zumindest die öffentlichen. Das große Gemeinschaftsbad im Erdgeschoss war ein solcher Raum. Dennoch hatte sich Traugh davor aufgebaut – und ließ ihn einfach nicht hinein!
„Weil du da gerade nichts zu suchen hast“, die Schmollhaltung wirkte bei dem Halb-Ork irgendwie weniger schmollend als bei Khadri. Eher bedrohlich.
„Doch – Sidhrula“, gab Heskan irritiert zurück. Er hatte oben angefangen, das ganze Haus nach ihr zu durchkämmen. Dass er nun schon im Erdgeschoss angekommen war, deutete er als schlechtes Zeichen – immerhin hatte er damit schon mehr als zwei Drittel des Hauses hinter sich.
Traugh wirkte unbeeindruckt. „Hier ist sie nicht drin – das kann ich dir auch so sagen.“
„Dann gibt es doch auch keinen Grund, warum ich nicht dort hineinkönnte.“
„Doch, aber es ist ein anderer. Schon mal von Privatsphäre gehört?“
Heskan grummelte leise. Natürlich: Es kam oft genug vor, dass jemand in einem Bad ungestört bleiben wollte. Gerade in einem Badehaus, das auch die Versorgung anderer Bedürfnisse anbot – vor allem einem, dem Ungeschuppte überproportional häufig nachgehen mussten, wie es schien. Dann war es nur logisch, dass er seine Artgenossin dort nicht finden würde. Leider war sie nicht die Einzige, die er suchte.
„Und Khadri? Hast du Khadri gesehen? Ich könnte ihre Hilfe gebrauchen.“
Traugh hob die Augenbrauen und festigte seinen Stand vor der Tür. „Ja, habe ich. Und jetzt zieh Leine, bevor ich beschließe, dass du nervst.“
„Na, gut, dann suche ich weiter – danke für die Auskunft“, mit leicht flatterndem Kragen tat Heskan, wie ihm geheißen. Er ging zwar davon aus, dass er sich seinen Weg hätte freibahnen können – sicherlich konnte er es mit dem Halb-Ork aufnehmen. Doch ihm stand nicht der Sinn nach einem Streit, schon gar nicht wegen so etwas. Seine Gefährtinnen zankten genug für ihn mit.
Gemessen stieg er zum Labor hinab und spähte in den Raum hinein, in der festen Erwartung, dort die Fast-Elfe zu finden. Der Raum sah jedoch so aus, als hätte ihn schon seit Tagen niemand mehr betreten. Heskan konnte sich nicht ganz entscheiden, ob er enttäuscht oder erleichtert sein sollte: Khadri hatte er damit ebenfalls noch nicht gefunden, auf der anderen Seite konnte er nur so den Raum gefahrlos durchqueren, um in den nächsten Keller zu gelangen. Nach nur wenigen Schritten wurde er jedoch von einem heftigen Impuls aufgehalten.
Auf dem Arbeitstisch lag ein Satz frischer Badekugeln, die Khadri wohl zum Trocknen dort ausgelegt haben musste, bevor sie abgereist waren. Sie waren so perfekt, rund, mit Lavendelblüten…
Khadri würde ihn umbringen.
Kopfschüttelnd setzte er seinen Weg fort. Je mehr er darüber nachdachte, desto aggressiver erschien ihm die Fast-Elfe. Lag es daran, dass sie ihre ungeschuppten Bedürfnisse nicht richtig befriedigen konnte, weil sie es immer nur mit Lia versuchte? Sicherlich baute sich eine Menge Frust auf, wenn man diesen Fehler nicht bemerkte.
Mit einem Mal wurde Heskan klar, wo Khadri wohl gerade sein mochte. Und warum Traugh ihn nicht in das Bad gelassen hatte. Genervt rollte er mit den Augen.
Im zweiten Keller war Sidhrula auch nicht zu finden. Heskan musste jedoch feststellen, dass der Ort der Macht aufs Schändlichste zweckentfremdet wurde. Wie sollte er hier jemals wieder ein vernünftiges Ritual durchführen können, wenn er buchstäblich in einer Kühlkammer stand? Den Beschriftungen nach zu urteilen war in den Kisten, die hier heruntergeschafft worden waren, nicht einmal interessante Waren gelagert. Obst, Wein und andere weltliche Güter-
- wenn er ehrlich war, war es aber selbst ihm zu kalt, um sich hier lange mit Ritualen aufzuhalten. Damit löste sich auch sein ursprüngliches Vorhaben in Luft auf. Wenn er niemanden der Personen fand, die er brauchte, hatte er sich hierher zurückziehen wollen, um seinen Kelch um eine Hilfe auf seinem weiteren Weg anzurufen. Natürlich wäre er um Khadris Unterstützung in magischen Belangen dankbar gewesen – schließlich war sie viel erfahrener als er. Aber es ließ sich wohl nicht ändern. Leise ein Dampfwölkchen vor sich her schnaubend stapfte er wieder nach oben – der Keller war wirklich zu ungemütlich geworden. Sämtliche Stockwerke später zog er sich in sein Zimmer zurück. Stellte den Kelch vor sich auf, zog mit Kreide einen kleinen Kreis darum und versenkte sich in seine Machtströme.


Ein Debut und eine merkwürdig verkehrte Welt: Zum ersten Mal war es Lia, die Khadri dabei half, die Treppen nach oben zu bewältigen, nicht umgekehrt. Die Elfe konnte sich beim besten Willen nicht erklären, wie ihre Freundin es geschafft hatte, trotz ihrer merklichen Erschöpfung noch einmal richtig aufzudrehen.
Doch es war herrlich gewesen, wieder einmal mit einer ganz neuen Seite von Khadri. Fehlte ihr dieses Mal die ungestüme Wildheit der Vollmondnacht oder des Einflusses von Alkohol, so machte sie das damit wett, sich ausgiebiger einzelnen Partien zu widmen. Sie trieb auch nicht mehr dieses Verwirrspiel mit der Rollenverteilung, sondern versuchte einfach nur, Lias Wünsche zu erfüllen, bevor sie selbst darauf kam. Und mehr denn je hatte Lia den Eindruck, dass Khadri sich dabei nicht verstellt hatte. Unter all den Fassaden versteckte sich ein überraschend sanftes, rücksichtsvolles Wesen, das beinahe etwas Unschuldiges an sich hatte.
Zu guter Letzt hatte die Anstrengung jedoch ihren Tribut gefordert. Die Halb-Elfe war allein in der Zeit, in der Lia ihr das Haar gewaschen hatte, mehrmals eingenickt. Und nun reichte ihre Konzentration gerade noch dafür, das um ihren Körper geschlungene Handtuch festzuhalten, während sie einen Fuß vor den anderen setzte.
Lia war heilfroh, als sie endlich die Stockwerke bis zu ihren Schlafzimmern hinter sich gebracht hatten. Erleichtert, dass es nun nur noch wenige Schritte waren-
- die ihnen jedoch schlagartig versperrt wurden. Denn ehe sie ihre eigenen Räume erreicht hatten, ging die Tür gegenüber auf und Heskan trat auf den Flur – irgendwie eilig, aber mit einem befremdlich verklärten Blick. Er roch danach, als sei er mit einer Spur zu viel Magie in Berührung gekommen. Wenigstens war er nicht am Ort der Macht im Keller gewesen – Lia erinnerte sich daran, wie er zuletzt herausgekommen war, als er dort seinen rätselhaften Ritualen nachgegangen war. Instinktiv trat sie schützend vor ihre Freundin.
„Der Mond hat sich vom Himmel gelöst!“, verkündete Heskan mit einer Begeisterung, die in für Lia nicht nachvollziehbaren Sphären schwebte.
„Ähm – was meinst du?“, versuchte sie es dennoch. Hoffte, dass sie ihn durch Ansprache erreichen und wieder auf den Boden zurückholen konnte.
„Habe ich doch gerade gesagt: Der Mond hat-“
„- sich vom Himmel gelöst. Ich habe es schon richtig gehört, nur-“
„Woher weißt du, was der Kelch mir gesagt hat?“, die Augen des Dragonborn wurden größer, als Lia seiner Mimik zugetraut hätte. Ihre Hoffnung platzte im gleichen Augenblick. Mit ihm war offenbar gerade überhaupt nichts anzufangen. Sie konnte allerdings auch nicht erkennen, dass er in irgendeiner Form Schaden genommen hätte. Trotzdem lag es wohl an ihr, ihn wieder zur Vernunft zu bringen. Doch noch während sie einen Weg suchte, den sie dafür gehen konnte, ertönte hinter ihr ein leises „Ach so.“
Entsetzt ließ sie den Blick herumfahren. So sehr Heskans Augen ungewöhnlich glänzten, so trüb waren im Gegensatz dazu die Khadris. Dennoch brachte die Halb-Elfe die Andeutung eines Nickens zustande. „Das erklärt einiges.“
„Fang nicht auch noch so an!“, entfuhr es Lia eine Spur panischer, als sie beabsichtigt hatte. Sie nahm es Khadri nicht übel. Es fuchste sie nur, dass sie fürchtete, nun beide nicht mehr zu verstehen. Und eigentlich hatte ihr das Problem als Einzelfall gereicht.
„Aber es stimmt doch: Seit dem Ritual im Keller stimmen die Mondphasen nicht mehr“, protestierte Khadri mit erstaunlicher Festigkeit in der müden Stimme. „Durchaus möglich, dass sich der Mond dabei vom Himmel gelöst hat. Nur dann-“
Die Art, wie sie plötzlich die Augen aufriss, sah für Lia alarmierend nach einer ihrer unguten Ideen aus. Hastig zog sie ihre Freundin näher an sich heran, die daraufhin leise seufzend ihr Gesicht von hinten auf Lias Schulter sinken ließ.
„Haben wir das verursacht?“, fragte sie mit brechender Stimme.
Heskans Kragen stellte sich aufgeregt auf. „Interessante Idee.“ Einen Moment stierte er unbewegt auf Khadri. „Wir sind so mächtig!?“
„Heskan! Schlechter Augenblick!“, fauchte Lia, als die Halb-Elfe an ihrem Rücken zu zittern begann. „Komm, Khadri, du ruhst dich jetzt besser aus. Ich kümmere mich um ihn.“
Heskans Kragen flatterte empört, als sie sich an ihm vorbeischob. „Findest du!? Das ist der perfekte Augenblick! Ich habe mir eine Belohnung verdient.“
„Heskan – nein!“, mühsam versuchte Lia, die Strenge in ihrer Stimme auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. „Warte ganz kurz hier, ja? Ich bin gleich bei dir.“
Mit sanfter Gewalt schob sie Khadri langsam in Richtung ihrer Zimmertür, verwundert und ein wenig verärgert darüber, wie sie es geschafft hatten, schon daran vorbeizulaufen. Zu ihrer Überraschung prallte Khadri allerdings gegen sie und nickte dann mit einem erschöpft fragenden Blick auf die Tür dahinter. Lia nickte nur ergeben: Natürlich war ihr eigenes Zimmer auch in Ordnung. Schlagartig bedeutend ruhiger half sie Khadri geduldig zum Bett herüber und ließ ihre Kleider – das, was davon übrig war – auf einen Stuhl fallen. Das konnten sie später noch sortieren. Erschöpft aufatmend rollte sich Khadri auf der Decke zusammen.
Leichtfüßig trat Lia wieder zu ihr. „Ich komme nach – aber jetzt schaue ich erst, dass Heskan keinen Blödsinn macht.“
Sie strich ihrer Freundin zärtlich über den Kopf, woraufhin diese schwach lächelte, die Augen bereits zugefallen. Noch während sie herausging, meinte sie undeutlich etwas wie „mag den Tonfall“ von ihrem Bett her zu hören. Die Hitze, die Lia daraufhin ins Gesicht schoss, verstärkte sich noch, als sie wieder auf den Flur trat, allerdings aus einem anderen Grund: Heskan war verschwunden. Knurrend schnupperte sie kurz und knurrte dann noch ein wenig lauter. Er war nach unten gegangen, seine Fährte zu leicht zu verfolgen – bis ins Labor.
„Heskan! Nicht-“, setzte sie schimpfend an, genau in dem Moment, als eine Badekugel in seinem Maul verschwand.
„Aber die habe ich mir doch verdient – nur die eine!“, erwiderte der Dragonborn undeutlich, während ein paar Bläschen aus seinem Mund hervor stiegen. „Außerdem habe ich diese Sorte noch nie probiert. Aber sag Khadri nichts davon, ja? Auch nicht, dass ich hier war – sonst macht sie wieder alles kaputt.“
Für einen verzweifelten Moment fragte sich Lia, was sie überhaupt mit ihm zusammenschweißte. „Nur, weil du mit deinem Kelch geredet hast?“
Heskan sah sie überrascht an. „Stimmt! Woher weißt du das? Warst du dabei?“
Seufzend versuchte Lia, noch einmal festzustellen, ob sein Kopf nicht doch Schaden genommen hatte. Doch alles, was sie erkennen konnte, war, dass er noch nicht ganz von seiner Offenbarung – was auch immer er getrieben hatte – zurückgekehrt war.
„Nein, war ich nicht“, antwortete sie resigniert.
„Natürlich – sonst wüsstest du ja auch von der anderen Sache“, der Schaum vor Heskans Mund verflüchtigte sich wieder ein wenig, während er gewichtig eine Kralle hob. „Weißt du, wir müssen nämlich auch die Tochter finden. Sie hat alle Fähigkeiten geerbt.“
„Die Tochter“, echote Lia lahm. Plötzlich fühlte sie sich auch sehr müde. „Welche Fähigkeiten?“
Der Dragonborn hob die Schultern. „Keine Ahnung. Hast du eine Idee?“
„Dafür müsste ich erstmal wissen, wessen Tochter-“
„Genau, die Tochter!“
Sie wusste nicht, ob es helfen würde, zu schreien. Eine Ahnung verriet ihr, dass es nicht so sein würde. „Ja, ja, und sie hat alle Fähigkeiten geerbt.“
„Genau das hat der Kelch auch gesagt!“, entfuhr es Heskan beeindruckt.
Lia rieb sich vorsichtig mit zwei Fingen die Nasenwurzel. „Hat er sonst noch etwas gesagt?“
Der Dragonborn legte den Kopf schief und verharrte etwa eine Minute in dieser Haltung, ehe er wieder auftauchte.
„Nein.“
„Dann bringt uns die Information doch gar nichts!“, wenn das noch viel länger so weiterging, würde womöglich selbst das Tier wieder erwachen.
„Doch, bestimmt! Wir wissen doch jetzt, dass sich der Mond vom Himmel gelöst hat … und … und dass wir die Tochter finden müssen. Sie hat alle Fähigkeiten geerbt“, Heskan schielte zu den restlichen Badekugeln, herüber, schnappte sich noch eine und sah dann vorwurfsvoll zu Lia zurück. „Verführ‘ mich doch nicht so!“
Sie spürte, dass sie nicht mehr aus ihm herausbekommen würde. Und dass Khadris kompletter neuer Satz an Badekugeln verschwinden würde, wenn sie nicht einschritt. „Du hast Recht – nur noch die Eine und dann hörst du auf. Am besten ruhst du dich auch noch ein wenig aus, bevor wir heute Abend zu unserem Treffen gehen.“
Wie auch immer – es schien zu wirken. Erleichtert sah Lia zu, wie Heskan es sich sogar so weit anders überlegte, dass der die zweite Kugel nur „für später“ einsteckte und sich tatsächlich widerstandslos aus dem Labor trollte. Trotzdem blieb ihm Lia dicht auf den Fersen – so konnte sie beobachten, dass er sich auch wirklich zur Ruhe begab. Zumal sie ohnehin den gleichen Weg hatte.
Als sie wieder auf ihrem Zimmer ankam, schwirrte ihr immer noch der Kopf in dem schwachen Versuch, einen Sinn aus Heskans Aussagen zu gewinnen. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto mehr kam ihr der Verdacht, dass es ihr einfach nicht gelingen würde. Umso mehr war sie froh, dass Khadris schlafender Anblick reichte, um sie abzulenken. Immer noch fest eingerollt, als müsse sie sich selbst vor der ganzen Welt beschützen, doch mit einem zutiefst friedlichen Ausdruck im Gesicht.
Vorsichtig schob sich Lia zu ihr auf das Bett und versuchte, sich an Khadris Rücken zu schmiegen. Doch genau in diesem Moment schien ihre Freundin für einen kurzen Moment wach zu werden, rollte sich auf, drehte sich um und schmiegte sich an Lias Brust. Mit liebevoller Belustigung beobachtete Lia, wie sich das Handtuch dabei von ihrer Freundin löste und auf halber Strecke zurückblieb. Und erst einen Moment später fragte sie sich, wo sie ihre eigene Kleidung gelassen hatte.


Sicher, sie hatten wichtigere Sorgen als die Zusammenstellung ihrer eigenen Garderobe. Trotzdem zerbrach sich Khadri genau darüber den Kopf. Sie hatte so lange an den Fetzen ihrer Hose gearbeitet – repariert, gewaschen, getrocknet, wieder zerschnitten, – dass für ihr Hemd weder die Zeit noch die Geduld geblieben war. Sie hatte so viel Magie allein für die Hose aufgewendet, dass sie ihren Nacken schon prickeln spüren konnte.
Das bildest du dir nur ein.
Sie hatte sich auch nicht eine von Lias Hosen leihen wollen – es gehörte sich einfach nicht, in die Kleidung anderer ein Loch zu schneiden, nur damit ein Fuchsschweif hindurchpasste. Und ein Rock hatte dank dieses Merkmals nur unglücklich abgestanden. Aber hast du gesehen, wie Lia dabei geguckt hat? Ihr scheint es gefallen zu haben.
Also trug sie ihre eigene Hose und wunderte sich, ob das geliehene Oberteil dazu passte. Ob ihr Grün überhaupt stand.
Wenn du es schon so darauf anlegst: Nur als Palmwedel über deinem Lieblingsstück. Aber hier gibt es ja keine Palmen. Dann muss es wohl ein Feigenblatt tun … ach, Moment, die gibt es hier ja auch nicht.
Das hämische Kichern hätte Khadri lieber ausgeblendet.
„Alles in Ordnung? Du guckst so komisch“, sagte Lia neben ihr und ließ sie zusammenfahren. Natürlich – nun schnitt sie auch noch Grimassen wegen einer Stimme, die außer ihr niemand hören konnte. Unbehaglich fragte sie sich, ob sie ehrlich sein sollte. Oder ob das zu viel des „mehr Redens“ sein würde.
„Nur wieder Kommentare zu meinen Gedanken“, murmelte sie halbherzig. Das war nicht gelogen und traf es trotzdem ganz gut auf den Punkt.
„Sind wir denn noch auf dem richtigen Weg?“, fragte Heskan und klang fast eine Spur tadelnd. Er schätzte es sicher nicht, wenn Khadri als ihre Führerin mehr ihren Gedanken nachhing.
Hektisch sah sie sich um. Sie waren schon weiter gekommen, als sie erwartet hatte, aber immer noch auf dem richtigen Weg. Beruhigt atmete sie auf. Eleszhara hätte es sicher genauso wenig geschätzt, wenn sie noch einen Umweg hätten laufen müssen.
„Ja, wir sind gleich da“, versicherte sie hastig.
Wenige Ecken weiter präsentierte sich ihr Ziel als ein insgesamt unscheinbares Gebäude mit einer genauso unscheinbaren und vor allem kleinen Tür. Womöglich war es doch keine so gute Idee gewesen, Eleszhara mitzunehmen.
Die Drider schien jedoch wenig beeindruckt. „Am besten geht ihr vor. Ich schaue dann, wie weit ich da hinein passe. Oder ob ich überhaupt passe.“
Lia konnte sich anscheinend nicht entscheiden, ob sie darüber lächeln oder besorgt sein sollte. Ihr Gesicht kämpfte sichtlich, als sie an die Tür klopfte. Es dauerte nicht lange, bis ihnen geöffnet wurde und der Lutra-Priester den Kopf hinter der Tür erscheinen ließ.
„Ist euch jemand gefolgt?“, fragte er leise.
Lia drehte kurz den Kopf in die Richtung, aus der sie gekommen waren, witternd und lauschend. „Ich kann niemanden ausmachen.“
Chira nickte langsam und machte ihr Platz zum Eintreten. Khadri blieb dicht an Lias Fersen, erst recht, als sie ein ungutes Gefühl bekam, kaum, dass sie die Türschwelle berührte. Schlagartig stellten sich sämtliche Haare an ihrem Körper auf.
„Habt ihr die Runen auf dem Rahmen gesehen?“, meinte Heskan beiläufig hinter ihr, dem Tonfall nach nur aus milder Neugier. Doch ihr ließ es das Blut in den Adern gefrieren.
Warte mal, was für Runen? Was hat er da gesehen!? Moment! MOMENT!! MO-
Khadri stolperte auf dem letzten Schritt ins Innere, nicht nur, weil der Dragonborn sie von hinten anrempelte, sondern von einem plötzlichen Schwächegefühl aus dem Gleichgewicht gebracht. Als wäre etwas, das ihr jeden Moment Kraft gab und sie antrieb, wie weggeblasen. Zurück blieb nur eine durchdringende Stille in ihrem Kopf, in ihrem ganzen Inneren. Als sei ein sonst immer sprudelnder Quell versiegt. Und mit ihm verfiel die Stimme in ihrem Kopf in ein beklemmendes Schweigen. Nicht einmal der Hauch einer Anwesenheit war zu spüren.
Gerade noch rechtzeitig schoss eine andere Kraft durch ihren Körper und erinnerte ihre Muskeln an ihre Aufgabe. Gerade so, dass sie nicht gegen Lia sackte, sondern sich am nächstbesten Gegenstand festhalten konnte, um sich abzufangen. Eine Stuhllehne.
Chira nickte ihr aufmunternd zu. „Genau – bitte nehmt Platz.“
Angestrengt versuchte sie, sich nichts anmerken zu lassen, während sie sich möglichst würdevoll setzen wollte, aber doch nur wieder in sich zusammenfiel. Warum musste sie vor dem Hohepriester nur immer so ein erbärmliches Bild abgeben? Was dachte er wohl von ihr?
Lia schenkte ihr einen merkwürdigen Blick, als sie sich um den Tisch, der fast den gesamten Raum ausfüllte, herumschob und Heskan stumm aufforderte, sich ebenfalls auf die andere Seite zu setzen. Khadri wäre lieber gewesen, wenn Lia sich zu ihr gesetzt hätte, doch dann erkannte sie selbst, dass der Platz neben ihr der Einzige war, an den Ella noch einigermaßen passte. Seufzend ergab sie sich dieser Fügung, während Chira sich unter zahlreichen Entschuldigungen an der Drider vorbeischob, um die Tür hinter ihr zu schließen.
Als er sich seinen Weg zurück gebahnt hatte, wirkte er etwas zerknitterter als vorher. „Ich bin froh, dass ihr alle den Weg hierher gefunden habt. Und ich hoffe, ihr verzeiht mein Verhalten von heute Morgen: Wie ich sagte, konnte ich nicht offen über das Herz von Treymin sprechen. Dieser Raum hier“, als er die ausholende Geste machte, bemerkte Khadri, dass er sich wieder nicht zu ihnen gesetzt hatte und damit fast bis unter die Decke aufragte. „ist vollständig abgeschirmt – auch vor Magie. So kann uns hier wirklich niemand abhören.“
Auf diesen Satz hin rieb sich Eleszhara eine Schläfe und wirkte dabei fast ein wenig erleichtert. Khadri hingegen fröstelte. Es erklärte zwar so ziemlich alles, doch deswegen ging es ihr noch lange nicht besser. Im Gegenteil, sie kam sich vor wie eines Sinnes beraubt, den sie sehr ausgeprägt hatte. Und was, wenn ihre Verbindung derart radikal getrennt wurde – kam die Magie dann überhaupt wieder? Die Zeiten, dass sie die hatte loswerden wollen, waren doch lange vorbei. Ohne ihre Magie war sie … weniger als nichts.
Ohne ihr Zutun kniffen ihre Hände sie plötzlich fest in den jeweils anderen Arm. Erschrocken blickte sie auf ihre verschränkten Arme herab, um ihre Rechte bei einer winzigen Geste zu beobachten. Ein tadelnd erhobener Zeigefinger, der dann nur einmal kurz in Richtung des Priesters schwenkte, bevor ihre Hand in ihrem Schoß erschlaffte.
Was in aller Welt-?
Perplex und erschüttert richtete Khadri ihren starren Blick auf Chira, erlaubte sich nicht einmal Seitenblicke, um zu prüfen, ob die anderen etwas bemerkt hatten.
„… dass nicht einmal die tiefsten Eingeweihten der Stadt das ganze Geheimnis kennen“, erklärte der Priester gerade. „Ich kann euch also nur so gut helfen, wie ich es selbst vermag, doch ich kann euch nicht alle Arbeit abnehmen.“
Verflucht, was hatte sie verpasst?
„Ich habe versucht, so viel wie möglich über das Herz herauszufinden. Es handelt sich dabei um ein sehr mächtiges Artefakt, von dem es heißt, es sei mit den Flüssen und Gewässern dieser Landmasse verbunden. Und mit seinem Zugriff habe man Kontrolle über all diese Ströme.“
„Wie ein Körper? Ein Herz, das mit den Leben spendenden Adern verbunden ist“, meinte Heskan nachdenklich.
„Exakt. So kann man es sich vorstellen“, bestätigte Chira. „Es hat außerdem eine sehr starke magische Kraft. Doch was man alles damit zu tun vermag, ist wahrscheinlich niemandem bekannt – dafür ist es nicht gut genug erforscht.“
Er zog ein eingerolltes Pergament aus einer Tasche seines Gewands hervor und breitete es vor ihnen auf dem Tisch aus. „Ich vermute, dass Herz von Treymin hat seinen Namen vor allem daher, dass es tatsächlich hier unter der Stadt liegt. Alles, was ich sonst noch herausfinden konnte, ist der Ort, an dem es sich befindet.“
Gespannt beugten sie sich vor und betrachteten das Pergament vor ihnen. Khadri konnte eine Zeichnung erkennen, vermutete, dass es eine Karte war. Doch die innere Leere schien auch ihren Wissensschatz und ihre Orientierung angegriffen zu haben – sie konnte damit überhaupt nichts anfangen. Es sah auch nicht wirklich aus wie eine Straßenkarte, jedenfalls nicht so, wie sie ihr vertraut waren. Nur ein paar Umrisse muteten wie Gebäude an, während andere Teile der Karte diesen Eindruck wieder vernichteten. Hoffentlich erwartete niemand von ihr, dass sie dieses Rätsel entschlüsseln konnte. Dass Lia genauso ratlos schaute, war allerdings nur ein schwacher Trost.
Der Priester deutete auf einen Punkt auf der Karte. „Ich kenne niemanden, der einmal dort gewesen ist, aber mehrere Quellen belegen den Standort des Herzens hier.“
Heskan zischelte leise, dann fuhr er sich mit der Zunge über die Nüstern. „Khadri, erkenne ich das richtig? Das Gebäude an diesem Punkt … ist die Oase der Mitte, oder?“
Der nächste Atemzug blieb ihr im Hals stecken. Jetzt, da er es aussprach…
Hatte sie jahrelang auf einem Fleck mit dem womöglich mächtigsten Artefakt der Stadt gewohnt, ohne es zu merken? Gab es einen Zusammenhang zu dem Brand … dem Ende ihres bis dahin doch eher ruhigen Lebens in Treymin? Dazu, dass ihre Gefährten hier aufgetaucht waren und sie – wie auch immer – in eine Katastrophe göttlichen Ausmaßen hineingeraten waren…?
Streng verbot sie sich, diesen Gedankengang weiterzuverfolgen. Sie konnte schon sehen, dass er sie nur direkt wieder in die lauernde Schwärze ihrer Ängste hineinführte.
Angespannt ließ sie ihren angehaltenen Atem weiterziehen.
„Von oben betrachtet liegt das Herz ein wenig links vom Stadtzentrum – interessante Analogie“, Heskan hatte sich inzwischen dicht über die Karte gebeugt und forschte sie weiter aus. „Ich nehme mal an, das Herz liegt unterhalb der Stadt … so wie es hier aussieht.“
„Ist dir unter der alten Oase mal etwas in die Richtung aufgefallen?“, fragte Lia an Khadri gewandt. Die versuchte eilig, etwas anderes aus ihren Gedanken zu kratzen als die Fragen, die sie eben fallen gelassen hatte. Doch ihr blieb immer noch nur die Leere.
„N-nein, da gab‘s nur einen Keller … m-mit dem...“
… Heizkessel für die Bäder. So profan, wie er gewesen war, so wenig Grund hatte er ihr geliefert, zu ihm hinabzugehen. Und nun verband sie damit eine der schlimmsten Erinnerung ihres ganzen Lebens in dieser Stadt.
Die Stille in ihr wurde größer, als sie auch ihre eigene Stimme in sich aufnahm.
„Gab es dort einen Zugang zu den Katakomben?“, bohrte Heskan ungerührt nach und entlockte ihr ein heftiges Kopfschütteln. Zumindest nicht, dass sie davon gewusst hätte. „Aber vermutlich kommen wir dann nur darüber dorthin...“
„Da wäre ich mir nicht so sicher“, wandte Chira ein. „Das Herz liegt unterhalb der Stadt, ja. Aber wenn der Erdboden die Haut ist, dann sind die Katakomben so etwas wie der Brustkorb.“
„Es liegt noch tiefer“, führte der Dragonborn den Gedanken fort und erntete dafür ein Nicken.
Sie tauschten einige ratlose Blicke.
„Und wie kommen wir dann hin?“, fragte Lia schließlich.
Der Priester machte ein trauriges Gesicht. „Das konnte ich leider nicht herausfinden. Der Weg dorthin ist wohl ein noch größeres Geheimnis.“
Die Elfe ließ den Kopf hängen. „Ab hier müssen wir also selbst weitermachen?“
„Immerhin haben wir jetzt Anhaltspunkte“, wandte Heskan ein und begann, sie an den Krallen abzuzählen. „Die Ruine der alten Oase, den Sensenlauf – wenn schon eine Verbindung zu Flüssen besteht – und vielleicht gibt es doch einen Weg über die Katakomben. Auf diese drei Orte können wir uns sogar richtig gut aufteilen.“
„Damit solltet ihr auch bald anfangen. Ihr habt selbst gesagt, dass die Zeit drängt“, Chira hob in einer sanft auffordernden Geste die Hände. „Ich habe euch alles erzählt, was ich weiß. Mir bleibt nichts mehr, als euch wieder von Herzen den größten Erfolg zu wünschen. Auf dass die Götter mit euch sind.“
„Danke“, murmelte Lia und schickte sich an, aufzustehen. Gab Heskan einen Stoß, damit er ebenfalls Platz machte. Ehe sie jedoch nach draußen kamen, folgte das erneute Gedränge, als Chira sich Eleszhara vorbeiquetschte, um die Tür zu öffnen, und sie sich wieder nach draußen zwängte. Genug Zeit für Khadri, ihre weichen Knie so weit zu sammeln, dass sie es zu einem unsicheren Stand brachte. Zögerlich wackelte sie den anderen hinterher – sie wusste nicht einmal mehr, wie oft sie sich schon gefragt hatte, wie viel schlimmer es noch werden könnte.
Langsam trottete sie durch den Ausgang, merkte nur flüchtig, wie sich die Härchen auf ihren Armen erneut aufstellten, ehe etwas mit der Wucht einer Sturmwelle über ihr zusammenschlug. Etwas, dass eine erleichterte Träne aus ihren brennenden Augen drückte.
Hallo! HALLO!! HAAAAAAALLLLOOOOOO!!!!
Oh Mann, endlich reagierst du wieder! Wurde aber auch mal Zeit!