Teil 15: Abschied

Aus Würfelchaos
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Da er nun zwei Türen hatte, die jeweils eine Hälfte seines Türrahmens füllten, hatte Heskan es so definiert: Wenn es oben klopfte, war es jemand Größeres wie Lia oder Traugh, unten klopften kleinere Personen wie Khadri. Er hatte allerdings keine Zuordnung dafür, wenn es an der Wand neben seiner Tür klopfte, doch genau das tat es gerade.
„Komme!“, rief er erstaunt. Immerhin war es eine gute Gelegenheit, zu erforschen, wer da von seinem Schema abwich.
Natürlich war es Khadri. Und der Höhe nach zu urteilen, aus der sie ihre Faust zurückzog, hatte sie obendrein auf der Höhe der oberen Tür geklopft. Unverschämt deviant wie immer.
„Morgen“, grüßte sie ihn und fletschte entweder die Zähne oder grinste – was immer es war, es wirkte nicht sehr überzeugend. Und wahrscheinlich tat sie es mit Absicht.
„Guten Morgen“, erwiderte er die Begrüßung deutlich strammer. Er konnte schließlich die Hoffnung nicht aufgeben, irgendwann doch noch ein gutes Beispiel für sie zu sein.
Khadri gähnte. „Lia war eben bei mir und hat mich zu dir geschickt, damit ich dich von ihrer Mission überzeuge. Das bedeutet allerdings eine Reise. Wir brechen morgen früh auf.“
Heskan war froh, bereits davon überzeugt zu sein – denn auf diese Weise schaffte Khadri das keineswegs. Und er war sich sicher, dass sie auch das mit Absicht tat.
Nun, so leicht bekam sie ihn nicht. „Das hat sie mir gestern schon gesagt. Ich habe sogar schon Medikamente gegen die Reiseübelkeit gekauft. Willst du sie sehen?“
Zu seinem Leidwesen wurde der Gesichtsausdruck der Fast-Elfe etwas lebhafter – deuten konnte er ihn allerdings immer noch nicht recht.
„Warum soll ich das dann überhaupt machen?“, stöhnte sie, ohne Heskan direkt anzusehen. Irritiert legte er den Kopf schief, was sie allerdings bemerkte. „Ich meinte: Natürlich kannst du sie mir gerne zeigen.“
Freudig präsentierte er ihr den Beutel, sie fischte mit einem tadelnden Zungenschnalzen eine Badekugel – seine Notration! – heraus und besah sich dann den Rest. „Sieht ganz gut aus. Keine Verhütungsmittel beigemischt. Aber das hier und dieses solltest du nicht gleichzeitig einnehmen.“
Er nahm es einigermaßen dankbar zur Kenntnis. Obwohl sie ihm die Reise gerade nicht allzu schmackhaft machte, tat das ihrer Schläue wenigstens keinen Abbruch.
„Weißt du, wie lange wir unterwegs sind?“, fragte er trotzdem. Wenn er nun schon Reisemedikamente gekauft hatte, konnte er sie schließlich auch antreten.
„Ungefähr einen Monat, meint Lia. Aber sie will es ein wenig beschleunigen“, Khadri hob die Schultern, dann schüttelte sie sich ein wenig. „Na ja … sie besorgt Pferde für uns.“
Unwillkürlich schnappte Heskan zischelnd nach Luft. Pferde!? Wesen ohne Schuppen und mit vier Beinen – was sollte er denn damit?
Das entlockte Khadri einen Gesichtsausdruck, der wohl ein Lächeln war. „Du also auch nicht?“
Nachdenklich kratzte er sich an einem Horn. Sie hatte auch schon eindeutigere Fragen gestellt. Aber natürlich konnte er nicht reiten. Er hatte in den Bergen gelebt. Wo hätte da überhaupt etwas herkommen können, das groß genug war, damit ein Dragonborn darauf reiten konnte? Drachen waren schließlich auch nicht mehr dort.
Als sie ihm dann jedoch den Oberarm tätschelte, kam ihm der Gedanke, dass sie überhaupt keine Antwort erwartete.
„Lia will jedenfalls zwei Pferde mieten – eins für dich und eins für uns beide“, fuhr sie fort. „Mach dir nichts draus – dann muss sie eben damit leben, dass sie die Pferde führen muss.“
Langsam glaubte er, zu verstehen: Khadri konnte auch nicht reiten. Sie musste ähnliche Gedanken gehabt haben wie er eben, als sie davon erfahren hatte. Das beruhigte ihn ein wenig.
Dennoch war er neugierig. „Gibt es in deiner Heimat auch keine Pferde?“
„Himmel, nein. Spinnen vielleicht, aber…“, er hasste es, wenn sie Sätze so unfertig ausgesprochen stehen ließ. Als er aber über mögliche Enden nachdachte, kam er auch zu dem Schluss, dass sie besser unausgesprochen blieben.
Dann konnte er das Gespräch genauso gut wieder in eine nützliche Richtung lenken. „Einen Monat, sagst du? Ich würde dann Proviant für diese Zeit kaufen. Brauchen wir sonst noch etwas?“
„Zelte?“, meinte Khadri zögernd. „Wir haben nicht so einen Wagen wie mit Ella und wahrscheinlich auch nicht jede Nacht eine Herberge.“
„Drei Stück also?“
„Zwei reichen.“
„Logisch.“
Es hatte tatsächlich geklappt. Er nahm sich vor, später unbedingt zu notieren, wie man ein zielführendes Gespräch führte. Vorher wollte er allerdings noch damit weitermachen. „Kommst du mit?“
Sie war zwar keine einfache Gesellschaft, aber dennoch nützlich. Von ihnen allen kannte sie sich immer noch am besten aus und vielleicht konnte sie ihm dann auch beim Tragen helfen – zumindest ein bisschen. Zu seiner leisen Enttäuschung antwortete sie allerdings nicht mehr direkt, sondern nickte nur. Er nahm sich vor, sich das nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen, als er auch seine untere Tür öffnete, herausschlüpfte und sorgfältig beide wieder hinter sich schloss. Während er Khadri nach unten folgte, überlegte er, ob doppelte Türen nicht irgendwo in der Welt als Signal für Wohlstand galten. Allmählich war er recht stolz darauf.
„Warte kurz“, im Foyer angekommen huschte Khadri die Kellertreppe herab. Heskan vermutete, dass sie seine Notration versteckte. Je länger sie allerdings brauchte, desto mehr Sorgen machte er sich: So würde er sie ja nie wiederfinden. Als sie wieder hochgestapft kam, hängte sie sich gerade einen großen Wasserbeutel um und zerstörte damit alle seine Hoffnungen. Hatte sie seine Notration allen Ernstes aufgelöst?
Sie blickte ihn allerdings nur fragend an, als sie zum Ausgang marschierte und er ihr in seiner Schreckstarre nicht zeitnah folgte. Als sie die Oase verließen, überschlug Heskan grob seine vorhandenen Rücklagen: Er hatte noch welche, für eine Rüstung würde es aber wohl nicht reichen. Allerdings hatte er noch einige Wertsachen, die er vielleicht endlich veräußern konnte. Wenn er nur einen Ort wüsste, wo er das tun konnte.
Dann fiel ihm wieder auf, zu wem er gerade wieder aufschloss und war schlagartig froh, dass er sie gefragt hatte. „Khadri, kennst du einen Juwelier? Einen Brauchbaren?“
Sie legte auf eine Art den Kopf schief, dass es Heskan an ihn selbst erinnerte. “Wofür denn?“
„Ich habe noch diese Edelsteine, die ich für einen angemessenen Wert verkaufen will“, er klopfte auf seinen Geldbeutel. „Weißt du, die habe ich in den Katakomben-“
„Schon gut“, unterbrach Khadri ihn mit etwas, das sehr eindeutig nach Abscheu aussah und klang. „Ich … erinnere mich...“
Sein Fehler. Das war nicht zielführend gewesen.
Dann tippte sie sich mit einem Finger an die Unterlippe. „Ich weiß, wo die Oase immer wieder Schmuck für die Mitarbeiterinnen bezieht. Und wenn Traugh sich auf den verlässt, wird er schon brauchbar sein.“
Das klang Heskan gut genug.
„Schreibt er euch vor, welchen Schmuck ihr zu tragen habt?“, wunderte er sich dennoch, als Khadri den Weg änderte und offensichtlich eine zielstrebigere Richtung einschlug.
„Teilweise“, antwortete sie. „Ist doch auch nichts dabei, oder? Eigentlich ist es sogar eher ein Erkennungsmerkmal.“
Er musste gestehen, dass er es nicht von dieser Seite gesehen hatte. Allerdings war er sich auch nicht ganz sicher, warum er für einen Moment an Unterwerfung hatte denken müssen. Vielleicht, weil Traugh es zwar nicht tat, aber eindeutig danach aussah, als könnte er es.
Khadri führte ihn zu Mertel‘s Precious Stones, der an einer anderen Seite des Sonnenplatzes lag. Theoretisch nur wenige Gehminuten von der Neuen Oase entfernt, praktisch war es allerdings unmöglich, den Laden durch das Gedränge in wenigen Gehminuten zu erreichen. Nach einigem Rempeln und Ausweichen standen sie jedoch vor der Tür, die ihnen Jonathan Mertel als den Inh. des Geschäfts auswies.
Beschriebener Jonathan Mertel musste auch derjenige sein, der sie hinter der Ladentheke begrüßte. „Ah, womit kann ich denn der verehrten Kundschaft behilflich sein?“
„Mein Kollege würde gerne einige Edelsteine schätzen lassen“, begann Khadri das Gespräch, ehe Heskan das Gleiche hätte sagen können. Das wäre aus seiner Sicht zwar nicht nötig gewesen, aber solange sie ihn damit nicht an seinem Vorhaben hinderte, konnte sie ruhig so verfahren.
Mertel wandte daraufhin seine Aufmerksamkeit Heskan zu, der seinen Moment gekommen sah. Betont zog er das kleine Säckchen aus seinem Geldbeutel und rief sich eilig ins Gedächtnis, wie es die Händler draußen auf dem Platz immer machten.
„Ich habe-“, begann er und machte dann eine gewichtige Pause. Er nutzte den Moment, um den Juwelier einzuschätzen: Kleiner, schwächer und wesentlich ungeschuppter als er. Ordnung Mensch. Der würde es wohl nicht wagen, ihn zu bestehlen.
„-diese Edelsteine hier anzubieten“, endete er und goss den Beutel schwungvoll genug auf der Theke aus, dass alle seine Fundstücke gut zu sehen waren. Insgeheim war er froh, daran gedacht zu haben, sie zu reinigen. Auch wenn es ihn eine Nascherei mit Lavendelgeschmack gekostet hatte. Mertel setzte ein Augenglas mit mehreren Vergrößerungslinsen auf und beugte sich mit vielen „Hm“-Geräuschen über die Steine. Er ließ sich mit seiner Begutachtung sehr viel Zeit.
Heskan warf sich in die Brust. „Seht Ihr, die sind alle völlig klar. Keine Verunreinigungen! Vielleicht müsst Ihr den einen oder anderen noch schleifen, aber selbst in ihrer natürlichen Form machen sie schon viel her. Aber geschliffen erst: Hervorragendes Material, das sich sicher gut einfassen lässt.“
So machten es andere Händler doch auch, oder nicht? Das nächste „Hmm“ wurde ein wenig länger.
„Oooh“, machte außerdem Khadri und zeigte übertrieben große Augen. „Da hast du allerdings recht, Heskan.“
Sie heuchelte es. Eindeutig. Aber er wollte sich nicht beschweren – schließlich versuchte sie, ihm zu helfen.
„Es stimmt, sie haben gute Qualität. Ich schätze sie auf“, er hielt kurz inne. „380 Goldstücke.“
Für acht Edelsteine war das wohl ein guter Preis. Jedenfalls sagte ein Gefühl Heskan, dass er wohl keinen besseren bekommen würde.
„Gut, dann sind wir im Geschäft“, beschloss er.
Der Juwelier fuhr mit einer Hand über seinen Kopf. „Selbstverständlich, guter Herr. Allerdings habe ich nicht so viel Geld hier im Laden.“
Heskan starrte ihn an, in der Hoffnung, es wirkte berechnend. Vielleicht war es aber auch einschüchternd. Eilig kramte der Juwelier in einer Schublade auf der anderen Seite seiner Theke und holte einen juwelenbesetzten Armreif hervor.
„Dieser Reif hier hat einen Gegenwert von 140 Goldstücken“, erklärte er. „Den Rest kann ich euch in Geld ausgeben.“
Das war zwar nicht ganz das, was er sich vorgestellt hatte, aber wahrscheinlich immer noch ein vergleichsweise gutes Geschäft. Vielleicht war ihm ja an einem anderen Tag wieder das Glück hold und er konnte den Reif für einen höheren Preis verkaufen.
„Einverstanden“, gurrte er und hielt Mertel seine Pranke entgegen. Geschäfte besiegelte man doch mit einem Handschlag, oder nicht? Der Juwelier zuckte allerdings erst einmal sichtlich zurück, ehe er erkannte, worauf Heskan hinauswollte und erwiderte die Geste für den Bruchteil eines Moments.
„Kann ich dem Herrn denn sonst noch dienlich sein? Oder der Dame?“, meinte Mertel nach Abwicklung des Geschäfts und deutete auf die Auslagen. Wie Heskan auffiel, schien er sich auf goldene Reife spezialisiert zu haben, denn er fand sie in allen Formen und Größen. Meistens allerdings eher schlicht, dagegen war der Armreif seines Handels geradezu ein Prachtstück.
„Habt Ihr so etwas schon einmal gesehen?“, fragte Khadri und Heskan sah aus dem Augenwinkel, dass sie dem Juwelier eine Perle mit nebelhaften Schlieren darin zeigte. Er passte allerdings nicht mehr so genau auf, da er ein ganz anderes Problem erkannte: Er fand keine Stelle, an der ihm dieser Reif passte.
„Nun, werte Dame, das ist ein wertvolles Stück. Allerdings nicht für mich, denn das ist unleugbar … eine Perle eben. Allerdings kommen diese Schlieren von arkaner Einwirkung. Sie ist also auf irgendeine Art bereits magischer Energie ausgesetzt gewesen und könnte dadurch ganz besondere Eigenschaften haben. Dafür bin ich allerdings kein Experte – verzeiht.“
War der Reif nun zu weit oder zu eng? Es war furchtbar schwer, das festzustellen.
„D-das hilft mir trotzdem schon weiter – vielen Dank.“
„Kann ich sonst noch etwas für euch tun?“
„Ich schaue mich noch einmal um.“
Heskan kam zu dem Schluss, dass der Reif überwiegend zu eng sein musste, denn er war es an den meisten seiner Körperzonen. Es blieb dennoch ein Anteil, an dem er zu weit war.
„Meister Mertel? Was wollt Ihr für diesen Fußreif?“
„Sechs Goldstücke, die Dame.“
Für einen Moment kehrte Stille ein, während Heskan den Reif über eines seiner Hörner gleiten ließ. Allerdings war er auch dort zu weit. Er würde aber nicht verloren gehen. Zufrieden wandte er sich zu Khadri und Mertel um. Die Fast-Elfe stand mit verschränkten Armen vor dem Juwelier, der ein wenig unruhig die Hände knetete.
„J-ja, doch … sechs Goldstücke.“
Khadri nickte. „Gut, den nehme ich – auch als Dank für eure freundliche Auskunft.“
Heskan konnte ihr Gesicht unmöglich lesen, als sie ihren Einkauf gemacht hatte, erst recht nicht, nachdem sie beim Verlassen des Ladens noch einmal einen Blick nach hinten geworfen hatte. In ihrer Miene ging offenbar gerade so viel vor, dass praktisch gar nichts mehr richtig zum Vorschein kam. Vielleicht konnte sie ein wenig Aufmunterung vertragen.
Er zog den Reif wieder von seinem Horn und hielt ihn der Fast-Elfe hin. „Möchtest du den?“
Sie riss kurz die Augen auf, dann lächelte sie schwach. „D-danke, aber nein. Mir geht er womöglich nur kaputt. Aber vielleicht freut sich Lia darüber? Die Farben würden ihr besser stehen als mir, glaube ich.“
Vermutlich lag sie nicht ganz verkehrt. Wobei Heskan jedoch alles andere als sicher war, dass der Reif bei Lia sicherer aufgehoben war, wenn es darum ging, ihn vor Schaden zu bewahren. In dieser Hinsicht war er wahrscheinlich bei niemandem von ihnen vollkommen sicher.
„Jetzt Proviant?“, fragte Khadri, schlenderte aber bereits in Richtung der Marktstände los, ehe er antworten konnte. Prüfend schielte Heskan unterdessen in seinen nun deutlich pralleren Geldbeutel. Für eine Rüstung reichte es immer noch lange nicht. Das konnte er wohl immer noch vergessen. Dann hatte er für seinen aktuellen Bedarf unverhältnismäßig viel.
„Khadri“, er winkte sie beiseite und drückte ihr einen Anteil des Goldes in die Hände. Er hatte noch nie ein so offensichtlich fassungsloses Gesicht gesehen.
„W-warum … ich meine, danke, aber … warum?“, sie ließ das Gold eilig in ihrem eigenen Geldbeutel verschwinden.
Zugegeben, er wusste es selbst nicht so genau. Weil sie den Reif verweigert hatte? Weil er sie noch nicht hatte aufmuntern können? Als Nachzahlung und Vorschuss für die Badekugeln, die auf seine Kosten gegangen waren?
„Überleg dir was“, brummte er nur. Dafür war Khadri schließlich schlau genug.
Nur – was für ein Argument hatte er bei Lia, wenn er ihr ebenfalls einen Teil gab?
Eigentlich war es ja auch egal.
Sie brauchten ziemlich lange, genug Proviant für einen Monat zu besorgen – für drei Personen. Die Zelte schafften sie nur etwas schneller. Heskan war allerdings stolz, dass er für Karidos ein Vogelhäuschen gefunden hatte. Ein eigenes Zelt für ihn wäre schließlich etwas überdimensioniert gewesen. Heskan hatte allerdings auch nicht eingesehen, sein Eigenes mit dem Eichhörnchen zu teilen.
Es verdutzte ihn allerdings ein wenig, dass sie am Ende der Einkäufe auch schon fast das Ende des Tages erreicht hatten. Und sie waren offenbar vom Kurs abgekommen, denn sie hatten den Sonnenplatz verlassen. Khadri stand ein paar Schritte von ihm entfernt und sah die Straße hinab. Da erkannte Heskan, wo sie waren und unwillkürlich kam ihm eine Erinnerung an ein verheddertes Seil, das ihn beinahe zum Ertrinken gebracht hätte.
„Gehen wir zurück?“, fragte er und versuchte, nicht unbehaglich zu klingen – egal, ob Khadri das nun merkte oder nicht.
Die Fast-Elfe zuckte leicht zusammen und drehte sich zu ihm um. „Eigentlich … hm … wollte ich nochmal bei der Ruine der Oase der Mitte vorbei.“
Besorgt merkte Heskan, dass der Gedanke ans Ertrinken noch ein wenig penetranter wurde. Allerdings war er sich sicher, über diese Straße nicht am Fluss vorbeizukommen. Das beruhigte ihn ein wenig.
„Ich will dich natürlich nicht aufhalten“, fügte Khadri rasch hinzu.
Das wiederum machte ihn neugierig. Wollte sie ihm etwa sagen, dass sie ihn dafür nicht brauchte? Unmöglich, sich das vorzustellen.
„Ich komme mit“, teilte er ihr seinen Beschluss mit. So eilig hatte er es nicht, zur Neuen Oase zurückzukehren. Khadri machte daraufhin wieder ein sehr kompliziertes Gesicht, sagte aber nichts.
„Meinst du, dass Sidhrula dort ist?“, seine Frage ließ sie erneut zusammenfahren.
„Ich hoffe nicht. Wieso?“, quiekte sie.
„Sie hat sich noch nicht zurückgemeldet, oder? Vielleicht kommt sie dort ja wieder heraus.“
„Ich weiß nicht, ob sie es durch einen senkrechten Schacht nach oben schafft.“
„Vielleicht schon? Wer weiß, was dieser Möchtegern-Drache von ihr alles kann.“
Ehe Khadri jedoch etwas darauf erwidern konnte, standen sie vor der Ruine. Heskan folgte ihr durch den Türrahmen und erkannte sofort, dass Sidhrula nicht dort war. Ansonsten entdeckte er nichts Außergewöhnliches.
Plötzlich kam ihm ein beunruhigender Gedanke. „Willst du wieder in die Katakomben?“
Sie schüttelte heftig den Kopf, als sie ihre Einkäufe kurz hinter dem Eingang abstellte. „Dann wäre ich nicht bis morgen zur Abreise wieder draußen. Außerdem brauche ich keine Katakomben, um verloren zu gehen.“
Verblüfft sah er ihr zu, wie sie geschickt auf den Schutthaufen kletterte, der noch vor wenigen Wochen ein stehendes Haus gewesen war. Es warf ihn aus der Bahn, wenn sie etwas Tiefsinniges sagte, das wahrscheinlich nur sie selbst verstand. Eilig kramte er sein Notizbuch hervor, um den Satz für eine spätere Nachfrage zu notieren. Als er wieder aufsah, hatte Khadri den Wasserbeutel von ihrem Rücken gezogen und geöffnet. Bedächtig sah sie sich um, nahm Maß und begann dann schwungvoll, das mitgebrachte Wasser in einem möglichst weiten Radius zu verspritzen. Heskan kam nicht umhin, zu bemerken, dass sie versuchte, es gleichmäßig zu verteilen – doch für die vorhandene Fläche reichte es nicht. Noch während er eifrig mitkritzelte, was sich vor ihm abspielte, landeten einige Tropfen auf seiner Nase. Prüfend fuhr er mit der Zunge darüber. Salzig.
Immerhin – keine geopferte Badekugel.
Khadri hüpfte derweil wieder von dem Trümmerhaufen herunter, genauso geschickt wie auf dem Hinweg, und legte den leeren Wasserbehälter neben ihren Sachen ab. Sie griff in ihre Tasche und holte einen geflochtenen Kranz hervor. Bei genauerem Hinsehen erkannte Heskan, dass er aus sehr langem Haar sein musste, in derselben Farbe wie Khadris goldgelb zwitschernder Kopf. Während ihm noch über die Erkenntnis, wo sie es herhaben musste, der Atem stockte, legte die Fast-Elfe den Kranz am Fuß des Trümmerhaufens ab und kniete sich davor nieder. Für einen Moment herrschte Stille, intensiv genug, dass es unter Heskans Schuppen ganz leicht zu prickeln begann. Was kam als Nächstes?
Mit einem tiefen Durchatmen richtete Khadri den Oberkörper auf, schloss die Augen und legte drei Finger an ihre Stirn. Leise begann sie, zu sprechen, gerade laut genug, dass Heskan dennoch jedes Wort verstand.
„Orgrit Ehrenspitz … Krystrid Bronzefinger…“, sie geriet ins Stocken und kämpfte für einen Moment sichtlich um ihre Haltung. „… Tiatha Siannodel.“
Ihre Hand wanderte langsam von ihrer Stirn hinunter auf ihr Herz, verharrte dort einen weiteren Moment, ehe sie sie flach dreimal auf den Boden neben sich schlug. Sie hob an, etwas zu sagen, brachte aber keinen Ton heraus und brach mit einem leichten Kopfschütteln wieder ab. Mehrere Male. Bis sie wieder leicht in sich zusammensackte und den Kopf hängen ließ.
Da plötzlich erinnerte sich Heskan, wo er die Namen schon einmal gehört hatte. Vor einigen Wochen, in einer Trauerrede, die Alma vor ihren versammelten Kollegen gehalten hatte. Den verbliebenen jedenfalls. Was Khadri hier gerade durchführte, war also-
„Ich finde einfach keine Worte dafür …“, Khadris Blick flimmerte kurz in die Richtung, in der sie den Eingang in die Katakomben gefunden hatten. „Nicht, wenn…“
-ein Trauerritual. Da war er sich fast sicher.
Sie hob ein wenig hilflos eine Hand, ließ sie dann aber wieder auf ihr Knie sinken. „Dann vielleicht … wenigstens das.“
Ein weiteres tiefes Durchatmen, dann richtete sie sich wieder auf. Blickte gen Himmel und begann, zu singen. Erst leise, dann allmählich kräftiger.
Verblüfft achtete Heskan gar nicht mehr darauf, was er notierte. Khadris Stimme war längst nicht so klar wie die Lias, nicht so sehr erfüllt von einer unbeschreiblichen, magischen Kraft. Dafür trug sie Heskan etwas Anderes zu, wie er es noch nie deutlicher von einem ungeschuppten Wesen bekommen hatte: Gefühl. Der letzte, eindeutige Beweis, dass Khadri trauerte.
Allerdings verstand er kein Wort. Und das ärgerte ihn. Erst recht, als die Fast-Elfe endete und er merkte, dass er die Melodie des Lieds exakt aufgeschrieben hatte, nicht aber den Text. Weil er es nicht gekonnt hatte.
Khadri lauschte dem Verklingen des letzten Tons, den Blick immer noch gen Himmel gerichtet.
„Ich werde von euch erzählen“, flüsterte sie mit bebender Stimme. Dann erschlaffte sie wieder ein wenig, anders als vorher. Ihr Oberkörper sank nach vorne und sie kauerte sich über ihren Beinen zusammen, die Hände im Nacken verschränkt. Die plötzlich wieder einkehrende Stille strich behutsam über ihre bebenden Schultern.
„Mann, das war mal krass!“, meinte Lerissa neben ihm.
Mit einem erschrockenen Schnattern machte er einen Satz von ihr weg. Wie lange stand sie schon da!?
Sie beachtete ihn allerdings nicht weiter, sondern trat an das Khadri-Bündel heran und ging daneben in die Hocke. Legte eine Hand auf Khadris Rücken. „Komm, lass uns nach Hause gehen.“
Eines tröstete ihn ein wenig: Khadri fuhr ungefähr genauso erschrocken auf wie er. Ehe sie etwas sagen konnte, zog Lerissa sie auf die Beine. Dann kramte das Tiefling-Mädchen zwei Goldmünzen hervor und hielt eine davon Khadri hin. „Willst du auch?“
Die Fast-Elfe nickte schwach, nahm die Münze und schien auf ein Signal zu warten. Lerissa warf ihre Münze jedoch ohne weiteres Zögern in die Trümmer, sodass Khadri etwas verspätet nachzog. Einen Moment sahen sie auf die Trümmer, dann machte Khadri einen unsicheren Schritt auf ihre Kollegin zu und umarmte sie. Heskan verstand immer nicht ganz, was Ungeschuppte an dieser Geste fanden. Lerissa offenbar auch nicht: Sie patschte einmal auf Khadris Rücken – genau so, wie Heskan es auch getan hätte – und führte die Fast-Elfe dann von dem Trümmerhaufen weg. Stumm wischte Khadri ein paar Tränen auf ihren Wangen weg und trat an Heskan heran, der unangenehm berührt sein Notizbuch zuklappte.
„Danke, dass du gewartet hast“, krächzte sie und legte ihm eine Hand auf den Unterarm. Nachdenklich folgte er ihr mit dem Blick, als sie zu ihren Sachen tappte, um sie aufzusammeln. Steckte sein Notizbuch ein. Möglichst leise. „Es war mir eine Ehre.“


Ihre Augen brannten immer noch ein wenig, als sie auf ihrem Bett die Essensrationen sortierte. Anders als Heskan hatte sie sich nicht durch diesen Urwald schlagen wollen, der neuerdings Lias Zimmer war. Sie brachte es noch nicht ganz über sich, ihrer Freundin unter die Augen zu treten.
„Hier, Lia, ich habe Edelsteine verkauft und dachte, ich teile das Geld unter uns auf.“
Warum hatte sie dann ihre Tür offen gelassen?
„Oh … und willst du diesen Reif? Mir passt er nicht.“
Seufzend warf sie noch ein paar Päckchen auf die entsprechenden Stapel.
„Dann habe ich Zelte besorgt – eins für euch beide und eins für mich. Und hier: Ein Vogelhäuschen für Karidos.“
Lias Antwort ging in lautem Schnattern unter. Das Eichhörnchen klang erstaunlich begeistert.
Erschöpft warf Khadri das letzte Päckchen an seinen Platz und rieb sich die Augen. Kein Meerwasser. Keine Körper, die sie damit hätte waschen können. Nur schnell zusammengerührtes Salzwasser und ein Trümmerhaufen. Dabei hatten diese Seelen so viel mehr verdient.
Nein, fang jetzt bloß nicht mit dieser Leier an! Du hast getan, was du konntest und das war gut so, hörst du!?
„Übrigens hat Khadri noch Proviant für dich mit eingekauft.“
„Aber den brauchen wir doch gar nicht – ich kann welchen herbeizaubern.“
„Warum sagst du uns das nicht vorher?“
„Hat Khadri nicht-? Entschuldige. Dann habe ich vergessen, ihr das zu sagen.“
Ihr Blick verschwamm, als sie auf die fertig sortierten Essenrationen blickte.
„Geh am besten trotzdem mal nach ihr schauen. Ich glaube, sie ist immer noch traurig.“
Natürlich stand Lia nur einen Augenblick später in ihrem Türrahmen. „Darf ich reinkommen?“
„Sicher“, ein wenig hilflos suchte Khadri den Rest ihrer Stimme. Mit einer fahrigen Geste deutete sie auf die Päckchen auf ihrem Bett. „Hier ist dein Proviant für die Reise.“
„Danke“, sie sah Lia deutlich an, dass sie versuchte, keine Miene zu verziehen. Nachdem, was Khadri eben mitgehört hatte, war es ja offenbar unnötiger Ballast. Aber merkte Lia wenigstens, dass sie für ihre Freundin extra das Fleisch aussortiert hatte?
„Warum bist du traurig?“, fragte Lia abrupt und mit einer für Khadri irritierenden Spur Strenge. Ein wenig verunsichert biss sie sich auf die Unterlippe.
Muss ich dich daran erinnern, dass ihr euch versprochen habt, offener miteinander zu reden?
Zögernd trat Khadri auf ihre Freundin zu, deren Blick sich in Besorgnis wandelte, und schob sich unbeholfen in ihre Arme.
„Ich … war nochmal bei der Oase der Mitte und habe … Abschied genommen…“, murmelte sie leise an Lias Ohr. Augenblicklich wurde deren Umarmung wärmer.
„Gut, dass du das hinter dich gebracht hast, bevor wir aufbrechen“, erwiderte die Elfe sanft. Khadri nickte heftig und vergrub ihr Gesicht an der Schulter ihrer Freundin. Obwohl es sie mit bitterer Deutlichkeit an den Brand erinnerte, es erleichterte Khadri auch, ihre Kollegen gewürdigt zu haben. Wenn auch mit den nicht ganz richtigen Mitteln. Es war immer noch besser als ein Blutbad.
Schweigend verharrten sie für eine Weile in ihrer Umarmung, bis Lia sich langsam von ihr löste. „Ich würde mich gleich gerne unten mit euch zusammensetzen, um den Reiseplan durchzusprechen. Wie weit bist du mit deinen Vorbereitungen?“
„Hab’s fast“, nuschelte Khadri, ein wenig enttäuscht, dass ihre Freundin den Moment unterbrach.
Lia nickte ihr aufmunternd zu. „Gut, unten dann. Bis gleich.“
Unvermittelt drehte sie sich um und ließ Khadri etwas verloren inmitten ihres Zimmers stehen. Im Türrahmen hielt sie allerdings noch einmal inne, schlich zu Khadris Bett zurück, sammelte mit einem peinlich berührten „Danke, mein Schatz“ ihre Rationen ein und verschwand. Lustlos warf Khadri ihren eigenen Proviant zu ihrer restlichen Ausrüstung.
Fertig.
Wie lange war es jetzt noch bis gleich?
Gedankenverloren ließ sie sich auf ihr Bett fallen und verschränkte die Arme über ihrem Gesicht. Selbst, wenn gleich schon eingetreten war, würden die anderen wohl auch bis zum nächsten gleich warten können.
Ihre linke Hand spielte mit dem Band an ihrem rechten Oberarm. Sie war sich sicher, dass Jonathan Mertel Heskan einen niedrigeren Preis hatte nennen wollen. Sie hatte aber bemerkt, wie er mit einem Blick auf genau jenes Band innegehalten und sein Angebot zum bestmöglichen gemacht hatte. Mit dem Fußreif hatte sie das noch einmal überprüfen wollen – und er hatte es bewiesen: Mertel hatte zwar auf seinem Preis beharrt, obwohl sie wie beiläufig noch einmal auf das Band getippt hatte, beim Bezahlen hatte er aber nur fünf der sechs Goldstücke genommen. Und die Einnahmen in einem gesonderten Kassenbuch notiert, mit der Bezeichnung „P M RF.“ Khadri hatte zwar nicht allzu tiefe Einblicke in Buchhaltung, kannte sie aus ihrer Lehre aber mit nur einem Kassenbuch.
Wenn wenigstens nur das ein Problem wäre – denn an sich war es keines. Ihr Armband war es. Ein schlichtes Schmuckstück. Das sie als Mitarbeiterin der Neuen Oase auswies. Das gab ihr zu denken.
Wenn sie Traugh danach fragte, würde er sie sicher mit etwas abspeisen, das bei ihr noch mehr Fragen aufwarf. Wahrscheinlich durfte sie davon gar nichts wissen. Der Gedanke, dass die Oase mit etwas in Verbindung stand, das andere Händler offenbar einschüchterte, versetzte ihr einen Stich. Sicher: Ihr Metier war nicht das Angesehenste, aber sie hatte doch immer den Eindruck gehabt, dass Traugh auf ehrliche Geschäftsführung Wert legte. Und auf einen guten Umgang mit anderen. Genau dafür schätzte sie ihn doch!
Mühsam rappelte sie sich wieder auf. Sie wusste nicht, wann Traugh morgen im Büro aufschlagen würde und wie viel Zeit ihr dann noch blieb. Dann sollte sie lieber jetzt diese Gedanken beiseiteschieben und ebenfalls gute Manieren zeigen. Schließlich würden sie sich dann eine ganze Weile nicht sehen. Entschlossen schwang sie sich auf die Füße, richtete ihre Kleidung und ihren Pony und verließ ihr Zimmer. Als sie um die Ecke zu Traughs Büro bog, hörte sie bereits die Stimmen. Jemand stritt. Unbehaglich schlich sie näher, während sich in ihrem Inneren langsam Kälte ausbreitete: Sie erkannte die Stimmen. Die Streitenden waren Traugh und … Mindy? Das war eindeutig, auch wenn sie nicht verstehen konnte, was die beiden sagten. Aber wenn es eine Person gab, die nicht gerne stritt … dann Mindy. Mit besorgt klopfendem Herzen beugte sie sich näher heran. Eigentlich sollte sie das nicht tun. Es gehörte sich nicht. Aber-
-viel zu verlockend für einen Rückzug, nicht wahr?
Sie schnitt eine verärgerte Grimasse, beschloss, dass sie besser wieder das Weite suchte. Die Tür flog auf, ehe Khadri auch nur einen Schritt getan hatte. Mindy rauschte heraus, tätschelte im Vorbeigehen die Hüfte der Halb-Elfe und stürmte zur Treppe.
Lieber Himmel! Hast du ihr Gesicht gesehen?
Natürlich hatte sie. Ohne zu zögern eilte sie ihrer Kollegin nach, schaffte es aber gerade bis zum oberen Treppenabsatz, ehe Mindy sich zu ihr umdrehte. „Khadri, ich weiß, dass du es nur gut meinst, aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt dafür.“
„Aber-“
„Nicht jetzt!“
Und damit eilte sie weiter, aus Khadris Blickfeld, die kurz darauf im Stockwerk unterhalb eine Tür schlagen hörte.
Das muss wirklich was verdammt Ernstes sein. Sie hat dich nicht einmal „Schätzchen“ genannt.
Khadri schluckte schwer. Wie betäubt tappte sie zu Traughs Büro zurück. Seine Tür stand noch offen.
So viel zum guten Umgang.
Ihre innere Stimme ignorierend schob sie sich behutsam ins Blickfeld des Türrahmens und linste vorsichtig ins Büro. Traugh saß hinter seinem Schreibtisch und betrachtete etwas, das Khadri nicht sehen konnte. Zu viele Aktenstapel und Bücher, die ihre Sicht blockierten. Tiefe Falten gruben sich in die Stirn des Halb-Orks.
„Ist es … gerade unpassend?“, piepte sie vorsichtig, obwohl sie die Antwort bereits kannte. Warum war sie überhaupt zurückgekommen?
Traugh sah auf, unterdrückte sichtbar ein Seufzen und kam ein wenig in Bewegung. Khadri hörte ein leises Schnappen und das Klicken eines Schlüssels hinter dem Schreibtisch. Es dauerte einen Moment, bis er sie wieder ansah.
„Ja, gerade ist es unpassend“, sagte er leise. Die Art von leise, die sich viel schlimmer anfühlte, als wenn er laut war. Khadri nickte beklommen und merkte, wie sich ihre Stirn in der Form der ihres Chefs anschloss.
„Dann … komme ich morgen wieder, in Ordnung?“, meinte sie halblaut. Dieses Mal wartete sie nicht auf die Antwort, sondern streckte sich nur kurz in sein Büro, um behutsam die Tür zu schließen. Aufgewühlt taumelte sie ein paar Schritte über den Flur, nicht sicher, ob sie froh war, für einen Moment allein zu sein.
„Ach, hier bist du.“
Sie stolperte in jemandes Arme. Nein – in Lias Arme. Hektisch riss sie sich zusammen. Sie hatte ihrer Freundin vorhin schon genug Sorgen bereitet.
Die Elfe musterte sie – genauso besorgt, wie Khadri es befürchtet hatte. „Was hast du denn?“
Ein wenig nervös sah sie sich um, aber außer Lia war nur noch Heskan mit auf dem Flur. Scheinbar hatten sie gleichzeitig beschlossen, die Versammlung einzuberufen. Khadri ließ es geschehen, dass ihre Freundin sie am Arm nahm und sie langsam die Treppen hinabführte.
„Eigentlich wollte ich mich nur von Traugh verabschieden, bevor wir aufbrechen. Aber er hat gerade … m-mit Mindy gestritten“, hilflos rang sie mit ihrer freien Hand in der Luft.
Lia machte ein mitfühlendes Geräusch. „Und das nimmt dich so mit?“
Offen miteinander reden, nicht wahr? Doch sie konnte sich gerade mal zu einem Nicken durchringen.
Ausgerechnet Traugh und Mindy. Bei jedem anderen hätte sie das nicht so sehr gekümmert. Aber die beiden waren wie Eltern für sie.
„M-mindy war danach total aufgekratzt, aber sie wollte nicht mit mir reden“, brachte sie endlich hervor, als Lia sie ins Foyer der Oase führte und sie auf eine der dortigen Sitzgarnituren bugsierte.
„Und Traugh?“, Lia setzte sich neben sie und legte eine Hand auf ihre Schulter.
Khadri zog ein Bein an die Brust und stützte ihr Kinn darauf. „Wenn mit ihm was war, hat er sich nichts anmerken lassen. Nicht so sehr, jedenfalls.“
„Worum ging es denn?“
Khadri wiegte sich ein wenig hin und her. „Weiß ich nicht. Traugh hatte da nur etwas, was er in seinem Schreibtisch eingeschlossen hat.“
„Willst du das nicht herausfinden?“, schaltete sich Heskan ein. Khadri versuchte, zu ignorieren, dass er gerade eine Badekugel viertelte.
Natürlich wollte sie es herausfinden. Auf irgendeine Weise hatte Traugh es geschafft, Mindy so zu verletzen, dass sie mit niemandem mehr reden wollte und sich stattdessen in ihrem Zimmer verbarrikadierte. Das hatte er der gutmütigsten Person in der ganzen Oase angetan. Und Khadri war egal, ob Mindy daran mit schuld war – es machte sie schlichtweg sauer. Auf Traugh und auf das, was immer er da versteckt hatte. Aber es war immer noch Traugh. So umsichtig er meistens auch sein mochte, er war immer noch größer und sehr viel stärker als sie. Allein der Gedanke, ihn darauf anzusprechen und ihn damit in Rage zu bringen, machte ihr Angst.
Lia musste bemerkt haben, was in ihr vorging, denn sie drückte Khadri kurz an sich. „Wenn du es unbedingt wissen möchtest, findest du auch einen Weg, es herauszufinden – unbemerkt. Ich an deiner Stelle würde es machen. Bevor du es auf der ganzen Reise mit dir herumträgst, ohne eine Erklärung dafür zu finden.“
Für einen Moment kam Khadri sich veralbert vor: Stiftete Lia sie tatsächlich dazu an, etwas Verbotenes zu tun? Wie häufig sollte sie sich denn noch in anderen täuschen?
In ihrem Hinterkopf schnurrte es. Ich mag diese verwegene Ader an ihr.
Ein wenig unschlüssig lockerte sie ihre Hände. Sicher, sie konnte es versuchen – weit kam sie vermutlich ohnehin nicht. Aber ihr Gewissen beruhigte es vielleicht, wenn ihm klar wurde, dass sie gar nicht die Fähigkeiten dafür mitbrachte. Aber was, wenn es ihr gelang?
Sie rang sich ein schwaches, wenig überzeugtes Lächeln ab. Lia meinte es wahrscheinlich auch nur gut.
„Ich denke darüber nach“, murmelte Khadri halblaut. „Wie … ähm … sehen jetzt deine Reisepläne aus?“
Lia straffte sich. „Bis Moscra folgen wir der Handelsroute. Entlang dieser Straße gibt es in den größeren Städten, also Scythewall und Moscra, Stationen, an denen wir die Pferde austauschen können. Genau genommen geben wir sie dann in Moscra ab. Weiter nach Süden gibt es keine Handelsroute und keine Station mehr in Chiaru. Deswegen gehen wir von da aus zu Fuß Richtung Süden weiter.“
„Du hast also wirklich Pferde gemietet“, stellte Heskan trocken fest.
Lia sah ihn verdutzt an. „Ja, natürlich, dann brauchen wir wahrscheinlich keine dreißig Tage, sondern eher nur fünfzehn. Du kannst doch reiten, oder?“
Heskans Blinzeln verriet alles – er musste nicht einmal den Kopf schütteln.
Lia seufzte. „Na gut … dann brauchen wir ungefähr zwanzig Tage. Warum könnt ihr alle nicht reiten?“
„In den Bergen gibt es nur Tiere, die nicht groß genug sind, als dass ein Dragonborn sie reiten könnte.“
„Ich war zu klein? Bis ich auf ein Reittier für meine Größe gekommen wäre, wäre ich meine Strecken auch zweimal gelaufen.“
Ein wenig verdattert sah Lia sie an, dann schüttelte sie leicht den Kopf. „Hat jemand von euch ein Seil gekauft?“
„Nein, aber-“
„Ich habe eins, keine Sorge.“
„Das wollte ich auch gerade sagen, Khadri.“
„In Ordnung. Heskan, dann führe ich dein Pferd einfach auch an einem eurer Seile“, wandte Lia beschwichtigend ein, wenn auch mit einem deutlich hörbaren resignierten Unterton. „Wir haben auch Satteltaschen. Darin können wir den Proviant noch ein wenig verteilen.“
Danach hatte niemand mehr etwas zu sagen. Heskan hatte offenbar keine Einwände und Khadris Gedanken schweiften wieder zu dem Erlebten ab. Sie wollte noch einmal zu Mindy gehen und nach ihr schauen, egal, ob sie es wollte oder nicht. Sie war so oft für Khadri da gewesen, dass sie sich da merkwürdig pflichtschuldig fühlte.
„Wir brechen morgen früh zum Südtor auf, wo wir die Pferde bekommen. Am besten macht also niemand mehr die Nacht zum Tag“, durchbrach Lia schließlich das Schweigen. „Soll ich jemanden wecken?“
„Nur, wenn ich es tatsächlich nicht aus den Federn schaffe“, brummte Khadri. Sie kannte ihren Rhythmus. Und sie wollte nicht noch einmal mit diesem Gedanken aufwachen, die anderen seien schon ohne sie abgereist.
Grinsend zerzauste Lia ihren Pony. „Wenn es sonst nichts ist.“
Khadri quiekte und versuchte halbherzig, ihre Frisur zu retten. Die hatte sie doch vorhin erst gerichtet! Ihrer Gegenattacke wich Lia allerdings mühelos aus. Für Heskan war das offenbar Grund genug, die Runde aufzulösen. Auf der Treppe hörten sie ihn noch über die „leichtsinnigen Elfen“ maulen.
„Wir sollten auch ins Bett“, Lia sprang auf, zog sie auf die Füße und dann näher an sich heran, um dann ihre Stimme zu senken. „Und? Machst du noch was?“
„Denke schon“, murmelte Khadri genauso leise zurück, als sie Richtung Treppe aufbrachen. „Ich versuche auf jeden Fall noch einmal, mit Mindy zu reden.“
Entsprechend dieser Aussage trennte sie sich im ersten Stock mit einem flüchtigen Kuss von Lia und tappte noch einmal zu Mindys Zimmer. Klopfte vorsichtig an die Tür. Keine Reaktion.
„Mindy?“
Immer noch nichts. Vorsichtig drückte Khadri die Türklinke herunter, war aber kein bisschen überrascht, dass abgeschlossen war.
„Na gut“, murmelte sie leise, enttäuscht. Dann war es wohl nicht zu ändern.
Etwas traurig hob sie ihre Stimme wieder, sodass sie hoffentlich auf der anderen Seite der Tür zu hören war. „Wir werden morgen verreisen und eine ganze Weile weg sein! Eigentlich wollte ich mich noch von dir verabschieden, aber-“
Aber was überhaupt?
„Also … komm irgendwann wieder raus, ja? Mach’s gut!“
Kaum hatte Khadri es ausgesprochen, merkte sie, dass es nicht nur dumm klang. Vielleicht war Mindy gar nicht in ihrem Zimmer – wie auch immer sie das geschafft hätte, ohne dass die Halb-Elfe es mitbekam. Aber möglich war es.
Jetzt war sie erst recht sauer auf Traugh.
Aufgebracht stapfte sie zur Treppe zurück, das letzte Stockwerk hinauf und kam erst vor Traughs Bürotür zum Stehen. Nervös hielt sie inne. Der Flur lag im Dämmerlicht der Nacht da, völlig verlassen. Doch alles andere als still: Aus dem Zimmer gegenüber des Büros – einem Privatzimmer von Traugh – schnarchte es vernehmlich.
Das sind viel zu gute Voraussetzungen.
Khadri wollte wirklich nichts Verbotenes tun, aber einladender konnte es fast nicht werden. Vorsichtig drückte sie an der Bürotür – verschlossen, wie erwartet. Ganz sicher war sie sich nicht, ob sie froh sein sollte, dass es mit ihrem Regelverstoß hier wohl endete.
Schau mal durch das Schlüsselloch.
Widerstrebend versuchte sie, sich zu weigern. Doch ihre innere Stimme siegte. Was würde es schon schaden, durch ein Schlüsselloch in ein Büro zu schauen, dass sie aus dieser Perspektive sowieso kannte. Erst, als sie hineinlinste, kam ihr die niederschmetternde Erkenntnis: Sie konnte in das Büro sehen. Und wenn sie es sehen konnte…
Sie konnte sich doch unmöglich dort hineinzaubern!
Oh, glaub mir, das kannst du sehr wohl.
Unruhig zwang sie sich, in regelmäßigen Zügen weiter zu atmen. Das war keine gute Idee, wirklich nicht!
Nur einen Sekundenbruchteil später stand sie auf der anderen Seite der Tür und verfluchte sich innerlich. Hektisch sah sie sich um: Das Büro präsentierte sich ihr im Grunde genau so, wie sie es kannte. Bloß ohne Traugh.
Ganz kurz, ermahnte sie sich innerlich und huschte leise um den Schreibtisch herum. Fand den kleinen Schrank darunter, in dem vermutlich der Gegenstand des Streits eingeschlossen war. Nervös ging sie davor in die Hocke. Zerrte ein wenig an der Tür. Natürlich war auch der Schrank verschlossen. Und kein Schlüssel in Sicht. Der war wahrscheinlich auf der anderen Seite des Flurs.
Das war es dann wohl. Jetzt war sie schon so weit und nun das.
In Gedanken auf sich selbst schimpfend, dass sie es jetzt nur noch schlimmer machen konnte, drückte sie ihre Finger an die Türkante und begann, sie darunter zu schieben. Wenn sie nur die richtigen Stellen erwischte und genug Kraft im richtigen Moment ausübte-
Die Tür schnappte mit einem leisen Knacken auf.
Erschrocken zog Khadri die Hände an den Körper und kniff die Augen zu. Verdammt, sie war viel zu gut darin! Sie gehörte gefeuert!
Allerdings kam niemand, um genau das mit ihr zu tun. Stattdessen begann ihre Neugier, in ihrem Inneren fürchterlich zu drängeln. Langsam öffnete sie ein Auge wieder, dann das zweite. Alles unverändert – bis auf den Schrank, der immer noch offenstand.
Lautlos seufzend spähte sie hinein: Oben auf einem Stapel von Dokumenten lag etwas Kleineres. Vorsichtig fischte Khadri es heraus und stutzte.
Es war ein Bild. Den stark abgegriffenen Rändern und Rillen nach zu urteilen war es schon älter und sehr oft in die Hand genommen worden. Also etwas Wichtiges für Traugh.
Bei allen Göttern, sie sollte wirklich nicht-
Sie sah es an. Darauf zu sehen waren drei Personen. Eine war eindeutig erkennbar der Halb-Ork, wenn auch sehr viel jünger. Und in ungewohnter Erscheinung: Er trug eine Lederrüstung mit Fellbesätzen, der Griff einer wohl riesigen Waffe ragte über seine Schulter und trotz der Abgegriffenheit meinte Khadri, das wilde, stolze Funkeln in seinen Augen zu erkennen.
Die zweite war Mindy, auch sehr klar erkennbar, denn sie hatte sich kaum verändert. Nun, heutzutage trug sie keine Reisekleidung mehr, aber es machte fast keinen Unterschied. Sie wirkte auch hier sanft und fröhlich.
Unwillkürlich musste Khadri schmunzeln. Die beiden hatten also eine Abenteurergruppe gebildet? So wie sie mit Lia und Heskan? Das erklärte wohl, warum Traugh so kulant mit ihren Arbeitszeiten umging und sie auch für längere Zeit verreisen ließ. Khadri schätzte, dass er ungefähr so alt wie sie jetzt gewesen sein musste – vielleicht erinnerte es ihn daran. Und dann auch noch mit Mindy – dass die beiden sich schon so lange kannten, hätte sie nicht gedacht.
Das machte ihren Streit aber umso bitterer. Also warum-?
Ihr Lächeln verblasste jäh, als sie die dritte Person ansah: Sie kannte dieses Gesicht. Eine junge Frau, menschlich, dunkler Typ, mit weichen Zügen. Wenn Khadri in der Zeit weiterrechnete, die Kanten im Gesicht ein wenig prominenter dachte, sich die wahrscheinlichen Falten vorstellte, ein paar graue Reflexe ins Haar, dann-
Bei allen Göttern!
Das Bild rutschte aus ihren plötzlich taub gewordenen Fingern. Das war doch … das konnte nicht sein, völlig unmöglich!
Traugh, Mindy und – ihre Mutter!?
Nur wie? Warum? Und was ging hier – jetzt – vor?
Sie wusste nicht, wie lange sie mit blankem Entsetzen in das aufgebrochene Schränkchen gestarrt hatte. Doch irgendwann drang der Gedanke zu ihr durch, dass sie sich nicht mehr länger in dem Büro aufhalten sollte. Mit zitternden Fingern hob sie das Bild wieder auf, als könne es jemand Moment zu Staub zerfallen, legte es behutsam in den Schrank zurück und drückte die Tür zu. Ließ noch ein wenig Magie durch ihre Finger fließen, damit sich das Schloss reparierte – nur zur Sicherheit. Ging benommen zur Bürotür zurück und hüpfte, wieder mit der Hilfe ihrer Magie, durch das Schlüsselloch zurück.
Aus dem Raum auf der anderen Seite des Flurs drang immer noch das Schnarchen. Für ihr Gefühl hatte Khadri es noch nie so eilig gehabt, davon wegzukommen.
Ich möchte aber zu Protokoll geben, dass du eben sehr viel gezaubert hast. Und ich habe dir kein einziges Mal eins dafür reingewürgt, ja?
Sehr hilfreich. Das war genau der falsche Moment dafür. Khadri wäre es fast schon lieber gewesen, dass irgendetwas passiert wäre, um sie aufzuhalten oder von ihrem Vorhaben abzubringen.
Aufgewühlt stürmte sie in ihr Zimmer, warf sich auf ihr Bett und rollte sich um ihr Kopfkissen.
Es hätte ihr nicht gelingen dürfen. Viel zu viele Gedanken rannten jetzt in ihrem Kopf um die Wette, so schnell, dass sie einen nicht fertig verfolgen konnte, ehe der nächste angerast kam. Und dahinter wogte sehr deutlich die kalte Schwärze ihrer Panik, nur den richtigen Moment abwartend, um sie zu verschlingen. Krampfhaft starrte sie auf die schräge Wand neben ihrem Bett – nur, um die Dunkelheit nicht sehen zu müssen.
Eine Hand auf ihrer Schulter ließ sie erschrocken hochfahren.
„Du bist ja doch schon wach“, stellte Lia überrascht fest.
Falsch – sie war noch wach. Entsetzt hob sie den Blick zu ihrem Fenster und erkannte eine blassblaue Morgendämmerung. Sollten etwa alle Reisen damit beginnen, dass sie völlig übernächtigt war?
Lia setzte sich neben sie, als sie sich erschöpft die Augen rieb. „Was hast du?“
Khadri konnte nur schwach den Kopf schütteln. Sie fühlte sich furchtbar elend, aber auch, weil sie wusste, dass sie ihrer Freundin damit die Reise vergällte – schon wieder. Niedergeschlagen vergrub sie das Gesicht in den Händen. Was Lia natürlich sofort veranlasste, einen Arm um sie zu legen.
„Hast du etwas herausgefunden?“
Khadri nickte kaum merklich.
„Aber du willst nicht darüber reden?“
„Ich … k-kann nicht… n-noch…“, sie hob den Blick wieder und sah kurz zu ihrer Freundin herüber. „Tut mir leid.“
Dabei lag es doch vor allem daran, dass sie mit ihren Gedanken selbst noch nicht alles umgreifen konnte. Aber sie wollte tatsächlich auch nicht über ihre Mutter reden. Wollte hier – in dieser kleinen Welt der Neuen Oase – nicht einmal an sie denken.
Lia rieb ihr aufmunternd über den Rücken. „Schon gut – aber fühlst du dich überhaupt gut genug zum-“
„Auf jeden Fall!“, fuhr ihr Khadri mit viel zu hoher Stimme dazwischen. Irgendwann würde sie sich wohl schon wieder davon erholen. Und gerade war alles besser, als hierzubleiben. Bei Traugh und diesem Bild. Ohne Lia. Was für eine grausame Vorstellung.
„Bin gleich soweit“, nuschelte sie und kämpfte sich auf die Füße. Erst einen Moment später bemerkte sie die Hände ihrer Freundin auf ihren Schultern, die sie daran gehindert hatten, beim Aufstehen direkt wieder vornüber zu kippen.
Lia ließ sie los. „Heskan ist auch schon fertig. Wir warten unten auf dich.“
Ein wenig geknickt registrierte Khadri, dass die Elfe ihren Rucksack aufsammelte und mitnahm. Irgendwie war sie ja auch dankbar darum – aber sie hasste sich dafür, so hilfsbedürftig zu wirken.
Oh ja, welch ein Drama … schließlich bin ich Khadri!
Sie knurrte leise, schüttelte sich und machte sich auf die Suche nach einem freien Bad. Nicht wesentlich wacher, aber zumindest einigermaßen zurechtgemacht kehrte sie einige Minuten später zurück und schnallte ihre Waffen um, die Lia allesamt hier hatte liegen lassen.
Auf dem Weg zur Treppe hielt sie inne und sah um die andere Ecke des Flurs. Traughs Bürotür stand offen. Sie hatte ihm angekündigt, am Morgen noch einmal vorbeizuschauen. War er ihretwegen schon auf den Beinen?
Sie schluckte, dann fasste sie sich ein Herz. Womöglich würde er Verdacht schöpfen, wenn sie sich ohne ein weiteres Wort aus dem Staub machte. Das war es doch auch nicht wert, oder?
Langsam trat sie an seine Tür heran und spähte in den Raum. Er saß tatsächlich schon hinter seinem Schreibtisch und wirkte, als habe er tatsächlich schon mit ihrem Erscheinen gerechnet.
„M-morgen“, haspelte sie nervös.
„Guten Morgen, Khadri“, er klang nicht unfreundlich, allerdings ein wenig irritiert.
Unruhig nestelte sie an ihren Fingern. „Also … ich wollte gestern eigentlich nur sagen, dass wir heute zu dieser Reise aufbrechen. N-nach … d-du weißt schon…“
Bei allen Göttern, sie konnte es nicht! Sie konnte nicht so tun, als ob nichts wäre. Sie konnte ihn ja nicht einmal ansehen. Dafür spürte sie seinen Blick umso mehr auf sich haften.
„J-jedenfalls werden wir w-wieder eine Weile weg sein. Ziemlich lange sogar“, fuhr sie fort, den Blick auf den Boden gerichtet. Der bittere Beigeschmack, den ihr Vorgesetzter und ihr Zuhause in der letzten Nacht bekommen hatten, trieb ihr fast die Tränen in die Augen.
„Khadri-?“
„Mach’s gut, Traugh.“
Eilig stolperte sie von seiner Tür weg und den Flur hinab. Es kümmerte sie nicht mehr, wenn es wie eine Flucht aussah. Sie hielt es einfach nicht mehr aus.
Kein Abschied hätte wahrscheinlich weniger verdächtig gewirkt.
Sie stürmte die Treppen so schnell herab, dass sie schwer atmend unten ankam. Dankbar bemerkte sie jedoch, dass Lia Heskan einen warnenden Klaps auf den Arm verpasste, ehe er fragen konnte. Dann gab sie Khadri ihren Rucksack und nahm sie bei der Hand, um sie nach draußen zu führen. Stumm ließ sie die Berührung auf sich wirken, den ganzen Trost darin. Was täte sie nur ohne Lia?
Bis sie sich wieder einigermaßen gefangen hatte, hatten sie den Weg zum Südtor schon halb zurückgelegt, schweigend. Khadri konnte den Eindruck nicht abschütteln, dass Heskan auch noch ein wenig müde wirkte – wenn sie da sein Gesicht nicht völlig missdeutete. Lia hingegen schien endlich etwas besserer Dinge zu sein. Immerhin.
Am Südtor erwartete sie ein Händler mit zwei Pferden, auf den Lia direkt zusteuerte. Khadri bemerkte mit einem schwachen Schmunzeln, dass sie zuerst die Tiere begrüßte.
„Der Große hier ist Stomper“, meinte der Händler und zeigte auf ein Pferd, das in den Augen der Halb-Elfe nicht nur groß, sondern viel zu groß war. Und dazu noch so breit und muskulös, dass Khadri ihm zutraute, einen voll beladenen Güterwagen mühelos allein ziehen zu können.
„Ihr wolltet ja einen, der zwei Leute tragen kann – und Stomper hier kann das.“
In unterschwelliger Panik hielt Khadri die Luft an. Sie und dieser Riese!?
„Und der hier ist Wildbreath.“
Heskans Pferd war etwas kleiner und schlanker, aber immer noch groß und muskulös, mit sandfarbenem Fell und dunkler Mähne. Khadri hätte schwören können, dass Pferde mit einer solchen Farbe einen bestimmten Namen hatten. Sie kannte ihn allerdings nicht.
„Kümmert euch gut um die beiden.“
„Und die Katze?“, gab Heskan mit einem besorgten Unterton zu bedenken. Sämtliche Blicke fielen auf die kleine schwarze Katze mit dem weißen Fleck auf der Stirn, die in zwei Meter Entfernung neben den Pferden saß und – da war sich Khadri sicher – missbilligend eine nicht vorhandene Augenbraue hob.
„Gehört nich‘ uns“, meinte der Händler nur schulterzuckend und überreichte Lia die Zügel. Dann zog er munter pfeifend von dannen.
„Natürlich gehöre ich nicht denen“, meinte der kleine, dürre Mann, der plötzlich anstelle der Katze neben den Pferden stand und ein angewidertes Gesicht zog. „Ich gehöre überhaupt nicht … und schon gar nicht jemandem mit … Pferden!“
„Dir auch einen guten Morgen, Silent“, gab Lia schief lächelnd zurück. „Was machst du hier?“
Sofort nahm der Tibbit seine typische hochnäsige Haltung an und lächelte eine Spur zu süffisant in die Runde. „Mir ist zu Ohren gekommen, dass ihr aufbrecht, um einen neuen Mitarbeiter für Celeste anzuheuern.“
Ach, so läuft der Laden dort. Dann muss man sich über die Ordnung ja nicht mehr wundern.
Die Stimme kicherte.
„Du kommst aber nicht mit, oder?“, fragte Heskan mit einer Spur zu offensichtlicher Besorgnis.
„Wo denkt ihr hin?“, erwiderte Silent theatralisch. „Der Don der Katzenmafia kann doch seine Stadt nicht unbeaufsichtigt lassen, sonst kommt wer weiß was angekrochen und übernimmt im Nu die Macht.“
Er warf einen bösen Blick auf Karidos, der just in diesem Moment seinen Kopf aus dem Vogelhäuschen streckte. Dann setzte er sein besonders gönnerhaftes – und in Khadris Augen besonders verabscheuungswürdiges – Gesicht auf. „Aber da mir eure Queste natürlich auch ein besonderes Anliegen ist, meine Freunde, ist es mir natürlich auch wichtig, euch dabei zu unterstützen.“
Seine Miene bröckelte ein wenig. „Auch, um natürlich meine vergangenen Fehler euch gegenüber wiedergutzumachen.“
Er unterdrückte halbherzig ein Seufzen, blickte zwischen ihnen umher. Dann fixierte er Khadri.
„Ja, du scheinst mir dafür richtig zu sein“, verkündete er.
In ihrem Hinterkopf begann es zu lachen, während sie versuchte, nicht zu fassungslos zu schauen. Hatten sie nicht schon geklärt, dass sie sich gegenseitig nicht ausstehen konnten? Konnte sie dann überhaupt in seinen Augen jemals für etwas richtig sein?
Er winkte sie bedeutungsvoll zu sich und reckte sich noch ein wenig mehr, um trotz seiner geringeren Größe überlegen zu wirken. „Knie nieder.“
Das Lachen in ihrem Hinterkopf wurde lauter. Sie würde sich doch nicht vor Silent so erniedrigen!
Ich sehe schon, was jetzt kommt.
Mit einem resignierten Seufzen ließ sie sich auf die Knie sinken. Versuchte, nicht zu genervt zu blicken, als sich Silent vor ihr gewichtig straffte.
„Fortan sollst du, Khadri – verzeih, wenn ich mir den Rest erspare, – Einblicke in die Geheimnisse der Katzenmafia erhalten, wenn ich, der Don der Katzenmafia, es für richtig halte“, erklärte er laut und deutlich. „Und somit ernenne ich, Silent, dich zum Ehrenmitglied der Katzenmafia und heiße dich in unseren Reihen willkommen.“
In ihrem Hinterkopf verschluckte sich die Stimme, sodass das Lachen nun von einem erstickten Husten unterbrochen wurde. Und obwohl Khadri kaum noch das Zucken ihrer Mundwinkel unterdrücken konnte, war ihr nicht nach Lachen zumute. Ehrenmitglied der Katzenmafia – sollte das eine Strafe sein?
Silent trat nun ganz dicht heran und legte seine Stirn auf ihre. Khadri merkte, dass er schnurrte. Die Schwingungen übertrugen sich auf ihren eigenen Körper und versetzten sie in eine seltsame, konzentrierte Ruhe. Zogen an ihrem Hinterkopf, wo das Lachen nun abgeebbt war.
Ach, es geht um mich? Was soll ich denn-?
Der Rest ging im Schnurren unter, als es sich mit ihrer Magie in Einklang brachte. Und da verstand Khadri: Wenn sie sich dieses Gefühl merkte und es wieder wachrief, konnte sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere in einen Zustand versetzen, der sie in einer unwahrscheinlich kurzen Zeit wieder zu Kräften kommen ließ.
Ihre Stimme schnurrte weiter, als sich der Don wieder von ihr löste.
„D-danke“, stammelte Khadri verblüfft – und meinte es auch so. Das war wirklich nützlich. Vielleicht hatte Silent unter all seinem Gehabe doch im Grunde einen guten Kern. Selbst, wenn sein geziertes Abwinken etwas Anderes sagen wollte.
„So, Ehrenmitgliedschaft?“, schaltete sich Heskan wieder ein. „Sollen wir jetzt alle Ehrenmitglieder für … Befellte werden?“
Khadri konnte sich lebhaft vorstellen, was der Dragonborn dachte: Befellt war bestimmt noch schlimmer als sein ungeschuppt.
„Ach was, das habe ich doch nur so gesagt, damit es glorreicher klingt. Die Katzenmafia hat keine Ehrenmitglieder“, brummelte Silent überraschend kleinlaut.
Khadri kam allerdings nicht umhin, eine gewisse Erleichterung zu verspüren.
„Nun denn, ich will euch nicht weiter aufhalten“, der Tibbit stellte fest, dass er nun näher bei den Pferden stand und machte einen deutlichen Schritt zur Seite. „Gute Reise und sichere Wege.“
Als sie blinzelte, war er verschwunden. Stirnrunzelnd stand sie auf und wandte sich dem eigentlichen Problem zu. Pferde – irgendwie hatte Silent ja recht.
Als sie jedoch sah, wie es selbst Heskan mit Lias Hilfe auf sein Pferd schaffte, gab sie sich einen Ruck. Sie übertrieb es wohl – so groß war Stomper schließlich auch nicht. Sie musste ihn ja nicht führen. Stattdessen konnte sie sich an Lias Rücken schmiegen, wie ihr klar wurde, als die Elfe auf den Pferderücken sprang und ihr die Hand entgegenstreckte.
Das würde schon klappen … springen konnte er schließlich auch.


Die scheinbar letzten besser ausgebauten Wege endeten in einem beschaulichen Ort, der sich zwischen sanft geschwungenen Bergen in ein Tal schmiegte. Dass es bis hierher aber noch eine befestigte Straße gab, erklärte die Umgebung fast von selbst: An den Hängen reihten sich Rebstöcke und im Ort gab es auffällig viele Wagner und Viehzüchter. Der Ort lebte wohl von Wein, der mindestens in die Region vertrieben wurde.
Das war Fallow’s Reach.
Khadri war sich nicht sicher, ob sie schon einmal Wein von hier gekostet hatte. Sie bezweifelte aber, dass er allzu oft bis nach Treymin schaffte und dann noch für sie erschwinglich war. Immerhin waren sie schon sehr weit von Treymin weg, selbst Moscra hatten sie schon vor Tagen hinter sich gelassen.
Die räumliche Distanz zur Oase hatte sie aber auch in ihren Gedanken in die Ferne rücken lassen, was erstaunlich guttat. Ihre Laune hatte sich aber – genau wie die Heskans – erst sichtlich gebessert, als sie die Pferde wieder abgegeben hatte. So praktisch das auch gewesen war und so sehr der ständige Körperkontakt zu Lia erst tröstlich, dann wohltuend gewesen war – reiten blieb ihr fremd. Und so, wie sich Khadris Beine danach angefühlt hatten, war es fast anstrengender als Laufen.
Nicht nur die Beine, oder?
Sie versuchte, diesen Dämpfer in ihrer Laune zu ignorieren. Immerhin hatte sie gerade Aussicht auf ein Abendessen und ein richtiges Bett. Denn natürlich waren Lias geschaffene Goodberries ebenfalls praktisch und hatten ihnen einige Rationen eingespart – aber für Khadris Geschmack waren sie viel zu bitter. Und es bedeutete natürlich, dass sie sich an manchen Tagen nur von ein paar wenigen Beeren ernährt hätten.
Ich hätte auch nicht gedacht, dass du noch dünner werden kannst.
Mit rollenden Augen folgte sie Lia in die einzige Herberge des Ortes, natürlich mit angeschlossener Kneipe. Darin herrschte genauso viel Betrieb, wie Khadri ihn von einer Dorfkneipe am frühen Abend erwartete: An einem Tisch saßen zwei Männer, vertieft in ein Gespräch mit einer Schankmaid, deren auf attraktive Weise drallen Rundungen Khadri wieder einmal ihrer nun hervorstehenden Hüftknochen bewusst machte. Der Wirt war unterdessen in ein Gespräch mit einem Mann verwickelt, der ihm am Tresen Gesellschaft leistete. Ihr fiel auf, dass dieser Mann zwar ähnliche Kleidung trug wie die anderen Anwesenden, seine schien jedoch von besserer Qualität zu sein.
Der Wirt trug dieses Gesicht angestrengter Höflichkeit, das Khadri von Menschen kannte, die längst aus einem Gespräch ausgestiegen waren, es sich aber nicht anmerken lassen wollten. Als sie Stichworte wie „Rebsorte“, „Reifegrad“ und „Gärungsdauer“ hörte, konnte sie es ihm auch nicht wirklich verdenken. Umso mehr hellte sich seine Miene auf, als er die Gefährten erblickte.
„Ah, neue Gäste! Und von weit her, wie es aussieht. Tretet heran“, forderte er sie freudig auf und rieb sich erwartungsvoll die Hände. „Was kann ich für euch tun?“
„Wir suchen eine Unterkunft für die Nacht“, meinte Lia zögernd, als sie seiner Einladung Folge geleistet hatten.
„Also, ihr wollt Zimmer“, er nickte und zog ein Buch unter dem Tresen hervor, scheinbar für die Belegung der Zimmer. „Wie viele?“
„Zwei reichen“, meinte Heskan trocken, ehe jemand widersprechen konnte. Wahrscheinlich hätten sie sich sowieso darauf geeinigt.
„Hm, gut. Und wie nennt ihr euch?“, brummte er erheitert, vermutlich von der Frage, wer von ihnen sich wohl ein Zimmer teilte. Sie tauschten unterdessen einen etwas ratlosen Blick. Meinte er sie damit als Gruppe? Sollte es ja geben, dass die sich unter einem Namen bekannt machten, der ihnen dann vorauseilte. Darüber hatten sie sich allerdings nie Gedanken gemacht. Wer wäre schon stolz darauf, diejenigen zu sein, die sich von Göttern und ihren Feinden – denen vorneweg – durch Zeit und Raum scheuchen ließen?
„Na, ihr habt doch alle einen Namen, oder?“, meinte der Wirt erneut. Die anderen beiden machten nicht gerade weniger ratlose Gesichter.
„Khadri Lā’nani’hana of the Aureole“, stellte sie sich schließlich vor, als es sonst keiner tat. Und merkte es danach, dass es wohl keine so gute Idee gewesen war, ihren vollen Namen zu nennen. Der Wirt bekam ziemliche Stielaugen – ihre Gefährten auch. Deswegen machte sie das nie. Nur hatte sie eben nicht nachgedacht.
„Wenn du das nochmal ohne Fehler sagen kannst, glaube ich dir“, meinte der Wirt und begann zu grinsen. Sie tat es und sein Lächeln erstarb augenblicklich wieder. Innerlich seufzend nahm sie sich vor, bei der nächsten Gelegenheit wieder besser aufzupassen.
„Einfach nur Khadri ist auch in Ordnung“, murmelte sie, bemüht, nicht zu resigniert zu klingen. Darauf brummte der Wirt zustimmend und schrieb es auf.
„Und sonst?“, er sah wieder auf.
Heskan rang ein wenig ratlos eine Klaue, als müsse er selbst nun schwer überlegen. „Von … von der Neuen Oase Shestendeliath Heskan?“
Angeber. Der will doch nur ‘nen Längeren als wir…
Während Khadri noch versuchte, das nicht genau so zweideutig auszulegen, wie es wahrscheinlich gemeint war, wunderte sie sich, ob er seinen Namen nicht tatsächlich früher anders genannt hatte. Identifizierte er sich inzwischen so stark mit dem Badehaus?
Der Wirt gab ein etwas verständnisloses Grunzen von sich. „Aha … Oase, ja?“
„Weißt du das nicht, Orris? Dragonborn nennen immer ihren Zunamen zuerst“, schaltete sich der Mann neben ihnen am Tresen ein. „Der richtige Name müsste also … Heskan sein. Richtig?“
Der nun richtig Benannte nickte enthusiastisch.
„Na gut … Heskan“, sagte er langsam und kritzelte den Namen gleichzeitig in sein Buch. Dann sah er erwartungsvoll zu der Elfe hoch.
„Ich bin … Lia“, meinte sie unsicher – vielleicht angesichts dessen, dass sie keinen so pompösen Namen von sich gab?
Der Wirt allerdings strahlte sie an. „Lia! Das gefällt mir!“
Sie erwiderte sein Lächeln sehr schüchtern. Khadri hätte sich ihr dafür am liebsten um den Hals geworfen.
Und überleg mal – nachher haben wir ein richtiges Bett! Das muss doch gefeiert werden!
„Na, dann freue ich mich über euren Besuch – Lia, Heskan und …“
„Khadri“, ergänzte sie mit hängendem Kopf. Es gab doch wirklich schwierigere Namen.
Er überging es gekonnt. „Was wollt ihr trinken?“
„Bist du nicht ein bisschen voreilig?“, meldete sich der andere Gast erneut. „Wenn du den dreien schon so übertrieben umständlich ihre Namen abschwatzen musstest, solltest du jetzt wenigstens auch die entsprechende Gegenleistung erbringen.“
„Benutzt du etwa schon wieder so lange Wörter?“, rief die Schankmaid in neckend tadelndem Tonfall herüber. Der Mann rollte gespielt verärgert die Augen und zwinkerte dem Mädchen zu.
„Recht hat er“, meinte der Wirt etwas verdattert. „Tut mir leid. Orris Brown. Ist mir eine Ehre.“
Der Mann vor dem Tresen trat nun ebenfalls zu ihnen. „Und da ich mich ständig einmische, bin ich euch wohl auch längst etwas schuldig. Porter Fallow – und, Orris, gib dem Herrn und den Damen einen Wein von mir aus.“
Ehe sie es sich versahen, hatten sie alle einen tönernen Weinkelch vor sich. Weißwein. Khadri bevorzugte roten.
Und es heißt, dass Lia gleich betrunken ist. Das wird spaßig!
Himmel, sie würde also auch noch besonders aufpassen müssen, wie sich die Stimmung ihrer Freundin entwickelte. Und was sie sagte. So viel zum entspannten Abend.
Heskan nippte an seinem Wein. „Fallow? Wie in Fallow’s Reach?“
„Ja … leider. Nennt mich einfach Porter“, er blickte ein wenig niedergeschlagen auf seine Hand, die auf dem Tresen ruhte. Khadri konnte ihm ansehen, dass er gerne mehr erzählte, sich aber aus Höflichkeit zurückhielt.
„Wieso ist das ein Problem?“, fragte sie deswegen aus genau derselben Höflichkeit.
„Ich habe nie darum gebeten, der Stammhalter einer alten Adelsfamilie zu sein“, holte er aus, froh, einen Zuhörer gefunden zu haben. „Sicher, niemand kann etwas für seine Herkunft. Aber ich möchte nicht einfach von Geburt wegen höher stehen als andere. Man sollte sich sein Ansehen ehrlich verdienen – indem man etwas dafür tut.“
Das kann aber auch nach hinten losgehen – ich wüsste da ein Beispiel…
Khadri wollte lieber nicht über ihr eigenes Ansehen nachdenken.
„Wills‘ du den nich‘?“, Lia lehnte sich zu ihr herüber und griff nach ihrem Weinkelch.
„Nimm nur“, brummte Khadri grüblerisch. Wenn ihre Freundin nun ohnehin schon angeheitert war, spielte die Menge des Weins kaum noch eine Rolle. Doch gerade, als Lia den Wein herunterkippte, bemerkte Khadri, was für einen Faux-Pas sie sich damit geleistet hatte.
Ja, der ist dir ausgegeben worden.
Hastig wandte sie sich Porter zu und hob beschwichtigend die Hände. „N-nichts für ungut! Ich weiß die Einladung sehr zu schätzen … aber wenn es Lia so schmeckt…“ Dann drehte sie sich zum Wirt. „Für mich einen Roten, bitte. Und … vielleicht zahle ich den besser selbst.“
„Ich wollte schon sagen, dass ich das nicht den ganzen Abend leisten kann“, Porter hatte eine Augenbraue gehoben, schien ihr aber nicht böse zu sein. Peinlich war es trotzdem. Mit glühenden Wangen senkte sie den Blick.
Nach einem betretenen Moment wandte sie sich erneut Orris zu. „Und habt Ihr vielleicht etwas zu ess-?“
„Juster!“, röhrte es da so laut durch den Raum, dass Khadri zusammenfuhr.
„Für euch alle?“, fragte der Wirt unbeeindruckt. Sie nickte verdattert und sah sich nach der Quelle des Aufruhrs um. Ein etwas wild wirkender Mann – wild insofern, dass er zwar nicht aus der Wildnis stammte, aber wohl viel Zeit in ihr verbrachte – hatte den Schankraum betreten und wurde direkt von dem Kräftigeren der beiden Männer am Tisch herangewunken.
Als die Halb-Elfe sich wieder umdrehte, sah sie zwei dampfende Teller mit Eintopf vor sich stehen. Den dritten hatte sich Heskan bereits genommen und steuerte damit einen Tisch neben dem der anderen Gesellschaft an. Khadri überlegte kurz, dann hakte sie Lia bei sich unter, nahm die beiden Teller und balancierte hinter ihrem Gefährten her. Es klappte zu ihrem eigenen Erstaunen problemlos.
„Na, hat der Wald dich auch heute wieder rausgelassen?“, meinte der Große unterdessen am Nebentisch, sobald sich der Neuankömmling neben ihm auf einen Stuhl hatte fallen lassen.
Der als Juster Benannte rieb sich mit einer Hand über das wettergegerbte Gesicht. „Wenn ich nicht müsste, würde ich da gar nicht erst reingehen, glaub mir. Holst mir was zu trinken, Meredith?“
„Für uns auch!“, rief Lia, als die Schankmaid loseilte. Khadri wäre es lieber, sie würde stattdessen nicht so hartnäckig ihre Mahlzeit ignorieren. Doch ehe die Halb-Elfe sich versah, hatte auch sie einen neuen Weinkelch vor sich stehen. Nun, wenigstens schmeckte der Wein.
„Ich kann nicht ganz glauben, dass das alles stimmt, was du immer erzählst – bei der Menge“, mischte sich der kleinere Tischgeselle in das Gespräch nebenan ein – in einem weinerlichen Tonfall, der ihn zusammen mit seiner zusammengesunkenen Haltung und etwas wirren Halbglatze über hängenden Backen wie ein geborener Trauerkloß wirken ließ.
„Aber es stimmt alles!“
„Auch das Einhorn?“, der Große gluckste tief.
„Ganz besonders das Einhorn!“, Juster rang eindringlich die Hände. Er schien es ernst zu meinen – und sich wohl fast jeden Abend durch solche Gespräche schlagen müssen.
Heskan war inzwischen hellhörig geworden, beendete seine Mahlzeit in Höchstgeschwindigkeit und rutschte dann zu den anderen herüber. „Wie war das mit dem Einhorn?“
„Juster behauptet schon seit Langem, im Elderwood eins gesehen zu haben“, antwortete der Große und gab erneut sein tiefes Glucksen von sich.
„Glenn, wenn du schon einmal drin gewesen wärst, würdest du mir glauben“, erwiderte Juster etwas bissig.
Heskan gurrte neugierig. „Wie ist es denn da?“
Justers Miene verdüsterte sich. „Er ist nicht von dieser Welt. Ich würde mein Holz woanders fällen, wenn ich die Wahl hätte. Allein die Tiere dort wirken schon anders – schlauer, als wir sie kennen. Und ich will gar nicht so genau wissen, was noch darin herumkriecht, wenn ich tiefer hineingehe. Ich halte mich ja schon am Rand. Aber da ist das Einhorn bestimmt noch harmlos.“
„Wo liegt dieser Wald denn?“
„Glaub mir, du willst dort nicht hin, Freund … wie dürfen wir dich überhaupt nennen?“
Da wurde Khadri abgelenkt, weil sich Porter Fallow mit weiteren vollen Weinkelchen zu ihnen an den Tisch gesellte und versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Richtig gelingen wollte es aber nicht: Lia war inzwischen derart angeheitert, dass Khadri befürchtete, sie würde etwas ausplaudern, das besser ungesagt blieb. Und so war sie mehr damit beschäftigt, besonders die Ohren zu spitzen, als selbst Konversation zu führen. Und jedes Mal, wenn Lia davon anfing, drückte Khadri ihr schnell einen Kuss auf die Lippen und brachte sie so zum Schweigen. Keine gute Methode: Da sich der Alkohol auch bei ihr langsam bemerkbar machte, steigerte dieses Vorgehen nur ihren Wunsch, mit ihrer Freundin allein zu sein.
Mit einem halben Ohr bekam sie dennoch mit, dass am Nebentisch neben dem Holzfäller Juster der Schmied des Orts saß, der wie vorher erwähnt auf den Namen Glenn hörte, und der kleine Trauerkloß war Marvin Buckley, Schuster.
„Der Wein is‘ so gut, ich kauf‘ uns ein Fass für un’erwegs“, beschloss Lia und stand auf.
„Ein Fass!?“, Porter sprach es genauso ungläubig aus, wie Khadri es dachte. Doch die Elfe ging unbeirrt zur Theke und verlangte von Orris tatsächlich ein Fass Wein. Richtig groß wurden die Augen aller Beobachter aber erst, als der Wirt es herbeigeschafft hatte und sie es mit ein wenig Mühe, aber erfolgreich in eine Umhängetasche stopfte. Khadri war die einzige Zeugin, die wusste, wie das funktionierte – es entsetzte sie trotzdem. Als ob nichts gewesen wäre, bestellte Lia danach noch einmal zwei Weinkelche und marschierte damit zum Tisch der anderen.
Khadri verdrehte die Augen.
Der zweite Wein war für uns, oder?
„Ich bin Lia. Und das is‘-“, stellte sie sich fröhlich vor, deutete dann neben sich und brach irritiert ab, als sie kein bekanntes Gesicht neben sich entdeckte. Erst da schien ihr aufzugehen, dass sie zwar am falschen Tisch saß, aber auch keine Ahnung hatte, wo der Richtige war. Schlagartig bekam ihr Gesicht einen verzweifelten Ausdruck, den Khadri sicher nur durch den Alkohol und ihr eigenes Benehmen so hinreißend finden konnte.
Ganz schön heiß hier.
Khadri schenkte Porter ein entschuldigendes Schulterzucken und nickte fragend in Richtung des anderen Tischs, ehe sie sich erhob, um Lia herumstrich und sich dann genüsslich auf ihren Schoß sinken ließ. Sie hatte wirklich zu viel getrunken.
Sofort hellte sich das Gesicht ihrer Freundin auf. „Das is‘ Khadri, mein…“
Schnell nahm die Halb-Elfe sie wieder in einem Kuss gefangen. Der Letzte war sowieso schon zu lange her.
Lia brauchte eine Weile dafür, dann löste sie sich aber mit einem etwas empörten Gesichtsausdruck, der noch süßer war als ihre vorherige Verzweiflung. „Ich war noch nich‘ fertig, Khadri! Also … das is Khadri … meine Freundin!“
Die Halb-Elfe ließ ihren angehaltenen Atem wieder entweichen. Das war wenigstens gut gegangen.
„Khadri, das sind-“, dieses Mal brach Lia selbst ab. Erkannte, dass sie entgegen ihres Vorhabens die Gesellschaft nicht vorstellen konnte. Sofort traten Tränen in ihre Augen und Khadri küsste sie erneut, dieses Mal aber aus einem anderen Grund. Ewig würde sie so nicht weitermachen können – und sich dabei beherrschen.
Viel zu heiß.
Immerhin heiterte es Lia wieder ein wenig auf.
„Warum bis‘ du traurig?“, fragte sie Marvin Buckley unvermittelt.
„Bin ich doch gar nicht“, antwortete der in einem jämmerlichen Tonfall, der seine Worte Lügen strafen wollte.
Die Elfe schüttelte energisch den Kopf. „Doch, bis‘ du. Aber du trinks‘ ja auch das Falsche.“
Damit nahm sie den eigentlich für Khadri bestimmten Wein und schüttete ihn in die Milch des Schusters. Der ließ daraufhin ein lang gezogenes, etwas frustriertes Seufzen hören und sah nun jenseits von traurig aus.
„Lia, wollen wir uns diesen Wald nicht einmal anschauen?“, fragte Heskan bemüht unschuldig.
„Was’n für’n Wald?“
Der Dragonborn beugte sich verschwörerisch zu ihnen herüber, vergaß aber, zu flüstern. „Den Elderwood. Wie es klingt, verschwimmen dort die Grenzen von unserer Welt zu den Feywilds. Danach habe ich die ganze Zeit gesucht.“
Verspielt strich Khadri mit einem Finger an Lias Halsbeuge entlang. In Gedanken malte sie sich bereits aus, was sie nachher im Bett mit ihr machen würde.
Die Elfe ignorierte sie. „Aber der liegt doch gar nich‘ auf dem Weg nach … nach … Schi…“
„Trotzdem – lass uns hingehen!“
Plötzlich wurde Khadri schwindelig und in ihrem Hinterkopf würgte es.
„Woll’s‘ du mich g’rade verzaubern!?“, fragte Lia empört.
Sag ihm, dass er das nie wieder machen soll. Was für eine Strahlung!
Leise stöhnend ließ sie den Kopf auf die Schulter ihrer Freundin sinken und hoffte, dass der Schwindel schnell verflog. Ihre Stimmung war allerdings genauso schlagartig verraucht.
„Ich wär‘ auch so gegang’n, Hes’an! Wo is‘ der?“
Juster gab ihr nun erstaunlich bereitwillig eine Wegbeschreibung. Er ging wohl davon aus, dass sie sich das bis zum Morgen ohnehin nicht merkte.
„Gut, dann geh’n wir morgen hin“, schloss Lia, als er geendet hatte. „Aber jetz‘ wird en’lich mal gefeiert, wenn’s mir schon so gut geht! Komm, Kha’ri, lass uns tanz’n.“
„Nicht jetzt, tut mir leid“, lehnte sie ein wenig geknickt ab. Sie würde gerne, aber im Gegensatz zu ihrer Freundin ging es ihr nicht so gut. Von Heskans missratenem Zauber war ihr immer noch flau.
„Mann, bis‘ du langweilig!“, Lia wand sich unter ihr heraus und ließ sie ein wenig unsanft auf den Stuhl plumpsen. Dann griff sie sich die Schankmaid. „Du! Wie heiß‘ du?“
„Meredith Brown“, erwiderte das Mädchen etwas überrumpelt.
„Gut, Mer- … Merry! Du tanz‘ mit mir, oder?“
Die Schankmaid legte eine Spur zu kokett den Kopf schief, als sie überlegte. Ihr war völlig klar, dass überhaupt keine Musik gespielt wurde.
„Wenn du meinst“, sagte sie dennoch und setzte ein für Khadris Geschmack viel zu verwegenes Lächeln auf, als sie sich von der Elfe auf eine freie Fläche ziehen ließ. Der Neid, der bei diesem Anblick in Khadri aufkochte, vertrieb den letzten Rest der Übelkeit.
Und das Mädchen ist obendrein echt zum Anbeißen. Gemein, oder?
Hinter Khadri, die ihren Blick kaum abwenden konnte, begann Heskan ungerührt mit Marvin Buckley, der sich genauso wenig aus dem Geschehen zu machen schien, ein Gespräch über Schuhe. Kurz darauf knallte Glenns Kopf auf den Tisch und er begann zu schnarchen.
Unter dieser Geräuschkulisse begannen Lia und Meredith ihren erst noch unkoordinierten Tanz. Das Mädchen schaffte es aber erstaunlich gut, sich den Bewegungen der Elfe anzupassen. Und kaum hatte sie den Rhythmus gefunden, wurde ihr Gebärden ausgesprochen lasziv.
Verkrampft schlug Khadri die Beine übereinander.
Heskan und der Schuster verabschiedeten sich von der Runde, mit der Aussage, noch etwas zu erledigen zu haben.
Lia stieg auf das Verhalten der Schankmaid ein und steigerte sich ebenfalls in ihren Tanz. Khadri verknotete ihre Beine noch weiter.
Oh, ihr Götter! Oh, ihr Götter! Oh, ihr…
Das Kribbeln in ihrem Nacken ermöglichte es ihr, sich kurz von dem Anblick zu lösen. Doch dann sah sie nur überdeutlich, dass sie nicht die Einzige am Tisch war, die nicht mehr aufstehen konnte. Das machte es nur noch schlimmer. Mühsam beherrscht krallte sie ihre Hände in ihre Stuhllehne, bis ihre Knöchel hervortraten.
Lias Wangen glühten bereits, von der Hitze, gemischt mit dem Leuchten ihrer Tätowierungen. Als sich ihre und Khadris Blicke trafen, lächelte sie strahlend und ihr auffordernd zu. Das Kribbeln steigerte sich ins Unerträgliche.
Ach, was soll’s?
Ach, was soll’s?
Mit einer fließenden Bewegung löste sie sich aus ihren Verrenkungen, als würde sie damit das Ventil für ihre Magie öffnen. Während sie sich erhob, spürte sie die Veränderungen in ihrer Brust und ihren Hüften. Brennend heiß, als hätte sie es viel zu lang zurückgehalten. Schwungvoll trat sie auf Lias andere Seite, lächelte Meredith herausfordernd an und drehte ihre Freundin um, sodass sie sich ansahen. Lias Strahlen wurde noch ein wenig heller. Ihre Blicke verfingen sich, als Khadri begann, genüsslich ihren Körper an dem ihrer Freundin zu reiben.
Das Kribbeln in ihrem Nacken wuchs zu einem regelmäßigen Pochen an, ein Takt, in dem sie ihre Hüften zu wiegen begann. Khadri begann mit ihren Blicken, mit Lia zu flirten, achtete ganz nebenbei darauf, dass sie beide auch den zuschauenden Männern einen Augenschmaus boten, wollte auch Meredith einbeziehen. Doch das Mädchen hatte sich bereits zurückgezogen. So süß sie war und wohl zuerst viel hermachen mochte – gegen eine professionelle Hure kapitulierte sie dann offensichtlich. Khadri konnte sich nicht erinnern, schon einmal so stolz auf ihren Beruf gewesen zu sein. Was in Treymin Alltag war, bekam man in Fallow’s Reach wohl kaum zu Gesicht. Hier waren sie auf eine ganz eigentümliche Art etwas Besonderes.
Berauscht gab sie sich dem Gefühl hin. Lia, der Magie, dem rhythmisch pochenden Kribbeln in ihrem Nacken. Ließ es schlagen, bis der Raum erfüllt war vom Klang unsichtbarer Trommeln.


Es war ein Morgen, an dem auch Lia noch fünf Minuten liegen bleiben wollte, als Heskan an die Tür klopfte, um sie zu wecken. Aus den fünf Minuten wurde eine Stunde. Dann begann auch Khadri, sich neben ihr zu regen, mit sehr behutsamen Bewegungen. Widerwillig streckte Lia einen Arm aus, damit der warme Körper neben ihr nicht verschwand.
„Morgen, Süße“, flüsterte Khadri und entwischte ihrem schlaffen Griff. Dabei klang ihre Freundin genauso verkatert, wie sie sich fühlte. Wahrscheinlich tat sie aber das Richtige, so sehr es Lia innerlich sträubte – sie hatten vermutlich schon lange genug herumgelegen. Ein wenig missmutig wühlte sie sich ebenfalls unter den Decken hervor und schloss sich ihrer Freundin darin an, ihre Kleidung anzustreifen – möglichst geräuscharm.
Einträchtig schweigend betraten sie wenig später den Schankraum und wurden dort von einem erdrückend munteren Heskan empfangen.
„Guten Morgen“, dröhnte er – jedenfalls klang es so. Er hatte ausgesprochen gute Laune. Lia bemerkte, dass ein paar lederne Lappen über seinen Füßen hingen, die vorher noch nicht da gewesen waren.
„Was ist das?“, fragte Lia unbeabsichtigt. Eigentlich wollte sie nicht, dass Heskan wieder sprach.
„Schuhe! Toll, nicht?“, der Dragonborn schien wahnsinnig stolz auf seine Errungenschaft zu sein. Dabei hatte Lia immer gedacht, Schuhe hätten auch eine Sohle. Khadri folgte ihrem Blick – wahrscheinlich auch ihrem Gedankengang – und unterdrückte schnaubend ein Kichern.
„Gute Nacht gehabt, ihr beiden? Wollt ihr Frühstück?“, Orris war verständnisvoll genug, sie leise anzusprechen und dabei trotzdem die freundliche Wärme vom Vorabend auszustrahlen. Wortlos nickten sie, während Heskan sich in sein Notizbuch vertiefte. Offenbar war er längst fertig.
Etwa eine Stunde später waren sie das auch. Die Stärkung half ein wenig gegen den dröhnenden Schädel, allerdings tat erst die frische Luft für Lia ihr Übriges. Dankbar für die Gastfreundschaft verabschiedeten sie sich von Orris, Meredith war allerdings nirgends zu sein. Nur einmal hatte Lia während des Frühstücks noch einen Blick auf das Mädchen erhascht – und da hatte sie einen großen Bogen um die Elfe herumgemacht.
„Also, gehen wir zum Elderwood?“, fragte Heskan, als sie Fallow’s Reach verlassen hatten. Lia nickte geistesabwesend. Der lag doch sowieso auf ihrer Route, oder nicht? Ihr kam jedenfalls nicht in den Sinn, ursprünglich einen anderen Weg gehabt zu haben. „Wir sind doch noch auf dem Weg nach Süden, oder, Khadri?“
Die Angesprochene zog mit halb geschlossenen Augen den Kompass hervor und betrachtete ihn gähnend. „Süden … ja, sieht so aus.“
Lia ersparte sich die Bemerkung, dass Khadri den Finger so ungeschickt hielt, dass es die Kompassnadel bremste – nach Süden deutend. Es spielte ja auch keine Rolle: Viel bedeutender war, dass der Name in Lia etwas hervorgerufen hatte. Ein Gefühl von Vertrautheit. Obwohl sie vermutete, nie zuvor hier gewesen zu sein. Und mit jedem Schritt, den sie in die Richtung des Waldes tat, spürte sie, dass es ein Schritt in die richtige Richtung war. Selbst, ohne den Weg je gegangen zu sein und zu wissen, was sie am Ende erwartete.
Der halbe Tag verstrich mit diesem Gefühl, dann traten sie unter das Geäst. Schon nach wenigen Schritten in den Elderwood hinein verstand Lia, warum Juster der Wald ein wenig unheimlich vorgekommen sein musste. Der Weg verlor sich schnell in einem verschlungenen Trampelpfad an mächtigen und uralten Bäumen vorbei, die ihre moosbewachsenen Wurzeln immer wieder in den Weg reckten, sodass sie darüber klettern mussten. Unter dem Blätterdach herrschte ein warmes Dämmerlicht, das einen goldenen Hauch über alles legte. Und er summte von Leben: Nicht nur dem ganz Kleinen, das zwischen Blättern, unter Rinden und auf Grashalmen seinem Geschäft nachging. Lia entdeckte selbst für das, was sie kannte, erstaunlich viele Vögel, Mäuse, Eichhörnchen und andere Wildtiere, die sich mit ausgesprochen wenig Scheu um sie herumbewegten, ihnen aber auch kaum Beachtung schenkten.
„Tag“, grüßte ein Hase sie beiläufig im Vorbeihoppeln. Lia dachte sich nichts weiter dabei, ihre beiden Gefährten blieben aber gleichzeitig irritiert stehen und sahen dem Tier nach. Geduldig wartete sie, dass die beiden weitergingen. Hatten sie etwa noch nie ein Tier sprechen gehört?
„Sagt mal, habt ihr keine Manieren gelernt? Wenn euch jemand grüßt, dann grüßt gefälligst zurück, anstatt so blöd zu glotzen!“
„Äh … guten Tag“, meinte Khadri daraufhin irritiert.
„Hörst du etwa auch den Hasen sprechen?“, meinte Heskan.
Erschrocken wirbelte Lia herum. In dieser Sphäre hatten die beiden wahrscheinlich wirklich noch nie ein Tier sprechen gehört!
„Ich bin immer noch da, du dumme Echse!“, der Hase hatte sie schon passiert, sich aber noch einmal zu ihnen umgedreht und trommelte nun wütend mit einem Hinterlauf.
Durch Heskans Körper ging ein Ruck und er fauchte empört. „Wen nennst du hier dumm!?“
„Lass gut sein, Heskan, das ist es nicht wert“, lenkte Lia hastig ein, aber ohne Erfolg.
Der Dragonborn warf sich in die Brust. „Ich gehöre zu einer hoch entwickelten Rasse mit einer uralten Tradition. Geschaffen aus dem Blut der edelsten Wesen selbst, den Drachen…“
Lia warf Khadri einen verzweifelten Blick zu, die daraufhin die Augen verdrehte. Dann betrachtete sie Lia allerdings wieder aufmerksam und nickte, als die ihr stumm zu verstehen gab, auf der Hut zu sein. Sie wollte auf keinen Fall, dass hier ein folgenschwerer Streit erwuchs, nur, weil sie den Hasen nicht ordentlich gegrüßt hatten. Womöglich würde das sofort der ganze Wald wissen und dann würden sie sich wohl kaum noch weiter in Ruhe umschauen können. Einer der beiden Seiten schien das nicht bewusst zu sein, der anderen dafür umso mehr.
„Ja, genauso alt siehst du auch aus“, unterbrach der Hase Heskans Redefluss über seine Herkunft. „Bist du etwa eine Schildkröte oder was für einen Panzer hast du da?“
Aufgebracht brüllte Heskan auf, holte mit einer Klauenhand aus und nur den Bruchteil eines Augenblicks später schoss ein leuchtendes Projektil aus seiner Handfläche hervor auf den Hasen zu, einen knisternden Schweif aus magischer Entladung hinter sich herziehend. Lia wollte aufschreien, da sprang Khadri geradezu akrobatisch in die Flugbahn und ließ mit irrsinnigen Reflexen ihre Hände über dem Geschoss zusammenklatschen. Kurz züngelten Blitze bis zu ihren Ellenbogen herab, dann verschwand das Leuchten und die Halb-Elfe knallte mit der Schulter voran auf den – zu Lias großer Erleichterung – weichen Waldboden. Mit einer Grimasse setzte sie sich auf, schüttelte ihre Hände aus und pustete sich über die Handflächen.
Der Hase lachte. „Na, selbst deine Freunde müssen ja eine hohe Meinung von dir haben!“
„Ich habe gerade deinen plüschigen Hintern gerettet, nicht seinen“, raunzte Khadri ihn mit bedrohlich finsterer Miene an. „Wenn er dir also weiterhin lieb ist, hältst du besser langsam die Schnauze!“
Diese Art von Widerworten brachten den Hasen tatsächlich zum Verstummen.
„Hör zu, das war ein Missverständnis“, lenkte nun wieder Lia ein, um das Tier zu beschwichtigen. „Wir sind vorhin erst hier angekommen. Und meine beiden Gefährten kennen es nicht, dass Tiere mit ihnen sprechen. Sieh es ihnen nach.“
„Pfff!“, machte der Hase nur mit einem leichten Pfeifen und hoppelte davon. Grummelnd stapfte Heskan in die andere Richtung und verschwand im Dickicht.
„Wo willst du hin?“, rief Lia ihm noch nach, bekam aber keine Antwort. Und sie wäre dann wohl diejenige, die ihn wieder aufsammeln musste. Der Gedanke daran ärgerte sie jetzt schon. Ihm jetzt aber nachzulaufen, hieße, ihre Freundin zurückzulassen. Sie wusste sofort, wessen Gesellschaft sie vorzog.
Eilig hüpfte sie zu Khadri, die schon wieder halb auf den Füßen war, um ihr bei der restlichen Strecke zu helfen. „Gut gemacht.“
Ein bisschen wunderte sie sich schon, seit wann ihre Freundin solche Sprünge machen konnte. Möglicherweise hatte Khadri das aber nur zuerst für sich behalten.
„U-und jetzt?“, die Halb-Elfe klammerte sich an Lias Arm, leicht fröstelnd. Die führte sich nachdenklich die Situation vor Augen: Hier gab es also sprechende Tiere, und zwar nicht so, dass nur sie deren Sprache verstehen konnte. Das war wirklich untypisch für diese Sphäre. Sie konnten zumindest herausfinden, ob das so gewollt war.
Und warum sie sich so unvorstellbar heimisch hier fühlte.
„Komm, lass uns schauen, ob uns ein anderes Tier mehr verrät“, murmelte sie und wollte Khadri mit sich ziehen, stieß aber auf leichten Widerstand. „Was ist?“
Ihre Freundin sah sie an, mit dem Ansatz einer leichten Sorgenfalte auf der Stirn, schüttelte dann aber den Kopf und folgte ihr. Fing sie jetzt etwa schon wieder mit Geheimnissen an? Oder hielt sie das, was ihr aufgefallen war, einfach nicht für wichtig? Lia beschloss, sich darum erst einmal keine weiteren Gedanken zu machen.
Langsam trotteten sie vorwärts, immer nach Tieren Ausschau haltend. Lia sprach sie alle an: Dachs, Rotkehlchen, Spitzmaus, Buntspecht … sie konnte gar nicht sagen, wie viele Tiere ihnen begegneten. Doch plötzlich schien ihr keines mehr etwas zu sagen zu haben. Hatte Heskan es verbockt oder hatte sie einfach Pech?
„Hallo“, rief sie zu einem Eichhörnchen hoch, nicht mehr in der Erwartung, eine Antwort zu bekommen.
„Tag“, quiekte es jedoch zu ihrer großen Überraschung zurück.
Erleichtert überlegte Lia, wie sie am besten vorging. „Darf ich dir ein paar Fragen stellen?“
Der kleine Nager setzte sich auf die Hinterbeine und sah sie erwartungsvoll an.
„Wir sind auf der Durchreise und dabei auf diesen Wald gestoßen. Für uns ist es unüblich, so mit Tieren sprechen zu können. Ich will niemanden beleidigen, aber … ist das für euch normal?“, begann sie vorsichtig.
„Ja, schon. Für uns vom HCCC jedenfalls – die anderen können das ja nicht“, gab das Eichhörnchen irritiert zurück. Lia wollte lieber nicht genauer nachfragen. Aber es gab offenbar einen Unterschied bei den einzelnen Tieren im Wald.
„Gehört das denn so? Dass ihr hier seid und-“, tastete sie sich weiter vor, verlor aber ihren Pfad aus den Augen. Gesprächsführung würde wohl nie zu ihren Stärken werden.
„Weiß nicht“, keckerte das Eichhörnchen. „Wir sind hier und können das. Da musst du vielleicht den Präsidenten fragen. Der weiß viel.“
Das war immerhin eine brauchbare Richtung. „Und wie kann ich mit dem sprechen?“
„Du brauchst einen Termin. Ist aber immer sehr gefragt, der Präsident“, erklärte der Nager.
„Kannst du anfragen, ob wir einen bekommen können?“, eigentlich war Lia nicht scharf auch noch mehr Gespräche, aber vielleicht konnte ihr besagter Präsident wirklich mehr erklären.
„Ich kann es versuchen“, keckerte das Eichhörnchen und fuhr sich mit einer Pfote über die Schnauze. Lia merkte, dass Karidos, der sein neues Zuhause nur noch selten verließ, auf ihre Schulter geklettert war und neugierig seinen Artgenossen auf dem Baum betrachtete.
„Bitte gerne, das wäre sehr nett“, rief sie dem Nager zu.
Das Eichhörnchen auf dem Baum stellte sich wieder auf alle vier Pfoten, bellte „Ratatoskr!“ und hüpfte davon.
„Irgendwas ist hier doch komisch“, murmelte Khadri und schmiegte sich wieder enger an sie. „Und ich meine nicht nur die Tiere. Aber … ich komme nicht darauf!“
Sie musterte Lia erneut und für einen winzigen Augenblick erschien wieder die Sorgenfalte. Jetzt reichte es ihr: Sie holte Luft, um zu fragen, was Khadri da an ihr sah, als ein erschrockener Aufschrei an ihre Ohren drang. Die Stimme war unverkennbar. Sie hatte es kommen sehen. Und sie hatte wirklich keine Lust darauf.
„Sollen wir hier warten oder sollen wir Heskan helfen?“, fragte sie, bemüht, nicht genervt zu klingen.
„Äh … bitte was?“, Khadri sah sie überrascht und diesmal offensichtlich besorgt an.
„Wobei ich ja finde, er soll selbst zurechtkommen, wenn er schon wegläuft.“
„Wovon redest du!?“, aufgeregt ergriff die Halb-Elfe ihre Schultern.
„Na, hast du ihn nicht eben schreien gehört?“, meinte sie gelangweilt. Khadris entsetzter Blick gab eine sehr eindeutige Antwort.
„Wo entlang?“, fragte sie plötzlich sehr drängend.
Lia lauschte ein wenig unmotiviert.
Ratatoskr … Ratatoskr … Ratatoskr…
Sie erinnerte sich grob an die Richtung des Schreis und konnte ungefähr von dort auch Geräusche ausmachen, als würde sich etwas Großes durch das Unterholz Bahn brechen.
Sie zeigte die Richtung und Khadri eilte los, Lia an der Hand mit sich ziehend.
Verwundert schloss Lia zu ihr auf. „Warum machst du das?“
„Weil wir einander helfen!?“, Khadris Stimme wurde höher. „Obwohl er manchmal ein Idiot ist!“
Lia sparte sich die Überlegung, welches Argument ihr sinnvoller erschien. Nach wenigen Momenten erübrigte sich das ohnehin: Heskan war wenigstens geschickt genug gewesen, seine Richtung beizubehalten und brach wenig später vor ihnen aus dem Dickicht.
„Was ist los?“, fragte Khadri ihn alarmiert.
„Spinne!“, keuchte Heskan und gestikulierte hinter sich. „Große Spinne!“
Die Halb-Elfe legte den Kopf schief, überraschenderweise etwas ruhiger. „Wie groß?“
Und dann sahen sie, wie groß. Über die Bäume hinter Heskan kam eine Spinne heran, bei der Lia der Atem stockte. Das Tier war ungefähr so groß wie eine Kutsche, aber deutlich schneller. Sich ihrer Sache sicher, huschte sie immer wieder hin und her, um sie zu verwirren und die Überraschung auf ihrer Seite zu haben.
„Oh, na gut, das ist groß“, stellte Khadri lapidar fest du seufzte halblaut.
Eilig zerrte Lia ihren Bogen von ihrem Rücken. Wie konnte ihre Freundin so einem Vieh nur so gelassen entgegensehen? Doch nicht nur, weil sie regelmäßig mit Dridern Kontakt hatte, oder?
„Passt auf – so macht man das“, meinte sie immer noch gelassen, aber plötzlich konzentriert, hob zwei Finger ihrer rechten Hand und blickte aufmerksam ins Gehölz. Genau in dem Moment, in dem die Spinne hervorsprang, ließ sie den ausgestreckten Arm in die Richtung des Tiers schnellen und ein greller Blitzstrahl schoss aus ihren Fingerspitzen hervor, traf die Spinne genau zwischen die Mandibeln und warf sie aus ihrer Flugbahn. Unbeeindruckt führte Khadri den Lichtbogen mit, sodass er weiterhin mit der Spinne verbunden blieb. Sofort schoss Lia zwei ihrer Pfeile ab, die Spinne war aber schnell genug wieder auf den Beinen, dass sie einem davon ausweichen konnte. Von der Unterstützung ermutigt zog auch Heskan eine Waffe hervor, dieses Mal eine gewaltige Axt.
Die Spinne huschte kurz zwischen ihnen umher, scheinbar unschlüssig, wen sie sich vorknöpfen sollte. Dann schien sie sich allerdings zu entscheiden, wer ihr größtes Problem war – und stürzte sich pfeilschnell auf Khadri. Die hatte gar keine Chance, auszuweichen. Lia blieb der Schrei im Hals stecken, als ihre Freundin zwischen den mächtigen Beißwerkzeugen verschwand. Selbst über das Mahlen der Mandibeln und Khadris überraschten und schmerzerfüllten Schrei konnte die Elfe viel zu klar das Geräusch mehrerer brechender Knochen hören. Entsetzt sah sie zu, wie der Lichtbogen flackerte. Dann eine Faust, die aus den Mandibeln hinauf in das Maul der Spinne schoss, wo der Blitz wieder kräftiger aufflackerte. Nicht mehr so kräftig wie vorher, doch es reichte, damit die Spinne ihre Greifer auseinanderschnappen ließ und einen kleinen Hüpfer von der Halb-Elfe wegmachte.
Lia konnte es kaum fassen: Khadri stand noch! Mit vor Qual verzerrtem Gesicht, aber sie stand und schien nicht im Geringsten von ihrem Vorhaben abzubringen zu sein, der Spinne einzuheizen.
Eilig warf sie sich herum und legte eine Salve Pfeile nach. Sie gingen daneben. Heskan brüllte auf, offenbar im Blutrausch, und schlug von der anderen Seite nach der Spinne, doch sie wich auch ihm mühelos tänzelnd aus. Dann beschloss sie, sich ihn als nächstes vorzuknöpfen. Der Dragonborn passte schlechter zwischen ihre Greifer, aber immer noch gut genug, dass es ihn einige Mühe kostete, sie wieder von sich abzubringen. Die Spinne spürte aber genau in diesem Moment, dass sie immer noch von einem Blitz gestochen wurde. Erneut trippelte sie umher, wohl wieder auf Khadri abzielend.
Das sollte sie bloß nicht wagen!
In rasender Entschlossenheit schoss Lia zwei weitere Pfeile ab und versenkte beide im wuchtigen Unterleib der Spinne. Sprang neben Khadri und legte ihr ermutigend eine Hand auf die Schulter, während heilende Kräfte in den Körper der Halb-Elfe flossen.
Vielleicht ein Fehler.
Lia sah einen Moment zu spät, dass die Spinne ausholte, ihr einen Schlag verpasste, der sie zurücktaumeln ließ. Noch während sie um ihr Gleichgewicht rang, traf sie etwas Großes, Schweres und sehr Klebriges. Hektisch drehte sie den Kopf weg, um nichts ins Gesicht zu bekommen, doch der Rest ihres Körpers erstarrte schlagartig.
Spinnweben! Das Vieh hatte eine Salve davon auf sie abgeschossen, getroffen und nun steckte sie in dieser weißen Masse fest, unfähig, sich zu bewegen. Sie fauchte aufgebracht und versuchte, sich zu befreien. Es klappte nicht.
Entsetzt konnte sie nur zusehen, wie sich die Spinne nun erneut auf Khadri stürzte, die zurückwich, aber viel zu langsam. Ein zweites Mal sah Lia, wie ihre Freundin in die Zange genommen wurde, hörte-
Ratatoskr … Ratatoskr … Ratatoskr…
-hörte einen erneuten, erstickten Aufschrei von Khadri. Dieses Mal erlosch der Blitz.
Dann schrie Lia auf, als die Spinne ihre Greifer öffnete und die Halb-Elfe freigab, blutüberströmt und mit fürchterlich sichtbaren, unnatürlichen Verformungen am Brustkorb. Sie fing ihren Fall nicht ab, sackte einfach nur zusammen wie ein Pflänzchen unter einem Hagelschauer.
Warum? Warum hatte sie nur meinen müssen, sich so hartnäckig gegen die Spinne zu behaupten, die nun fast haushoch über ihr thronte?
Lia kämpfte noch immer gegen ihre Fesseln, doch die waren furchtbar zäh. Die Spinne holte zu einem stechenden Hieb mit einem Bein aus, wahrscheinlich um ihrer Beute endgültig den Garaus zu machen. Nein, sie sollte nicht … nicht Khadri!
Kraftvoll bohrte sich eine Axt von der Seite in den Hals des Tiers. Die Spinne wandte sich ruckartig zu Heskan um, der immer noch in der Pose dastand, mit der er seine Waffe auf sie geworfen hatte, doch er funkelte sie entschlossen an. Knurrend steckte er den für Khadri gedachten Hieb weg, schwankte aber unter der Wucht.
Dann sah Lia das Unglaubliche: Erst eine leise Regung, ein kleines Zucken von Khadris Hand, dann ihrer Füße, der Beine. Zerschlagen, kaum bei Bewusstsein und kurz vor dem sicheren Tod … stand Khadri wieder auf. Hob den Kopf zu der Spinne streckte die Hände aus und stampfte mit einem Fuß auf. Der krachende Donnerschlag ihres Stampfens katapultierte das Tier in hohem Bogen von Khadri weg ins Gebüsch. In eine Schwärze, die dort erschien und mit wabernden Tentakeln nach der Spinne griff.
Lia hätte fast geheult vor Erleichterung. Dann sah sie Heskan auf sich zueilen, der entschlossen seine Krallen in das Gewebe bohrte und kurzerhand aufschlitzte.
„Danke!“, keuchte sie, riss ihren Bogen hervor-
„Lass gut sein, Humphrey! Da hast du dir etwas wehrhaftes Futter ausgesucht, meinst du nicht?“
Meinte die Spinne offenbar auch, denn sie machte keine Anstalten mehr, zurückzukehren und weitere Angriffe zu starten. Stattdessen zog sie sich langsam zurück.
Erstaunt wandte sie sich zu dem Sprecher um und ihr stockte der Atem. Vor ihnen stand leibhaftig ein Einhorn. Groß, mit schlanker Eleganz und hellglänzendem Fell. Alles an ihm strahlte eine natürliche Erhabenheit aus. Doch sie hatte noch nie ein Einhorn derart missbilligend in die Runde blicken sehen. „Und? Wer von euch hat nun versucht, Humphrey sein Schwert wegzunehmen? Das mag er nicht besonders, wisst ihr?“
Sie konnte den zugleich entsetzten und vorwurfsvollen Blick auf Heskan nicht vermeiden.
„Ich wollte es nicht wegnehmen – ich wollte es nur mal berühren! Man findet schließlich nicht jeden Tag ein Schwert in einem Baumstumpf“, verteidigte sich der Dragonborn sofort. Das Einhorn schnalzte abfällig mit der Zunge.
„Spinnen haben nun einmal üblicherweise keine Schwerter“, fuhr der Dragonborn fort. „Überhaupt sollten Spinnen nicht so groß sein!“
Das Einhorn tippte leicht mit dem Huf auf. „Groß? Humphrey ist doch nicht groß – für eine Spinne jedenfalls. Da habt ihr Clarence noch nicht gesehen – das ist eine große Spinne!“
Lia hoffte inständig, dass ihnen eine Begegnung mit Clarence erspart blieb. „Nun … jedenfalls vielen Dank für die Hilfe.“
„Keine Ursache. Ihr seht einfach nicht aus wie Humphreys typisches Abendessen“, der Blick des Einhorns wurde etwas weicher, als es an der Elfe vorbeischaute. „Dabei hatte er euch sogar fast, hm?“
Genau in diesem Moment hörte sie hinter sich das dumpfe Geräusch von etwas Schwerem, das auf den Waldboden fiel. Ein paar Knie. In plötzlicher, panischer Erkenntnis wirbelte sie herum und konnte gerade noch verhindern, dass Khadri vollends umkippte. Ihr hektischer Griff um den Oberkörper entlockte ihrer Freundin allerdings ein halb ersticktes Winseln. Sie hatte die gebrochenen Rippen nicht bedacht – sofort gesellte sich das zu den inneren Vorwürfen, dass Lia nicht überhaupt schon früher daran hatte, Khadri zu helfen. Dabei sah man ihr eindeutig an, dass sie sich nur noch mit purer Willenskraft bei Bewusstsein hielt.
„Versuch, langsam zu atmen“, forderte Lia sie besorgt auf und strich ihr beruhigend über den Kopf.
Das Einhorn trottete unterdessen aufreibend gemütlich an sie heran und schnupperte prüfend in ihre Richtung. „Ihr seid nicht von den Elfen, oder?“
„Nein – welchen Elfen?“, platzte es aus Lia heraus, während sich das Tier in ihr gefährlich rührte. „Ein Mensch aus dem nächsten Ort hat erzählt, er könne hier nicht sein Holz fällen, ohne über unnatürliche Dinge zu stolpern. Es schien ihn zu beunruhigen.“
„Ach, der. Der kann meinetwegen so viel Holz fällen, wie er will. Aber die unnatürlichen Dinge … ja, das kann ich verstehen“, ein wenig abwesend blickte das Einhorn in Richtung des Blätterdachs. „Deswegen frage ich ja, ob ihr von den Elfen kommt. Aber ihr wollt dem Problem auf den Grund gehen? Dann mache ich euch ein Angebot.“
Lia verstand nicht ganz: Sie hatte gedacht, das Einhorn sei das Problem. Für die Bewohner von Fallow’s Reach jedenfalls, nicht für sie.
„Ich kümmere mich um eure Verletzungen. Dafür geht ihr zu den Elfen und legt von mir, dem Präsidenten des HCCC, ein gutes Wort ein“, es wedelte mit seinem Schweif. „Ihr müsst das auch nicht aufdrängen, wisst ihr. Wie wollen ja keinen Streit. Aber wir machen uns allmählich Sorgen.“
„Was ist überhaupt das Problem?“, fragte Heskan, als Lia schon beklommen nickte. Hauptsache, Khadri bekam Hilfe. Noch viel länger und sie hätte selbst eingegriffen.
„Seht ihr das nicht? Es ist Frühling“, meinte das Einhorn beiläufig und senkte sein Horn auf Khadris Brust herab. Berührte sie sanft direkt über dem Herzen, während die Spitze seines Horns aufleuchtete und das Licht auf Khadris Körper übertrug. Einen Moment später atmete die Halb-Elfe hörbar auf.
Das Einhorn zwinkerte. „Möchtest du einen Anstecker?“
Ehe Khadri jedoch eine Antwort geben konnte, erschien an der Stelle, wo das Horn sie berührt hatte, eine runde Brosche, auf dem in großen Lettern HCCC stand. Leise hauchte sie einen verlegenen Dank.
Lia dachte über die Aussage des Einhorns nach – offenbar jenem Präsidenten, den sie ohnehin nach den Problemen hier hatte fragen wollen, – während dieser zu Heskan trottete. Jetzt, da er es gesagt hatte, merkte sie es auch: Seit sie den Wald betreten hatten, war es spürbar kühler geworden, als es sich für einen späten Hochsommer gehörte, wie sie ihn in Fallow’s Reach hinter sich gelassen hatten. Das mochte wohl auch erklären, warum ihre Freundin in ihrer knappen Kleidung so gefröstelt hatte. Und tatsächlich standen viele der Bäume um sie herum in ihrer Frühlingsblüte.
„Ist hier die Jahreszeit … verschoben?“, Lia wusste nicht, wie sie es besser ausdrücken sollte.
Der Präsident hob sein Horn an die Brust des Dragonborn, der es wie erstarrt über sich ergehen ließ. „Verschoben? Nein, hier herrscht schon seit über einem Jahr Frühling – Anstecker?“
„Nein!“, schnappte Heskan etwas ungehalten, bekam aber trotzdem einen.
„Und daran sind die Elfen schuld? Hier aus dem Wald?“, fragte Lia, während sie Khadri auf die Füße zog und bereitwillig zuließ, dass der Präsident auf sie zutrat.
„Jedenfalls haben sie immer für den Wechsel der Jahreszeiten gesorgt. Aber jetzt passiert da nichts mehr. Und uns Tieren geht das allmählich ziemlich an die Substanz. Ihr wisst schon – Kreislauf des Lebens“, sprudelte das Einhorn, während es die Elfe behandelte. Sie spürte die wärmende Kraft noch, als auch auf ihrer Brust ein Anstecker erschien.
„Wir verlangen ja nicht, dass es sich von heute auf morgen ändert. Aber wir würden uns schon freuen, wenn sie an der Sache bleiben und wir überhaupt mal wieder eine andere Jahreszeit bekommen. Und da wäre eine kleine Erinnerung nicht schlecht“, er schnaubte verhalten. „Wir Tiere haben es nämlich wirklich satt, und von unreifen Früchten zu ernähren.“
„Gut, wir versuchen es. Wo finden wir sie?“, Lia war ein wenig hin- und hergerissen. Sie vermutete, dass es sich nicht um eine Enklave handelte. Einerseits war sie erleichtert darüber, sich nicht mit Sonnenelfen befassen zu müssen. Der Auftrag ihrer Göttin wurde ihr aber wieder äußerst unangenehm bewusst.
Der Präsident beschrieb ihr unterdessen einen Weg zur Siedlung der Elfen – an Clarence vorbei, wie er versicherte. Abgesehen davon weckten seine Schilderungen in ihr wieder ein unverständliches Gefühl des Vertrauten.
„Wofür steht eigentlich HCCC?“, fragte Khadri schüchtern, als er geendet hatte.
Honorable Congregation of Creatures and Critters – es ist mir eine Freude“, der Präsident verneigte sich, so gut ein Einhorn es eben konnte. „Nun verzeiht – ich habe noch weitere Termine heute.“
„Dann nochmals vielen Dank für die Hilfe“, verabschiedete sich Lia, als er sich langsam entfernte.
Sie sah fragend in die Runde. Bis ihr klar wurde, dass selbst Heskan ihr nun bedingungslos folgen würde. Ohne ihr Geleit waren die anderen beiden aufgeschmissen.
Sie kehrte auf den Pfad zurück, den sie vorher gegangen war und orientierte sich an der Beschreibung. Bewusst an der Richtung vorbei, in die Humphrey verschwunden war. Und auch sonst begegneten ihnen keine unverhältnismäßig großen Spinnen mehr. Elfen allerdings auch nicht. Selbst, als sie angeblich bereits am Ziel waren, konnte Lia keine Anzeichen von Siedlung erkennen. Nur Wald, urtümlich, aber nicht anders als zuvor.
Dachte sie jedenfalls, ehe sie die kobelartigen Bauten in den Bäumen entdeckte. Und dann die Menge an Speerspitzen, die auf sie deutete. Sofort merkte sie, wie ihre Gefährten zusammengedrängt wurden und näher an sie heranrückten. Der Geruch von plötzlich aufsteigender Angst, hauptsächlich von Khadri, wehte zu ihr herüber.
Eins spürte sie sofort: Die Besitzer der Speere waren keine Elfen. Für ungeübte Augen mochte es wohl keinen Unterschied machen und selbst Lia sah nicht direkt, was an ihnen anders war – bis auf die Kleidung vielleicht, die bei allen zu einem guten Anteil aus Blättern zu bestehen schien. Vor allem lag es aber in ihrer Ausstrahlung, die sie urtümlicher und zeitloser erschienen ließ als die Elfen, die Lia kannte. Irgendwie erhabener. Aber dennoch unmissverständlich von den Eindringlingen gestört, welche die Gefährten für sie darstellten.
„Wie habt ihr hierher gefunden?“, fragte eine Frau streng, die direkt vor Lia stand.
„Wir … also … das Einhorn hat uns den Weg hierher beschrieben“, antwortete sie vorsichtig. Eigentlich hatte sie sich die Information für später aufheben wollen, doch ihr war nichts Besseres eingefallen. Die Augen ihres Gegenübers verengten sich gefährlich und veranlassten Lia, behutsam ihre Hände zu einer beschwichtigenden Geste zu heben. „Es hat und vorhin geholfen und da-“
„-hat es auch um die Gegenleistung gebeten, wegen des Problems hier im Wald zu uns zu kommen“, beendete die Wächterin ihren Satz, nun eher genervt als feindselig. Sie bemerkte Lias fragende Miene, rang die Hände und handelte sich für den wackelnden Speer einen mahnenden Blick ihres Nachbarn ein. „Natürlich ist uns das Problem bekannt – es stört uns ja auch. Aber so sehr wir auch suchen, wir kommen der Lösung nicht näher.“
„Das klingt, als wüsstet ihr bereits die Ursache des Problems“, meldete sich Khadri schüchtern in Lias Rücken.
„Und dann könntet ihr theoretisch auch schon die Lösung wissen? Oder liegt es nicht in der Umsetzung in der Lösung, sondern darin, dass ihr sie noch nicht gefunden habt?“, griff sofort Heskan den Faden auf.
Lias Überraschung spiegelte sich auf den Gesichtern der Waldbewohner. Ihre beiden Gefährten hatten scheinbar gerade wieder diese Art von Denken eingeschaltet, das nur sie selbst verstanden.
„Ja, wir kennen die Lösung. Aber wie sollen wir denn die Jahreszeiten verändern, wenn wir nur noch die Frühlingskönigin haben? Sie kann nun einmal nur für Frühling sorgen“, die Frau seufzte leise.
„Song!“, fauchte ihr Nachbar leise, ungehalten. „Das geht sie nichts an!“
„Was ist mit den anderen Königinnen?“, hakte Heskan dennoch unverfroren nach. Lia wunderte sich, wie er so sicher sein konnte, dass es überhaupt andere Königinnen gab.
Die Wächterin warf ihrem Nachbar einen Seitenblick zu, betrachtete dann sehr lange die Gefährten und senkte ihren Speer. „Zwei entführt, eine verstorben. Und glaubt uns – wir suchen überall, aber wir finden weder unsere entführten Königinnen noch eine Nachfolge.“
„Warum erzählst du ihnen das!? Das sind Fremde!“, fuhr ihr Nebenmann ihr über den Mund.
Die Wächterin wirkte nachdenklich. „Ich weiß nicht. Mir erscheinen sie … vertraut. Ich weiß, es klingt merkwürdig, Soothing Sound, aber ich denke, wir können sie als unsere Gäste willkommen heißen.“
Sie bedeutete den anderen, ihre Waffen zu senken. Ihr Nachbar folgte ihrem Befehl nur widerwillig.
„Bitte verzeiht diesen Empfang. Ihr habt sicher einen weiten und schwierigen Weg hinter euch. Wer wären wir, wenn wir euch unsere Gastfreundschaft ausschlagen?“, die Wächterin nahm Lias Hände und hielt sie kurz in einem warmen, sanften Griff. „Ich bin Song of the Nightingales und heiße euch in unserem Dorf willkommen. Und ihr seid?“
Lia stellte sie vor, beschränkte sich allerdings auf die Vornamen ihrer Gefährten. Ihre Beinamen konnte sie sich beim besten Willen nicht merken.
„Bekommen wir auch die Königin zu sehen?“, fragte Heskan aufgeregt.
Song lächelte. „Wollt ihr? Wir können zu ihr gehen.“ Sie wandte sich an ihren mürrischen Nachbarn. „Soothing Sound, geh voraus und kündige uns an.“
Der Angesprochene knurrte mürrisch und ging davon. Song machte daraufhin eine einladende Geste in dieselbe Richtung, schlug allerdings ein langsameres Tempo an.
„Pst! Lia!“
So laut, wie das zu hören war, konnte es nur einer sein. Fragend drehte sie sich zu Heskan um.
Der Dragonborn hatte den Kopf schief gelegt. „Ist es üblich, dass Elfen Königinnen für die Jahreszeiten haben?“
Was für eine Frage.
„Nein“, antwortete sie entschieden. Jedenfalls nicht, dass sie wusste. Und dann fragte sie sich, was sie da so sicher machte.
„Dann sind das … seid ihr Fey?“, Heskan musste auch bemerkt haben, dass ihn ohnehin schon jeder hören konnte.
„Fey? Nun, unsere Ursprünge können wir wohl nicht verleugnen, aber nein. Wir sind Eladrin“, erklärte Song.
Khadri schob sich an Lias Seite und spähte zu der Wächterin herüber. „Keine Elfen?“
Song wandte ihr noch einmal den Blick zu und betrachtete sie sehr lange. „Für jemanden wie dich mögen wir gleich aussehen. Aber es ist eher so: Wenn wir Eladrin die Wurzeln eines alten Baums sind, dann sind die Elfen seine Blätter. Verstehst du?“
Khadri verstand sehr offensichtlich – und etwas an der Antwort gefiel ihr nicht. Ihre gerunzelte Stirn und die zusammengepressten Lippen sagten so viel in das Schweigen, in das sie sich zurückzog.
Sie betraten eine Senke, die Lia für einen Augenblick erstaunt innehalten ließ. In ihrer Mitte ruhte eine beinahe mannsgroße Blüte mit spitzen Blütenblättern, die sich von einem intensiven Rot nach außen zu einem genauso intensiven Blau verliefen. Khadri hinter ihr brach ihr Schweigen, indem sie hörbar nach Luft schnappte. Doch als Lia nachsah, senkte ihre Freundin mit einem etwas verstörten Ausdruck den Blick und gab wieder keinen Ton von sich. Irgendetwas kam ihr daran entfernt bekannt vor. Doch ehe sie fragen konnte, nahm Song ihre Hand und führte sie zu der Blüte.
„Nehmt euch alle bei den Händen, bitte, dann können wir alle auf einmal hindurch“, forderte die Wächterin sie auf.
Hindurch?
Lia wunderte sich noch, als Khadri eine eiskalte Hand in die ihre schob und Heskan raschelnd zu ihnen aufschloss, um die andere Hand der Halb-Elfe zu nehmen. Nur einen Bruchteil eines Augenblicks später spürte die Elfe einen kurzen Schwindel, dann standen sie nicht mehr auf dem Boden, sondern vor einem besonders großen Bau in einer Baumkrone. Staunend sah sie sich um: In sämtlichen Bäumen um sie herum befanden sich Bauten. Verbunden waren sie über Stege und Hängebrücken – eine komplette Siedlung in den Baumwipfeln. Und die Blume hatte sie offenbar direkt vom Boden hier hinaufgebracht.
„Alles in Ordnung? Verträgst du die Höhe nicht?“, fragte sie Khadri, die sehr fahl aussah. Die schüttelte zwar recht energisch den Kopf, wirklich beruhigt war Lia dadurch allerdings nicht. Sie hoffte nur, ihre Freundin wurde nicht krank – sie sah schon eine Weile etwas angegriffen aus und es schien schlimmer zu werden.
Song trat zu der Halb-Elfe herüber und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Du hast hier nichts zu befürchten, Liebes.“
Tatsächlich schien das Khadris Lebensgeister wieder ein wenig zurückzuholen. Jedenfalls wirkte sie nicht mehr ganz so blass und aufgekratzt, als sie sich von der Eladrin in Richtung des Gebäudes vor ihnen schieben ließ. Lia folgte ihr und betrat eine großzügige, helle Halle, an der zur gegenüberliegenden Seite der Tür eine weitere Eladrin auf einem stabilen Thron saß und offenbar in ein Gespräch mit zwei ihrer Gefolgsleute vertieft war. Den einen erkannte sie wieder als Soothing Sound, den unfreundlichen Wächter an Songs Seite. Das andere war eine Frau mit einem strengen Gesicht, die aufsah, als sie – durch eine Zeile an weiteren Wächtern hindurch – die Halle durchquerten.
„Da sind sie schon“, verkündete Soothing Sound etwas säuerlich, entfernte sich mit einer Verbeugung von dem Thron und gesellte sich zu den anderen Wächtern in der Halle.
Song trat vor, verneigte sich vor der Eladrin auf dem Thron und wies dann der Reihe nach auf ihre Begleitung. „Meine Königin, ich präsentiere Euch unsere Gäste: Khadri, Lia und Heskan.“ Dann drehte sie sich vollends zu ihnen um. „Dies ist Scent of the Blooming Flowers, die Frühlingskönigin.“
Khadri quiekte erschrocken und faltete sich blitzschnell zu einer derart demütigen Pose zusammen, wie Lia sie noch nie gesehen hatte: Klein, zusammengekauert, die Stirn auf den Boden gesenkt. Heskan auf der anderen Seite ging auf ein Knie. Dabei wirkte diese Frau in ihren Augen nicht mehr und nicht weniger achtenswert als jedes andere Lebewesen – kein Grund, solch ein Aufhebens zu machen.
„Will die Elfe Ihrer Hoheit keinen Respekt zollen?“, fragte die Eladrin, die neben der Königin stehen geblieben war, in scharfem Ton.
Die Frühlingskönigin hob beschwichtigend eine Hand. „Lass gut sein, Refreshing Taste…“
Im selben Moment spürte Lia allerdings einen harten Schlag in die Kniekehlen, der ihre Beine einknicken und hart auf den Boden schlagen ließ. Sie wollte wieder aufspringen und sich ihrem Angreifer stellen, doch ein Speer hinderte sie daran.
„Soothing Sound of the Brook – das reicht!“, die Stimme der Königin klang immer noch leise und weich, aber plötzlich unüberhörbar Gehorsam fordernd. „Sie soll stehen und mir ins Gesicht sehen, wenn es ihr beliebt. Wenn du das nicht ertragen kannst, verlasse sofort diesen Raum.“
Der Wächter knurrte leise, dann spürte Lia, wie sein Speer verschwand und er eilig davonschritt. Kaum, dass die Schritte verklungen waren, rappelte sich die Elfe wieder auf und richtete ihre Kleidung.
„Entschuldige bitte“, raunte Song ihr zu. „Er nimmt seine Arbeit sehr ernst – sieh ihm das nach.“
Die Königin atmete aus. „Nun, denn – Song, was bringt diese drei zu uns?“
„Ich glaube, sie sind nur durch Zufall auf unser Problem gestoßen und wollen ihm nun auf den Grund gehen. Und – warum auch immer – ich habe das Gefühl, dass sie uns vielleicht helfen können.“, die Wächterin bewahrte ihre Haltung, obwohl sie etwas unsicher wirkte. Gleichzeitig glänzte in ihren Augen eine verzweifelte Hoffnung.
Die Frühlingskönigin musterte sie nun ebenfalls sehr lange, sehr nachdenklich. Lia konnte sehen, wie Khadri unter ihrem Blick erschauerte, als ob sie spürte, dass sie so taxiert wurde. Sie selbst erwiderte den Blick der Eladrin mit mildem Interesse, während Heskan sich in der Halle umsah, während er betrachtet wurde.
„Ja, du könntest recht haben. Sie alle haben etwas an sich“, stimmte die Königin schließlich leise zu und wandte sich dann an die Gefährten. „Ihr kommt von weit her, nicht wahr? Von sehr unterschiedlichen Orten.“
Da die anderen beiden in ihrer jeweiligen Haltung mehr oder weniger gut sichtbar nickten, schloss Lia sich an.
„Eure Anteilnahme an unseren Sorgen ehrt euch“, die Königin sank ein wenig in sich zusammen. „Ich weiß zwar nicht – vielleicht noch nicht, – wie ihr uns helfen könnt, aber dafür solltet ihr wohl auch erst einmal das ganze Problem kennen.“
Sie bemerkte plötzlich ihre Haltung und richtete sich wieder auf. „Vor einigen Jahren haben wir die Sommer- und die Herbstkönigin verloren. Besser: Sie wurden entführt. Wir suchen seither jeden erdenklichen Ort nach ihnen ab, doch eine ganze Welt ist groß und so konnten wir sie bislang nicht wiederfinden. Schon das sorgte dafür, dass der Jahreszeitenlauf aus dem Gleichgewicht geriet – natürlich. Zusammen mit der Winterkönigin konnten wir wenigstens noch irgendeine Form von Wechsel hervorrufen, wenn auch keinen mit warmen Sommern. Aber das Fehlen der anderen beiden war noch halbwegs kompensiert. Die letzte Winterkönigin ist allerdings vor einem Jahr verstorben und alleine kann ich diesen Wechsel nicht aufrechterhalten.“
Sie schüttelte traurig den Kopf. Lia sah ihr an, dass sie erschöpft war.
„Das heißt, das Amt kann seine Besitzerin wechseln?“, hakte Heskan nach und bekam ein Nicken.
„Woher wisst ihr dann, dass die anderen beiden Königinnen noch leben?“, fragte Lia.
Die Frühlingskönigin seufzte. „Wissen wir nicht. Wir finden weder die Bisherigen noch sind Neue in Erscheinung getreten.“
Khadri räusperte sich beinahe lautlos.
„Woran erkennt man das?“, fragte Lia weiter, allmählich doch etwas besorgt um den Zustand der Hoheit vor ihr.
Die lächelte schwach. „Da gibt es kein bestimmtes Muster. Wenn es so einfach wäre, hätten wir es vielleicht auch schon herausgefunden.“
Khadri räusperte sich wieder, kaum lauter als vorher. Lia konnte sehen, wie einige Finger der Halb-Elfe leicht zuckten, bevor sie sie hastig zurückzog.
Heskan blickte zur Seite. „Sind sie das?“
Lia folgte wie die Königin seinem Blick auf einige Gemälde an der Wand. Es waren vier Portraits von Frauen, denen man direkt ansah, dass sie eine bestimmte Jahreszeit verkörperten. Die Frühlingskönigin auf dem Bild sah allerdings nicht so aus wie die Eladrin, die vor ihnen saß.
„Das sind ihre wahren Gestalten, ja. Es heißt nicht, dass sie diese Form annehmen und dadurch erkennbar sind“, erklärte die amtierende Frühlingskönigin.
„Darf ich?“, Heskan machte Anstalten, sich zu erheben und setzte es auch um, als die Königin nicht widersprach. Er trat an die Gemälde heran, betrachtete das Letzte genauer und verharrte davor. „Die Winterkönigin, nicht wahr? Ich habe sie schon einmal gesehen.“
Die Frühlingskönigin fuhr zusammen. „Wo!?“
„Im … in einer Vision“, stellte er fest und ließ den Kopf hängen.
Bei Khadris drittem Räuspern beugte sich Song zu ihr herunter. „Du darfst dich aufrichten, weißt du?“
Die Halb-Elfe folgte der Aufforderung sehr zögerlich und schüchtern, wagte es kaum, den Blick der Königin zu erwidern.
Die schmunzelte daraufhin leicht. „Sprich ruhig, Kind.“
Khadri rieb sich unsicher die Hände. „I-ich habe einen Verdacht. Allerdings weiß ich nicht, wie viel Substanz er hat. N-nur, wenn die Kräfte der Königinnen mit denen von Göttern vergleichbar wären…“
Sie unterbrach sich ein wenig hilflos, während die Frühlingskönigin sie stirnrunzelnd ansah.
„V-vielleicht sehe ich aber auch Zusammenhänge, wo keine sind“, fuhr die Halb-Elfe schließlich leise fort. „Hoheit, das ist nur etwas, was uns derzeit sehr beschäftigt. Wenn Euer Problem den gleichen Ursprung hat, sollten wir vielleicht die Karten offenlegen. Aber ich weiß nicht, ob meine Freunde damit einverstanden sind…“
Da fiel es Lia wie Schuppen von den Augen: Khadri meinte den Usurpator! Dass er womöglich für die Entführung der Königinnen verantwortlich war. Das machte ihr ganzes Problem womöglich umso schlimmer und vielleicht mochte sie dann recht haben. Aber Nelisansa hatte sie dazu ermahnt, dieses Wissen auf keinen Fall weiterzugeben.
Sie warf ihrer Freundin einen warnenden Blick zu, als diese sich fragend nach ihnen umsah. Die Königin bemerkte es auch.
„Mir scheint, ihr seid darüber noch uneinig. Das kann ich bei Sorgen dieser Größe auch verstehen“, meinte sie nachsichtig. „Möchtet ihr euch erst einmal zurückziehen, ausruhen und euch beraten? Danach könnt ihr gerne wieder zu einer Audienz bei mir erscheinen. Seid solange unsere Gäste. Es würde mich aber freuen, wenn ihr in Betracht zieht, dass ich vollkommen offen zu euch gesprochen habe.“
Tut mir leid, sagte der Blick, den Khadri in Lias Richtung warf. Die Elfe war sich allerdings noch nicht ganz sicher, ob ihr wirklich ein Vorwurf zu machen war. Sie hatte es bestimmt nicht böse gemeint.
„Song, bring unsere Gäste zu Croak. Sie wird sich sicher freuen, jemanden beherbergen zu dürfen“, wies die Königin an. Die Wächterin verneigte sich und blickte erwartungsvoll in die Runde. Heskan und Khadri taten es ihr gleich und kehrten dann aus ihren jeweiligen Haltungen in eine solche zurück, in der sie Song folgen konnten. Widerwillig rang sich Lia ein Nicken ab und wandte sich dann ebenfalls um.
Song führte sie hinaus und über die inzwischen im Dämmerlicht vor ihnen liegenden Stege. Zwischen den Blättern der umliegenden Bäume schwirrten vereinzelt kleine Lichter.
Khadri schlich an Lia vorbei auf die Wächterin zu – allerdings eindeutig mit dem Ziel, unaufdringlich zu sein, nicht bedrohlich. „Darf ich euch etwas fragen?“
„Natürlich“, Song lächelte ihr aufmunternd zu.
„Diese Blumen…?“
„Beeindruckend, nicht wahr?“, das Lächeln der Wächterin wurde noch ein wenig breiter. „Wir haben es geschafft, sie so zu züchten, dass man von einer großen Blüte aus viele kleinere Blüten erreichen kann. So kommen wir schnell von Ort zu Ort. Schau.“
Sie wies auf das Geäst um sich und nun entdeckte auch Lia immer wieder kleine Ableger der intensiv roten und blauen Blume. Khadri erschauerte bei dem Anblick.
„Gibt es die nur hier?“, schaltete sich Heskan neugierig ein.
„So weit ich weiß, ja. Es ist sehr anspruchsvoll, sie zu züchten, daher glaube ich nicht, dass es jemand anderem gelingen würde“, fuhr Song fort. „Es ist nicht so, dass wir ein Geheimnis daraus machen, aber dieses Wissen weiterzugeben würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Daher verzeiht mir, wenn ich mich auf diese kleine Erklärung beschränke.“
Khadri war stehen geblieben und blickte mit weit aufgerissenen Augen in die Baumkronen. „Aber … dann … oh, Ratten!“
Plötzlich stolperte sie zurück und riss die Hände vor ihr Gesicht. „Eia ‘oia ‘o ia ma nei!
Song fing sie ab und packte sie fest bei den Schultern. Sofort schien sich auch Khadri wieder ein wenig zu fangen. Ihr Atem beruhigte sich, doch ihre Augen blieben weit aufgerissen.
Die Wächterin warf ihnen einen besorgten Blick zu. „Macht sie das öfter?“
Lia wollte nicht, doch ihr Kopf nickte fast wie von selbst. Besänftigend begann Song, der Halb-Elfe über den Rücken zu streichen. „Ganz ruhig. Ich habe dir doch schon gesagt, dass du nichts zu befürchten hast.“
Da drang ein leises Pfeifen an ihre Ohren. Weit weg, aber erstaunlich klar zu hören.
Song schüttelte leicht den Kopf. „Und jetzt der wieder … ach, Rustle…“
Lia war plötzlich wie erstarrt: Es war genau die Melodie, die ihr seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf ging.